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Mit roter Nase den Alltag aufhellen

Es gibt auch gute Clowns Mit roter Nase den Alltag aufhellen

Ein bedenklicher Trend aus den USA bringt die Clown-Zunft in Verruf. „Horror-Clowns“ in Gruselmasken sorgen weltweit für Aufregung. Während die Grusel-Clowns für Angst und Schrecken sorgen, wird der Besuch der guten Clowns vielerorts sehnlichst erwartet.

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Gesang und Klamauk: Gerhardt Kienapfel (li. 82), Klinikclown Harald Roos (54) , Seniorenclown Hannes Wendt (58) und Bruno Engel (82) albern herum.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel/Kappeln. Zum Beispiel auf der Kinderkrebsstation im UKSH in Kiel. Harald Roos (54) gründete 2003 die „Kieler Klinikcläune“, die in Krankenhäusern für glückliche Momente sorgen. Als „Dr. med Wurst“ betreut Roos kranke Kinder, muntert sie und ihre Familien auf. Auch durch seine Auftritte als Hochmatrose Harribeker zur Kieler Woche ist er stadtbekannt geworden.

Die neugierige und tapsige Art der Clowns tut nicht nur kleinen Patienten gut. Auch in Altersheimen setzt man auf die Rotnasen. Hannes Wendt (58) ist seit zwölf Jahren Seniorenclown und betreut 25 Altenheime vorwiegend im Flensburger Raum. Er ist mehr als ein Quatschmacher. Mit Liedern und Anekdoten kurbelt er das Gedächtnis der Senioren an. Er bewegt die Menschen. Die meisten lachen, aber manchmal sind die Emotionen und Erinnerungen so überwältigend, dass auch Tränen fließen.

Sehen Sie hier ein Vorher-Nachher-Bild:

Harald Roos und Hannes Wendt besuchen die Margarethen-Residenz in Kappeln gemeinsam einmal im Monat. „Da liegen Welten dazwischen auch wenn man sagt, dass ältere Menschen mehr wie Kinder werden“, sagt Roos. Bei Kindern komme der persönliche Kontakt von alleine. Durch die bunten Kostüme und Requisiten werden die Kleinen neugierig. Ältere Menschen seien am Anfang oft ein wenig verhalten. Da müsse man sich mehr anstrengen. Eines ist überall gleich: „Wenn wir kommen, ist die Stimmung gleich anders.“

Altenheim Clowns im Seniorenwohnheim in Kappeln.
Clown Hannes Wendt (58) begrüßt alle Besucher persönlich - hier freut sich Ursula Diekmann (95) über die persönliche Ansprache.

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Auf der blauen Station der Margarethen-Residenz in Kappeln herrscht Unruhe. Die Clowns haben Verspätung. „Die trödeln schon wieder“, stellt Bruno Engel (82) fest. Weil Hannes Wendt und Harald Roos sich angekündigt haben, sind die meisten Bewohner schon mit Gehwagen und Rollstuhl angerückt. Nun wird ihnen die Zeit lang. Ungeduldig geht der Blick zur Uhr, deren Ticken in der Stille lauter geworden zu sein scheint. In einer massiven Schrankwand aus Holz stehen altes Porzellan und ein großer Fernseher. Die Couchgarnitur mit Blumenmuster erinnert an einen Kaffeebesuch bei der Großmutter. Doch der Rollwagen mit medizinischem Zubehör bricht die Illusion, holt einen wieder in die Realität des Altenheimes zurück. „Wo bleibt Hannes?“, rumort es unter den Senioren.

Die Gesichter hellen sich auf

Hannes und Harald schmeißen beim Reinkommen kein Konfetti, brüllen oder springen. Die beiden Clowns schlurfen mit ihren übergroßen Schuhen, den roten Nasen und den viel zu weiten Hosen winkend in den Aufenthaltsraum. Und das reicht schon, damit sich die Gesichter der Senioren aufhellen. Jeder wird mit Handschlag und einem flotten Spruch begrüßt: „Das ist Erika aus Amerika. Die ist da ein Star.“ Die Begrüßung ist auch immer eine Bestandsaufnahme. „Dem Clown ist es egal, ob jemand dement oder krank ist oder gerade eine aggressive Phase hat“, betont Wendt. Trotzdem sei es wichtig zu schauen, wer an dem Tag nicht so gut drauf ist oder ob jemand Neues dabei ist. Darauf stimmen Wendt und Roos die Stunde, die sie bei den Senioren verbringen, ab. Ein festes Programm gibt es nicht.

Neben dem typischen Clownsrepertoire, wie Ballontieren oder Slapstick, ist die Gitarre die wichtigste Requisite. Gemeinsam stimmt sie mit den Senioren Lieder aus der Heimat und ihrer Jugend an. Jeder wippt und schunkelt, so gut er kann. Die tickenden Uhr wird von Gesang und Lachen übertönt: „Dor is mine Heimat, dor bün ick to hus.“„Es ist kein Zuhause hier“, sagt Elise Dommeratzky (88), „aber sie geben sich hier alle Mühe.“ Die Seniorin kommt immer, wenn die „beiden Quatschköppe“ da sind und bewundert ihre Arbeit: „Das ist auch ’ne Kunst. Glaub mal nicht, dass denen immer so zumute ist.“ Die Verkleidung gibt Roos und Wendt Freiheiten. Sie können neugieriger und frecher sein und Grenzen, die man als normaler Mensch hat, überschreiten. Und die Verkleidung schützt den Menschen hinter der roten Nase: „Als Clown schaue ich nicht auf Elend und Krankheit, sondern darauf, was ich mit den Menschen machen kann.“ Deshalb besuchen beide Günther Paul (82). Krankheit und Alter haben den Senioren ans Bett gefesselt. Gemeinsam singen alle drei die „Capri-Fischer“. Paul kennt jede Zeile des Klassikers auswendig und schüttelt das Rassel-Ei im Takt.

"Das Leben ist endlich"

Ob Wendt in einem Monat alle wiedersieht, weiß er nicht. „Manchmal bin ich völlig perplex, weil jemand stirbt, der beim letzten Mal doch noch so vital war“, sagt er. Da müsse er schon mal schlucken und sich kurz sammeln. Aber es gehört für ihn dazu: „Es ist hier natürlich, dass jemand geht. Das Leben ist endlich.“

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