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Fahrradstadt Kiel Ist die Luft raus?

Die Landeshauptstadt versucht Kiel immer fahrradfreundlicher zu machen. Trotz Velorouten, Campusrädern und Kieler Bögen sind viele aber unzufriedener mit ihrer Fahrradstadt. Doch einige Probleme lassen sich nur schwer beheben.

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Ein echter Engpass: An der Möllingstraße am Wilhelmplatz werden Radfahrer direkt neben abbiegenden Autos auf die Straße geleitet – Schutzstreifen fehlen.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Ulf Kämpfer (SPD) ist ein sportlicher Verwaltungschef. Schon im vergangenen Jahr habe er sich auf dem Weg ins Rathaus überwiegend auf den Sattel geschwungen, so der passionierte Marathonläufer. Und einen solchen Aufschwung wünscht er sich auch für die Landeshauptstadt: Kiel soll Fahrradstadt Nummer 1 werden, hatte er nach seiner Wahl im März 2014 angekündigt. War das zu ehrgeizig?

Velorouten, Campusräder, Kieler Bögen – in Kiel wird stetig etwas für die Radfahrer getan. 2008 hatte die Landeshauptstadt im Verkehrsentwicklungsplan ein Ziel ausgerufen: Sie wollte den Radverkehr im sogenannten Modal Split, der Verkehrsmittelwahl, „für die nächsten Jahre“ auf 25 Prozent steigern. Doch die Bilanz ist ernüchternd. Das Fahrrad dümpelt noch immer bei 17 Prozent.

„Diese 17 Prozent sind auch methodisch bedingt“, versucht Uwe Redecker, Fahrradbeauftragter der Landeshauptstadt, die Luft aus der Diskussion zu nehmen und verweist auf eine veränderte Umfragetechnik. Die Zahl der absoluten Fahrten sei sogar von 157000 auf 159000 gestiegen. Aber er räumt ein: „Wir konnten in den vergangenen Jahren keine neuen Radfahrer hinzugewinnen.“ Bekannte Maßnahmen reichen nicht mehr aus. Edwin Süselbeck, Chef des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Kiel, spricht von einer „gläsernen Decke“.

Im Fahrradklimatest sackt Kiel immer weiter ab

2005 war Kiel noch auf Platz zwei im ADFC-Fahrradklimatest. Die Landeshauptstadt mit der Note 2,82 blieb damals nur hinter Münster (2,05) zurück. 2012 landete Kiel nur noch auf Platz vier (Note 3,48), und zwei Jahre später fiel sie mit 3,54 auf den sechsten Rang ab. Das ist nicht schlecht. Aber auch weit von dem entfernt, was Ulf Kämpfer angepeilt hatte.

Andere Städte würden kurzzeitig mehr investieren, bestätigt der Radfahrbeauftragte Redecker, wobei Kiels Stärke die Kontinuität sei. „Die Ansprüche wachsen natürlich auch, weil man es vor sich herträgt, fahrradfreundlich zu sein.“ Zu diesem Image tragen große Projekte bei: Velorouten – für Pedalverkehr optimierte Wege – durchqueren die Stadt. Die neueste Radschnellstraße, Route 10, schält sich gerade aus einer alten Güterzugtrasse zwischen Hassee und Universität heraus. Ins Netz eingebunden sind zahlreiche Fahrradstraßen, auf denen Radfahrer Vorrang gegenüber dem Pkw haben. Weitere Ausrufezeichen sind die Kieler Bügel als Abstellmöglichkeiten.

Doch es gibt in Kiel eben auch Problemstellen, die sich nicht durch Prestigeprojekte beheben lassen, weil sie die allgemeine Verkehrsführung betreffen. Schließlich müssen auch Ziele fernab von Velorouten erreichbar sein. So hat das Bundesverwaltungsgericht im November 2010 grundsätzlich entschieden, dass Rad- und Autoverkehr gleichberechtigt sind. Klingt zunächst gut. Doch Radfahrer müssten demnach möglichst auf die Straße umgeleitet werden. Am Wilhelmplatz, an der Werftstraße oder der Holtenauer Straße ist das kaum zumutbar – (zu) schnell fahrende oder in der zweiten Reihe parkende Autos machen Radfahrern das Leben schwer.

Eine App wäre laut ADFC eine gute Idee

Edwin Süselbeck vom ADFC fordert Maßnahmen, die „vermeintlich den Autoverkehr einschränken“. Warum an Werftstraße, Eckernförder Straße oder Westring nicht eine Spur vollständig für Zweiradverkehr nutzen? Günstiger und zugleich effektiver käme mehr Öffentlichkeitsarbeit daher. Süselbeck schlägt eine App vor: Punkte für jeden Radkilometer? Das könnte sich auszahlen. Schließlich liegt Radfahren voll im Nachhaltigkeitstrend, und Studien zeigen, dass Pendler so zufriedener sind als im Auto.

Der Fahrradbeauftragte Redecker stellt zunächst umfangreiche Verbesserungen am Ostufer in Aussicht: In Gaarden sollen mehr Parkbügel aufgestellt werden, und an der Werftstraße sind Schutzstreifen in der Diskussion. „Die Förderung des Radverkehrs zeigt sich an vielen Stellen“, sagt Oberbürgermeister Kämpfer. An der Andreas-Gayk-Straße Höhe Holstenplatz lässt er bereits flicken. Neben die erneuerte Busspur wird dort auch ein Fahrradstreifen auf frischen Asphalt gezeichnet.

Natürlich wolle er mit Kiel wieder an die Spitze der Fahrradstädte, gibt sich der Verwaltungschef kämpferisch. ADFC-Chef Süselbeck hält dagegen: „Den ersten Platz zu erreichen, halte ich zurzeit für unwahrscheinlich.“ Fahrradfreundlichkeit ist eine Frage von Prestige, Bauten und Öffentlichkeitsarbeit. Lässt Kiel einen Punkt außen vor, droht es trotz Fahrradschnellstraßen weiter überholt zu werden. Die Stadt will aber mehr Leute aufs Rad kriegen. Im Kleinen macht sie es bereits vor. Das fahrradaktivste Unternehmen des Landes war 2014 die Stadtverwaltung Kiel.

Hier finden Sie noch ein Interview mit Verkehrsgeograf Götz von Rohr über die Verkehrssituation in Kiel.

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Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

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Verkehrsgeograf Götz von Rohr spricht im Interview mit KN-online über Möglichkeiten, eine Stadt fahrradfreundlich zu machen und über die Verkehrssituation in Kiel.

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