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Große Linien mit dem großen Joschka

Kiel Große Linien mit dem großen Joschka

Da muss man erst einmal drauf kommen: Griechenland steht vor dem Grexit, der Euro droht zu scheitern, Europa wankt – und in der Kunsthalle zu Kiel redet der große alte Grüne Joschka Fischer mit dem inzwischen auch nicht mehr ganz so kleinen und jungen Grünen Robert Habeck über Chancen und Risiken der europäischen Energieaußenpolitik.

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Joschka Fischer (li.) und Robert Habeck bei einer Diskussions-Veranstaltung in Kiel.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Kiel. Die interessieren sich für Ökonomie und Ökologie, aber doch auch dafür, was Fischer von der geplanten Spitzenkandidatur des schleswig-holsteinischen Umweltministers für die Bundestagswahl 2017 hält. Wozu sich der Bundesaußenminister a.D. und Ex-Vizekanzler an diesem Abend natürlich nicht einlassen wird. Fischer brummend: „Innenpolitik, da bin ich raus.“

Also geht es um große energiepolitische Fragen in der „Metropole Kiel“ und da ist Fischer deutlich redseliger: „Ich glaube nicht, dass es sich die Amerikaner trotz ihrer Energieautarkie erlauben werden, sich aus der Tankstelle der Weltwirtschaft am Persischen Golf zurückzuziehen“, raunzt Joschka in den Saal. Das klingt so vertraut fischeresk staatsmännisch, als wäre der wie kein anderer durch die Institutionen marschierte Über-Sponti noch immer von Amts wegen politischer Chefproblemlöser. Dabei führt er seit Jahren als Lobbyist ein eher beschauliches, gut dotiertes Beraterleben, unter anderem für große Energiekonzerne. Fischer zieht mit kurzen Impulsen den ganz großen Bogen: Von den alten europäischen Verteilungskämpfen um die fossilen Rohstoffe über die anhaltende Frage der politischen Stabilität in der Golfregion bis hin zur in Teilen gescheiterten russischen Erdölpolitik und den machtpolitischen Implikationen der Atomfrage. Oberstes Credo dabei: Das Werben um vernetzte Lösungen, globales politisches Verständnis, Diversifizierung der Rohstoffquellen und das Überwinden nationaler Denkweisen. Und auch zur Geduld mahnt der 67-Jährige immer wieder: „Es dauert halt in der Politik seine Zeit. Nicht jeden Esel kannst du reiten wie ein Rennpferd, Robert.“

Der „Robert“ dankt für die Steilvorlage und gibt den ungeduldigen visionären Counterpart. Immer wieder fordert Habeck ein, Energiewende und Entwicklungspolitik stärker mit klassischer Außen- und Handelspolitik zu verzahnen, „statt auf Gipfeln nur Schnittchen zu essen“. Fischer runzelt die Stirn und korrigiert: „Das findet doch längst statt.“ Im Übrigen gebe es in Bagdad gerade andere Probleme, als „Solarpanels auf die Dächer zu schrauben“. Habeck legt nach. So sind sie beide: Der launige Widerspruch taugt bestens als Motor für die Fortentwicklung der eigenen Gedanken. Im Saal ist es mucksmäuschenstill, während die rhetorischen Schwergewichte miteinander ringen. Und Habeck ist bekennend froh, „Politik einmal in großen Linien diskutieren zu können“. Denn: Genau das gelang ihm zuletzt selten. Seit sich der 45-Jährige im Frühjahr etwas unbeholfen in Sachen Spitzenkandidatur erklärt hat, ist er auf der Suche nach größeren Bühnen für ein Programm, von dem noch nicht ganz klar ist, wie es aussieht. Es geht darum, in der eigenen Partei jenseits der Landesgrenzen bekannter zu werden und gleichzeitig inhaltliche Akzente zu setzen. Doch: Habecks Leib-und-Magen-Thema Energiewende ist mit seinen technischen Finessen vom Netzausbau über Endlagersuche und Ausbaudeckelungen ein Talkshow-Killer. Und die Zugpferde sind belegt: Den NSA-Skandal bespielt Grünen-„Chefaufklärer“ Konstantin von Notz, schleswig-holsteinischer Bundestagsabgeordneter und Habecks Parteifreund. Zu Griechenland und dem Euro sprechen vor allem die Partei- und Fraktionschefs auf Bundesebene. Von denen wiederum einige als Habecks Konkurrenten für 2017 gehandelt werden. „Jetzt steht er allein und offen auf dem Feld, während die anderen in den Büschen hocken“, heißt es aus Berlin in einer Mischung aus Spott und Respekt.

Aber Fischer wäre nicht Fischer, wenn er dem Gastgeber nicht gut versteckt doch noch strategische Hilfe zukommen lassen würde: „Beim Streit um die Förmchen im Sandkasten sollte der Stärkere nachgeben“, sagt er in tiefster Ernsthaftigkeit. Und meint Griechenland und die Troika. Doch für Habeck ist es generell interessant, „aus eigener Stärke heraus eine Figur der Bescheidenheit zu machen“. Wer weiß, wofür das noch gut ist.

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Ein Artikel von
Patrick Tiede
Redaktion Lokales Kiel/SH - Landeshaus-Korrespondent

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