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„Wir sind Teil dieser Stadt geworden“

Muezzin ruft über Gaarden „Wir sind Teil dieser Stadt geworden“

Die Moschee in Kiel-Gaarden wurde am Freitag unter Polizeischutz eröffnet. Einmal täglich ruft jetzt dort der Muezzin.

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Imam Abdurrahman Latifoglu ließ seinen ersten Gebetsruf durchaus symbolträchtig Richtung HDW erschallen.

Quelle: Martin Geist

Gaarden. Allenthalben betonten die Redner, dass die Einweihung eines Minaretts in einer pluralistischen Gesellschaft etwas sehr Normales und sehr Demokratisches sei. Die Zeiten sind allerdings nicht so sehr normal, sondern eher aufgeregt. Was sich nicht nur an der dauernden Wiederholung dieser Aussage zeigte, sondern auch am beachtlichen Polizeiaufgebot, das am Freitag die vom Türkisch-Islamischen Kulturverein gefeierte Fertigstellung seines neuen Minaretts in der Elisabethstraße begleitete.

 Wie kaum anders zu erwarten, blieb im multikulturell erfahrenen Stadtteil Gaarden alles ruhig. „Freut Euch mit den Fröhlichen“, fasste, den Apostel Paulus zitierend, Propst Thomas Lienau-Becker vom Kirchenkreis Altholstein die Stimmung treffend zusammen. Knapp 200 Gäste vielerlei Glaubens taten genau das, gratulierten und lauschten kurz nach Mittag interessiert dem ersten Ruf des Muezzin.

 Der erschallt – anders als zunächst von unserer Zeitung dargestellt – nicht nur einmal in der Woche zum Freitagsgebet, sondern täglich um die Mittagszeit. Nach der reinen Lehre wäre dies fünfmal am Tag der Fall, die Gemeinde beschränkt sich aber freiwillig und will auch die Lautstärke so dezent halten, dass nur direkt auf dem Moscheegelände wirklich etwas zu hören ist. Die Zuhörer des Premiere-Rufs bestätigten am Freitag durchweg, dass genau dies der Fall sei.

 Bekir Yalim, Vorsitzender des Moscheevereins, zeigte sich erkennbar bewegt über den von vielen Glaubensgeschwistern seit Jahren herbeigesehnten Tag der Minarett-Einweihung. Dieses Ereignis sei „erfreulich, auch für unsere Freunde in anderen Religionen“, betonte er. Und fügte hinzu, dass das Minarett kein Zeichen der Trennung sei, sondern genau das Gegenteil bedeute: „Wir Muslime sind ein Teil dieser Stadt geworden.“

 Pastor Klaus Onnasch, Pionier des interreligiösen Dialogs in Kiel, bekräftigte das. Als es 1993 erste Regungen zum Dialog der Religionen gab, so erinnerte er sich, fanden Moscheebesuche durchweg noch in Werkstätten oder Garagen statt. Glauben in angemessenen Räumen und eben auch mit Minaretten zu praktizieren, das ist nach Onnaschs Überzeugung eine zwingende Folge des Respekts vor den Religionen.

 Auch der Landtagsvizepräsident und Ostufer-Abgeordnete Bernd Heinemann hob hervor: „Die Freiheit des Glaubens macht unsere demokratische Gesellschaft aus.“ Innenstaatssekretärin Manuela Söller-Winkler bezeichnete das Minarett als „echte kulturelle Bereicherung für unser Land“, Stadtrat Gerwin Stöcken sprach von fast so etwas wie einer Notwendigkeit. Im vergangenen Jahr habe Kiel 4000 Neubürger überwiegend aus muslimischen Ländern aufgenommen, ihnen eine religiöse Heimat zu geben, das sei auch unter dem Gesichtspunkt der Integration unumgänglich.

 Durchaus zur Sprache kam bei der Feier, dass es Menschen gibt, die das anders sehen. Minarette seien hierzulande historisch betrachtet ungewohnt, gab Propst Lienau-Becker zu, CDU-Ratsherr Cetin Yildirim von Pickardt zeigte sich besorgt über Rechte und Populisten, die mit solchen Themen ihr Süppchen kochen. Sein Rat: „Wer das Abendland schützen will, sollte das Grundgesetz schützen.“

 Darin steht halt auch, dass an der Freiheit der Religion nicht gerüttelt werden darf und die Menschen in all ihrer Verschiedenheit zu akzeptieren sind. Was Cahit Kücükyildiz, der Religionsattaché des türkischen Generalkonsulats, mit diesen nüchternen Worten ausdrückte: „Verschiedene Religionen haben verschiedene Symbole.“

 Ein Kompliment für den Stadtteil Gaarden hatte am Rande der Feier SPD-Ratsfrau Özlem Ünsal parat. Dem Ortsbeirat, dem Stadtteilbüro, den Kirchen und vielen anderen Akteuren ist es aus ihrer Sicht zu verdanken, dass das Thema Minarett schon vor Jahren auf den Tisch kam und in aller Unaufgeregtheit diskutiert werden konnte.

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