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Ungenutzte Energie vom Straßenrand

Fachhochschule Ungenutzte Energie vom Straßenrand

Straßenbegleitgrün. Dieses nicht gerade leicht über die Lippen gehende Wort fasst von der Lupine bis zur Buche alles zusammen, was am Rande unserer Straßen gedeiht. Behandelt werden diese wortwörtlichen Randerscheinungen bislang allerdings stiefmütterlich.

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Biologe Stefan Dittmann, Stefan Sievers von der EKSH und Physiker Dr. Eiko Thiessen mit dem Flugroboter, der demnächst seine Kreise über Schleswig-Holsteins Straßen zieht.

Quelle: Martin Geist

Kiel. Das soll sich nun ändern. Mithilfe eines Flugroboters will das Institut für Landwirtschaftliche Verfahrenstechnik an der Uni Kiel erstmals systematische Erkenntnisse gewinnen, um das Straßenbegleitgrün planvoll zu pflegen – und auch energetisch zu nutzen.

Physiker Dr. Eiko Thiessen und Biologe Stefan Dittmann absolvieren derzeit eine fürs akademische Milieu reichlich exotische Zusatzausbildung: Sie machen den Flugschein. Allerdings nicht für Düsenjets, sondern für Drohnen, die sie wegen der negativen militärischen Besetzung dieses Begriffs lieber Flugroboter nennen. Konkret hat es das Wissenschaftler-Duo mit einem Octocopter zu tun, einem mit acht Motoren und Propellern ausgestatteten Flugobjekt, das mit einer hochauflösenden Stereokamera Bildmaterial und letztlich komplexe 3-D-Modelle von Hecken und Bäumen an zunächst zwölf ausgewählten Straßenrändern überwiegend an der B 76 liefert.

Förderung in Höhe von 150 000 Euro

Abheben soll der gut 30 000 Euro teure Octocopter möglichst noch im Mai. Und bis dahin ist laut Eiko Thiessen nicht zuletzt dies angesagt: „Viel üben.“ Tatsächlich ist die Bedienung der luftigen Hilfswissenschaftler fast eine Wissenschaft für sich. Mit winzigen Fingerbewegungen können große Flugbewegungen ausgelöst werden. Gehobenes Feingefühl ist gefordert. Und obendrein navigatorische Flexibilität. Fliegt der Roboter vom Steuermann weg, ist an der Fernbedienung rechts rechts, braust er auf ihn zu, dann ist rechts jedoch links. „Das muss erstmal in den Kopf“, sagt Prof. Eberhard Hartung, Direktor des Instituts für landwirtschaftliche Verfahrenstechnik.

Keine Probleme, die Sinnhaftigkeit des zweijährigen Straßengrün-Projekts in den Kopf zu bekommen, hatten die Verantwortlichen der Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein (EKSH). Sie bewilligten eine Förderung in Höhe von 150 000 Euro, weil sie in dem Projekt eine mustergültige Verknüpfung von ökologischen und ökonomischen Anliegen sehen. „Erstmals werden die noch nie systematisch genutzten wirtschaftlichen und ökologischen Potenziale des Holzaufkommens am Straßenrand wirklich erfasst und berechnet“, sagt EKSH-Geschäftsführer Stefan Sievers. Erheblich dürften diese Potenziale nicht zuletzt deshalb sein, weil die schleswig-holsteinischen Knicks, die nach Expertenschätzungen immerhin 45 000 bis 65 000 Kilometer umfassen, im Prinzip nichts anderes als Ackerbegleitgrün sind und sich die Erkenntnisse durchaus auf die Äcker übertragen lassen dürften.

Viel ungenutztes Holz

Der Punkt in beiden Fällen jedenfalls ist: Es fällt jede Menge Holz an, das bisher nicht oder nur irgendwie genutzt wird. Wie viel Holz wächst, das wollen die Verfahrenstechniker nun mit Hilfe der Luftaufnahmen ermitteln. Auch das Thema Qualität spielt eine Rolle. Deshalb widmen sich die Wissenschaftler dem sogenannten Rinde-zu-Stamm-Verhältnis, das ein Indikator für den Brennwert ist: Ist die Rinde dick, dann ist das Stammholz dünn, und es fällt viel Asche an. Es gilt, Holz zu ernten, bevor dieser Zustand eingetreten ist.

Für den Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr ist das mehr als interessant. Bisher wird die Pflege des Straßengrüns an Firmen vergeben, die das Schnitt- und Fällgut beseitigen müssen und es vermutlich in so manchem Fall attraktiv vermarkten. Wenn der Landesbetrieb den Wert seiner Straßenpflanzen kennt, so vermutet Prof. Hartung, dürfte das dessen Verhandlungsposition bei der Vergabe von Pflegearbeiten erheblich stärken.

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