16 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Chance im Kampf gegen Krankenhaus-Keime

Forschung in Kiel Chance im Kampf gegen Krankenhaus-Keime

Hoffnung im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen: Forscher des Kieler Evolution Centers haben bei einem gefährlichen Krankenhauskeim ein Prinzip nachgewiesen, das neue Behandlungsmöglichkeiten bei multiresistenten Erregern eröffnet.

Voriger Artikel
UKSH lud Patienten in die Kunsthalle ein
Nächster Artikel
Großprojekt bekommt Konturen

Doktorand Camilo Barbosa untersuchte den Effekt der „kollateralen Sensitivität“, der antibiotikaresistente Bakterien behandelbar machen kann.

Quelle: Christian Urban/Universität Kiel

Kiel. Bakterielle Infektionen waren jahrzehntelang gut behandelbar – Antibiotika sei Dank. Doch weil Keime zunehmend Resistenzen gegen Antibiotika entwickeln, werden bisher harmlose Infektionen immer häufiger zu einer Lebensbedrohung. Forscher vom Kiel Evolution Center haben kürzlich im Labor nachgewiesen, dass ein multiresistenter Keim doch noch wirksam bekämpft werden kann – mit den vorhandenen Antibiotika. Damit eröffnen sich neue Perspektiven für den Kampf gegen multiresistente Keime.

Es ist ein evolutionsbiologisches Grundprinzip, dass die Kieler Forscher genutzt haben: Wer auf einem Gebiet besondere Fähigkeiten entwickelt, muss in anderen Bereichen Schwächen hinnehmen. Prof. Hinrich Schulenburg, Leiter des Kiel Evolution Centers an der Christian-Albrechts-Universität, erklärt das gerne anhand des Sports: „Wer ein Top-Fußballer bei Holstein Kiel ist, wird nicht gleichzeitig als Handballer beim THW Karriere machen können.“

Dies sei ein evolutionsbiologischer Zwang, der universell gelte, im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen aber kaum beachtet worden sei. So stellte Schulenburg schon vor Jahren fest, dass in den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen das Wort Evolution nicht einmal vorkam. Und das, obwohl die Evolution der Krankheitskeime für die Ausbreitung der Resistenzen verantwortlich ist.

Systematische Forschung begann vor drei Jahren

Vor drei Jahren begann das Team um Schulenburg deshalb, systematisch zu erforschen, wie sich Resistenzen entwickeln – und ob sich in diesem Prozess gleichzeitig auch Schwachstellen bilden. Dazu wurde der Keim Pseudomonas aeruginosa gewählt. Er ist einer der häufigsten Krankenhauskeime mit vielen multiresistenten Varianten und kann überall dort vorkommen, wo er ausreichend Wasser findet: in feuchten Böden, Toiletten, Waschbecken, Schwimmbädern, Seifenbehältern, Blumenvasen oder Spülmaschinen, sogar in Desinfektionsmitteln. Für gesunde Menschen ist er meist kein Problem. Doch trifft der Keim auf immungeschwächte Menschen oder offene Wunden, kann er lebensgefährliche Infektionen auslösen. Vor allem Krankenhäusern bereitet das inzwischen häufig erhebliche Probleme.

Im Labor setzte der Doktorand Camilo Barbosa das Bakterium regelmäßig in steigenden Dosen einem Antibiotikum aus. Wie erwartet entwickelte der Keim Resistenzen gegen den Wirkstoff. Anschließend wurde untersucht, wie sich der Erreger gegenüber anderen Wirkstoffen verhielt, die er bis dahin nicht kannte. Ergebnis: Gegenüber bestimmten anderen Antibiotika war er deutlich wehrloser geworden. Besonders setzte es ihm zu, wenn er abwechselnd mit einer Kombination aus Penicillinen und Aminoglykosiden konfrontiert wurde.

Erkenntnisse bei Behandlung im UKSH umsetzen

Noch, betont Schulenburg, ist das nur im Labor gelungen. Doch die Erkenntnisse sollen mittelfristig auch bei der Behandlung von Patienten etwa im UKSH umgesetzt werden. „Wir denken, dass wir ein Prinzip aufgedeckt haben, das bisher noch nicht in der Behandlung berücksichtigt worden ist, medizinisch aber hochrelevant sein kann“, sagt Prof. Schulenburg. Vor allem geht das Forscherteam davon aus, dass sich das Prinzip auch bei anderen multiresistenten Keimen zum Wohl der Patienten nutzen lässt. „So können wir Grundlagenforschung in die Anwendung, also die konkrete Behandlung von Menschen, bringen. Und indem wir die Keime potentiell in eine evolutionäre Sackgasse treiben, verschaffen wir uns eine Atempause im Kampf gegen die sehr problematischen Resistenzbildungen.“

Dieser Kampf gegen die Antibiotikaresistenzen muss jedoch auch auf anderen Feldern forciert werden – bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe, aber auch bei der Prävention, etwa durch weniger Antibiotika in Tiermast und Medizin und durch konsequente Krankenhaushygiene.

Das Evolution Center Kiel

Das Kieler Team hat seine Erkenntnisse gemeinsam mit internationalen Kollegen im Fachmagazin Molecular Biology and Evolution veröffentlicht. Dem Kiel Evolution Center gehören Forscher an den Standorten Kiel, Plön und Borstel an. Das Zentrum wurde 2016 eröffnet und bildet die besondere Stärke des Standorts für Evolutionsforschung in Deutschland ab.


Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3