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Täglich drei Mahlzeiten und 60 Kilo Zucker

Erstaufnahme Nordmarksportfeld Täglich drei Mahlzeiten und 60 Kilo Zucker

Ein ungewöhnlicher Besuch bei einer sehr gewöhnlichen Angelegenheit: Für die Flüchtlinge auf dem Nordmarksportfeld ist das Mittagessen in der Kantine der Höhepunkt des Tages. Um Punkt 12 Uhr wird sich die Glastür zur Kantine öffnen. Schon 30 Minuten vorher drücken sich ein paar Kinder an der Scheibe die Nasen platt, hinter ihnen bilden Flüchtlinge in der eisigen Kälte eine meterlange Schlange.

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Kurz nach 12 Uhr und die Kantine ist voll. Ina Dittrich (links) und Bettina Lübker-Voss füllen Gulasch, Reis und Salat auf.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Dabei gibt es hier gleich nichts Besonderes. Nur Mittagessen. Doch für die 650 Bewohner des Containerdorfes ist es das Highlight des Tages. Drinnen bereiten fünf Küchenhelferinnen der Firma Alsterfood das Essen vor. Heute gibt es eine Art Gulasch mit Rindfleisch und Gemüse dazu Basmatireis, Eisbergsalat und zum Nachtisch Erdbeerpudding. Alternativ für Vegetarier Ofenkartoffeln mit Tomaten, Gurken und Naturjoghurtdip. Doch die beiden warmen Gerichte, die jeden Mittag zur Auswahl stehen, werden nicht etwa hier gekocht. Sie kommen aus einer Großküche in Hamburg. Mit zwei, drei Tagen Vorlauf werden sie dort zubereitet, nach Kiel geliefert und kurz vor der Essenszeit in einem Konvektomaten erwärmt. Währenddessen stellen bereits einige Flüchtlinge die Stühle im Speisesaal auf und wischen Tische ab. Später müssen die freiwilligen Helfer noch das Geschirr abräumen. 1,05 Euro pro Stunde verdienen sie für ihre gemeinnützigen Dienste.

Meterlange Schlangen

12 Uhr. An der Glastür halten sich zwei Wachleute – ausgestattet mit großen Desinfektionsflaschen – bereit. In dem Containerdorf grassiert der Norovirus, auch gibt es Salmonellen und Windpocken. Wer also in die Kantine will, muss die Hände desinfizieren. Kaum ist das erledigt, stürmt der erste Pulk auf die vier Essenausgabestellen zu. Im Nu bilden sich wieder meterlange Schlangen. Obwohl es zimmerwarm ist, warten die Menschen in ihren dicken Winterjacken, Schals, Mützen, Kopftüchern. Und selbst beim Essen behalten sie ihre Sachen allesamt an.

Die Küchenhelferinnen fragen jeden, was er möchte. Fleisch? Reis? Zur Verständigung wird auch auf das Essen gezeigt. Das Wort „Salat“ versteht jeder. Wenn sie etwas nicht mögen, heben einige auch nur kritisch die Augenbrauen. Ein Lächeln für die freundlichen Küchenhilfen gibt es selten. „Die Männer sind höflicher als die Frauen“, bemerkt Kathrin Brandt-Fahrenholz und zeigt Verständnis: „Wer weiß, was die Leute durchgemacht haben.“ Mit versteinerter Miene und wenigen Handzeichen bestellt auch die 23-jährige Syrerin Elham Emar für sich und ihre Söhne das vegetarische Essen. Die Kleinen können kaum über den Tresen schauen und ziehen sich auf Zehenspitzen hoch. Hinter ihnen haben sich zwei junge Männer schon zum zweiten Mal angestellt. Das ist erlaubt. Sie dürfen so oft nachbestellen, bis sie satt sind. Nachtisch gibt es allerdings nur einmal.

Lasagne als Lieblingsspeise

Milan (12) und Daniel (9) aus dem Iran stehen neben dem Bestecktisch mitten im Saal. Die rund 250 eng gestellten Plätze in dem 350 Quadratmeter großen Raum sind mittlerweile fast besetzt. Also essen sie im Stehen, was sie offenbar gar nicht stört. Von dort beobachten sie das geschäftige Treiben im Speisesaal. Auf ihren Tellern nur Reis und Salat. Mögen sie das Gulasch nicht? Milan spricht tatsächlich etwas Englisch und verneint. Das Essen finde er hier nicht so gut. Nur die Lasagne, die würden sie gern jeden Tag essen.

Bis um 14.30 Uhr ist die Kantine mittags geöffnet. Doch schon nach einer Stunde ist der große Andrang vorüber. Die kargen Tische und Stühle, der grell erleuchtete Raum – zum Verweilen lädt der Speisesaal nicht unbedingt ein. Doch Frauen und Männer in Gruppen bleiben sitzen, obwohl nur noch vereinzelt gegessen wird. Während die Kinder herumlaufen, tippen die Erwachsenen auf ihren Handys, trinken Wasser, Tee oder Kaffee aus weißen Bechern. Auch davon dürfen sie so viel nehmen, wie sie wollen.

Aus den großen Zuckerpötten neben den Getränkebehältern schaufelt ein vielleicht sechsjähriges Mädchen vier Esslöffel Zucker in einen Becher Kaffee. Es setzt sich zwar an den Tisch zu den Erwachsenen, den Kaffee trinkt es aber selbst. Unter den Flüchtlingen sei das ganz normal, klärt Schichtleiterin Silke Voigt auf. Schon die Kleinen würde Kaffee trinken. Aber auch die Großen stünden extrem auf Zucker. Manchmal kämen sie gar nicht mit der Bestellung hinterher, sagt die Küchenfrau. „Am Tag gehen rund 60 Kilo Zucker weg.“ Das dürfte die 3000 Kalorien, die der Caterer Alsterfood pro Person und Tag durch die Mahlzeiten anbietet, noch mal ordentlich steigern. Und den Menschen das Leben im Containerdorf zumindest etwas versüßen.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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