9 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Auf der Suche nach der heilen Welt

Ex-Salafist berichtet auf Fachtagung Auf der Suche nach der heilen Welt

Er war 17, als er Salafist wurde. „Alle meine Sehnsüchte wurden plötzlich erfüllt. Nach Liebe und Anerkennung, einem Lebenssinn und der Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod“, sagt Dominic Musa Schmitz. Er schrieb ein Buch über seinen Ausstieg aus der salafistischen Szene. Und berichtete in Kiel auf einer Fachtagung davon.

Voriger Artikel
Kieler Firmenlauf wird zum Business Run
Nächster Artikel
Haushalt mit Glücksmomenten

Dominic Musa Schmitz war Salafist.

Quelle: Hans Scherhaufer

Kiel. Über Jahre war er Teil des Salafisten-Netzwerks, ging mit dem Prediger Pierre Vogel auf Pilgerfahrt, missionierte im Internet und auf der Straße. Sein Weg in die Radikalität zeigt, was diese Ideologie für junge Menschen so attraktiv und gefährlich macht.

 Im Rückblick sagt Dominic Schmitz, dass ihn ein Zufall in den Salafismus führte. Eine Begegnung in einer speziellen Lebenssituation. Schmitz wird katholisch erzogen. „Das spielte keine Rolle bei uns, aber ich habe schon immer an Gott geglaubt“, erzählt er am Rande einer Fachtagung in Kiel. Der Vater verlässt die Familie, als Dominic fünf ist. Seither erzieht die Mutter, eine Apothekenhelferin, die Kinder allein. Für Dominic ist es ein Nebeneinanderherleben. „Sie hatte kein Interesse an mir als Mensch. Auch die Lehrer nicht. Ich habe mich einsam gefühlt, komplett allein. Ab 13, 14 Jahren habe ich mein eigenes Ding durchgezogen, mir von niemandem mehr etwas sagen lassen.“

 Er beginnt zu kiffen, mit Frauen „herumzumachen“, die Schule zu schwänzen. „Es war mir alles egal. Ich hätte jemanden gebraucht, der sagt: Du schaffst das. Ich glaube an dich.“ Stattdessen erlebt er, dass er sein Realschulzeugnis bekommt, obwohl er in dem Schuljahr 200 Fehlstunden angesammelt hat. „Ich kann nicht sagen, dass ich depressiv war oder mich unglücklich gefühlt habe.“ Aber eine Leere ist da, und die versucht er mit Drogen, Rap und Frauen zu füllen. Das Fachabitur lässt er sausen.

 In dieser Situation taucht ein alter Bekannter auf. „Früher war das ein Hallodri, jetzt lebte er ohne Drogen, ohne Sex, richtete sein Leben nach den Buchstaben des Koran aus. Und ich muss sagen, ich war beeindruckt von seiner Konsequenz, dieser Reinheit.“ Der Bekannte kommt immer wieder, und Dominic hat zum ersten Mal das Gefühl, er kann mit jemandem über den Sinn des Lebens, über Schicksal, Gerechtigkeit und Tod reden. „Ich habe Spiritualität gesucht. Deshalb wäre ich nie Neonazi geworden, aber es hätte auch Scientology sein können, wenn der Salafist nicht aufgetaucht wäre.“

 Dominic beginnt auf einmal wieder zu lesen, verschlingt alles, was er zum Koran und Salafismus findet, besucht täglich die Moschee in Mönchengladbach, lernt dort Salafisten kennen und gerät in eine „kleine Hanni-und-Nanni-Welt“, wie er sie sich als Kind immer ersehnt hat: Heile Familien, die ihn scheinbar vorbehaltlos akzeptieren. „Ich war ein Bruder, und sie waren wirklich immer für mich da, egal ob es um Geld oder Hilfe beim Umzug ging. Absolute Zuverlässigkeit, klare Regeln. Das hat mir Halt gegeben, weil ich selbst schwach war.“

 Mit 17 Jahren konvertiert er zum Islam, zieht zu Hause aus und genießt die Aufmerksamkeit, wenn er in Pluderhosen, Gewand und Turban auf der Straße missioniert. Er betreut das Internetportal des Islamisten-Führers Sven Lau, betreibt einen eigenen Video-Kanal und fühlt sich bedeutsam, wenn ein neues Video in zwei Nächten über 50000-mal angeschaut wird. Er geht mit dem Salafisten-Prediger Pierre Vogel auf große Pilgerfahrt, lässt sich vom Imam eine deutsche Frau vermitteln, die er nach zweimaligem Treffen heiratet. „Das Einzige, was ich wirklich bereue. Aber es war die einzige Chance, Sexualität auszuleben. Auch Selbstbefriedigung ist ja verboten.“

 Das Paar bekommt zwei Kinder, 2010 folgt die Trennung. Es ist das Jahr, in dem Dominic Schmitz die Zweifel nicht mehr verdrängen kann: daran, dass Frauen weniger wert sein sollen, dass er seinen besten Freund, einen Nicht-Muslim, verstoßen und Menschen hassen soll, nur weil sie Juden oder Christen sind. „Der Salafismus fordert blinden Gehorsam. Deine Vernunft und deine Gefühle werden abgeschaltet. Die Ideologie ist faschistisch, der Anspruch totalitär. Du bist manipuliert, zu keiner rationalen Entscheidung mehr fähig.“ Drei Jahre lang ringt der junge Mann mit sich. Dann steigt er aus. Ohne jede Hilfe. „Danach war ich wirklich ganz allein.“

 Seither wird er bedroht, lebt an unbekanntem Ort, betreibt einen Onlinehandel und geht – oft mit einem Ex-Nazi und einem Ex-Grauen Wolf – in Schulen. „Alle diese Ideologien basieren ja auf demselben Schwarz-Weiß-Weltbild.“ An Gott glaubt er immer noch, sagt er. Aber sein Leben richtet er nach anderen Prinzipien aus: Entscheidungen immer aus eigener Überzeugung zu treffen. Und niemandem damit zu schaden.

Salafisten in Schleswig-Holstein

Laut Innenministerium ist die Zahl der Salafisten in Schleswig-Holstein von 2011 bis 2015 von 200 auf 300 (bundesweit von 3800 auf 8350) gestiegen. Darunter sind gewaltfreie Salafisten, die ohne Missionierung nach den Buchstaben des Koran leben, politische Salafisten, die den Gottesstaat mit legalen Mitteln durchsetzen wollen, und militante Dschihadisten. 26 IS-Kämpfer sind aus Schleswig-Holstein ausgereist. Sieben sind ums Leben gekommen, zehn zurückgekehrt und neun noch im Ausland. Sorge bereitet, dass Salafisten junge unbegleitete Flüchtlinge missionieren. Salafisten sind vor allem in Kiel, Lübeck, Neumünster, Flensburg und im Hamburger Rand aktiv.

Salafismus: Was junge Menschen anfällig macht

Die Geschichte von Dominic Schmitz zeigt: So kann es ablaufen. Aber so muss es nicht ablaufen. Es gibt nicht den einen Weg in den Salafismus und kein Patentrezept für den Ausstieg, betonte der Islamwissenschaftler Dr. Michael Kiefer, der an der Universität Osnabrück die Biografien von islamistischen Straftätern untersucht. Die Fachtagung des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen (IQSH) offenbarte aber einige Risikofaktoren.

Denn meist radikalisieren sich Salafisten nicht im stillen Kämmerlein vor dem PC, sondern den Anstoß geben Freunde und Bekannte. „In der Regel sind es soziale und nicht religiöse Gründe, die junge Menschen für den Salafismus öffnen“, sagt Andrea Dänzer vom Landesprogramm „PROvention gegen religiös begründeten Extremismus“. Salafisten hätten sich zuvor oft nicht geliebt, ausgegrenzt, nicht anerkannt und ohne Perspektive gefühlt. Der Salafismus biete scheinbar einfache Lösungen für all diese Probleme: „Normalerweise haben wir viele Identitäten, fühlen uns als Schleswig-Holsteiner, als Fußballfan, als Teil einer Clique .... Der Salafismus kennt nur eine Identität, das macht die Welt einfach und schwarz-weiß, bedeutet aber auch Abschied von allen anderen Identitäten.“

Die Folgen sind Isolierung und Selbstausgrenzung. Eltern erkennen ihr Kind plötzlich nicht mehr wieder. All zu oft reißt der Kontakt ab, weil die Eltern nicht verstehen, wie der Salafismus funktioniert. „Dass für alle Lebenslagen genaue Regeln gelten und befolgt werden müssen, weil jeder Fehltritt mit der Hölle be- straft wird“, erklärte Tobias Meilicke, Landeskoordinator von PROvention. Das Landesprogramm informiert und berät deshalb nicht nur kostenlos über Salafismus, sondern bietet auch unabhängige, individuelle Hilfe für Betroffene, Familien und Lehrer.

www.provention.tgsh.de, Telefon 0431/7394926

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Kieler Förde

Schiffspositionen in
der Kieler Förde, dem
NOK und der Ostsee.

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3