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Immer mehr Jugendliche sind auffällig

Fachtagung in Kiel Immer mehr Jugendliche sind auffällig

Immer häufiger steigen Jugendliche aus – verweigern den Kontakt zu Eltern, den Schulbesuch, die Ausbildung. Immer häufiger haben Eltern das Gefühl: „Ich erreiche mein Kind nicht mehr.“ 100 Fachleute aus Erziehungsberatungsstellen haben im Landeshaus in Kiel über Ursachen und Hilfestrategien für diese Familien gesucht.

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Auch wenn es schon jetzt immer wieder zu Wartezeiten an den 35 Beratungsstellen im Land gibt, hoffen die rund 140 Fachkräfte dort, dass noch mehr Eltern und Jugendliche Hilfe suchen.

Quelle: dpa

Kiel. „Wir beobachten, dass desolate Familiensituationen stetig zunehmen“, sagt Matthias Heinsohn-Krug vom Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Erziehungsberatung in Schleswig-Holstein. Eine eindeutige Ursachen gebe es dafür nicht. Aber zwei Faktoren würden nachweislich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Kinder auffällig werden: Das seien chronische, langanhaltende Konflikte und psychische Erkrankungen von Eltern.

Dass Jugendliche dichtmachen, kann aber auch Folge von Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit sein. Paradoxerweise nähmen solche Erfahrungen zu in einer Welt, die immer mehr Wahlmöglichkeiten - von der religiösen Orientierung bis zum Berufswunsch - biete. „Heute gibt es zum Beispiel im Gegensatz zu früher genügend Ausbildungsplätze. Dennoch bekommen manche Jugendliche nur Ablehnungen, weil sie nicht ausbildungsreif sind“, erklärt Erziehungsberaterin Ute Klein aus Schleswig.

Und selbst wer eine Ausbildung macht, weiß nicht, ob er auf Dauer in diesem Beruf arbeiten kann. „Der Großvater lernte Schlosser in dem Gefühl: Damit kann ich bis zur Rente Geld verdienen. Diese Sicherheit gibt es heute nicht mehr“, sagt Heinsohn-Krug.Wenn dann Jugendliche noch erleben würden, dass ihre Eltern Vollzeit arbeiten und dennoch auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, fördere das in der gesamten Familie die Unsicherheit. Oft würde es dann zuhause an klare Regeln und Orientierung für die Kinder fehlen. Eine klare Haltung aber sei wichtig. „Das Schlimmste für Kinder ist, wenn die Eltern sich ohnmächtig fühlen und keine Entscheidungen mehr treffen“, sagt Erziehungsberaterin Ines Schäferjohann.Nach Meinung von Psychologe Rainer Orlan ist ein Faktor auch die wachsende Sprachlosigkeit in vielen Familien. Jeder lebt sein Leben, Gespräche und gemeinsame Zeit sind auf das Notwendigste zusammengeschrumpft.

„Studien zeigen, dass Eheleute nur acht Minuten miteinander reden. Was erwarten wir dann von unseren Kindern?“ Der Rat der Erziehungsberater: Den Nachwuchs nicht mit Standardfragen wie „Wir wars in der Schule“ nerven, sondern konkret fragen (Worüber hast du Dich heute geärgert?), eine feste Zeit absprechen, die man zusammen verbringt, und sich vor allem für das interessieren, was Sohn oder Tochter gerne machen. „Eltern sollten immer trennen zwischen dem Verhalten des Kindes und der Beziehung zu ihm“, rät Ines Schäferjohann, „Fehlverhalten kann und muss man klar ablehnen. Aber man kann ihm trotzdem sagen: Du bist ein klasse Sohn.“ Auch wenn es schon jetzt immer wieder zu Wartezeiten an den 35 Beratungsstellen im Land gibt, hoffen die rund 140 Fachkräfte dort, dass noch mehr Eltern und Jugendliche Hilfe suchen. „Viele empfinden es immer noch als Niederlage, wenn sie zu uns kommen. Es zeigt aber Stärke und Verantwortungsbewusstsein“, sagt Ute Klein. 

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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