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Der angeklagte Ex-Rocker schweigt

Vergewaltigungsprozess in Kiel Der angeklagte Ex-Rocker schweigt

Ein Kieler Rocker-Boss soll eine junge Frau vergewaltigt haben. Zu Prozessbeginn schwieg er. Es ist bereits der dritte Anlauf des Gerichts, die Vorwürfe zu klären. Auch ein Vorsitzender Richter sagte aus.

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Der Ex-Vizeboss der Hells Angels steht in Kiel vor Gericht.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Unter massiven Sicherheitsvorkehrungen begann am Dienstag im Kieler Landgericht der Prozess gegen den ehemaligen Vizepräsidenten der seit 2012 verbotenen Kieler Hells Angels. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 57-jährigen Ex-Rocker vor, im Herbst 2010 eine junge Zwangsprostituierte in drei Fällen auf besonders erniedrigende Weise vergewaltigt zu haben.

Im dritten Anlauf scheint die Verhandlung gegen den aus Polen stammenden Angeklagten endlich ins Rollen zu kommen. Im Herbst 2012 war der Prozess zweimal geplatzt, bevor er richtig begonnen hatte. Wie berichtet wurde damals zuerst ein Schöffe wegen Befangenheit abgelehnt. Dann wollte man der traumatisierten Hauptbelastungszeugin wegen einer Risikoschwangerschaft das zu erwartende Kreuzverhör der Verteidigung nicht zumuten.

Während der Angeklagte zur Person und zu den Vorwürfen schweigt, will die 7. Große Strafkammer am kommenden Freitag das mutmaßliche Opfer hören. Die heute mit neuer Identität an einem unbekannten Ort lebende Nebenklägerin sei bereit, teilte ihre Rechtsanwältin mit. Sie werde wahrscheinlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit und über eine Videoanlage aussagen. Die direkte Konfrontation mit dem Angeklagten wolle man ihr ersparen.

Der mittelgroße, kräftige Angeklagte mit dem gestutzten grauen Bart scheint indessen um einen soliden Auftritt bemüht. Sein Outfit – blauweiß gestreiftes Hemd und Jeans – hat nichts Martialisches. Auch im gut besuchten Zuschauerraum sucht man vergeblich nach Rockertypen. Die Szene hält sich offenbar zurück.

Der Verteidigung kann das nur recht sein: „Der große Stempel Hells Angels“ klebe an dem Verfahren, befürchtet Rechtsanwalt Jan Markus Schulte. Nach Verlesung der Anklage äußert er die Sorge, der Prozess könnte zur Abrechnung der Justiz mit den Hells Angels und ihrem damaligen Unterstützerclub „Legion 81“ werden.

Für diesen hatte die zur Tatzeit 20-jährige Nebenklägerin als Prostituierte in einem Club im Kieler Umland und in Flensburg angeschafft – unter wachsendem Druck der Rocker. Später gelang ihr die Flucht. Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Angeklagten brachte sie jedoch nicht von sich aus ins Spiel: Eine ältere Freundin, damals ebenfalls als Sexarbeiterin für die „Legion 81“ tätig, berichtete vor drei Jahren im Prozess gegen den „Kronzeugen“ Steffen R. von schmerzhaften Übergriffen des führenden Rockers.

Erst danach bestätigte das mutmaßliche Opfer drei Fälle von Vergewaltigung durch den Angeklagten. Die belastende Aussage wurde jedoch nicht protokolliert. Der Vorsitzende Richter, der vor drei Jahren die Verhandlung gegen Steffen R. leitete, erinnert sich jedoch noch an die Darstellungen der Zeuginnen. Danach wurde die Jüngere „erkennbar gegen ihren Willen“ in einem Sex-Club und einer Wohnung an der Kieler Küste zu schmerzhaften Sex-Praktiken gezwungen. Sie will heftig geweint und sich gewehrt haben. Das Gericht habe die Vorfälle damals als Vergewaltigungen bewertet, so der als Zeuge vernommene Richter.

Doch ob das mutmaßliche Opfer auch von Gewalt und Drohungen sprach, konnte der Richter nicht mehr sagen. Als entlastend bewertet es die Verteidigung auch, dass der Angeklagte der Nebenklägerin damals 150 Euro für Sex gezahlt habe.

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