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Abschiebung: Katastrophe für die ganze Familie

Fall Sophienhof Abschiebung: Katastrophe für die ganze Familie

Sie kommen aus Kundus in Nord-Afghanistan und hoffen darauf, in Deutschland endlich in Frieden leben zu können. Doch die Ereignisse im Sophienhof in Kiel haben die ohnehin schon schwierige Situation der Familie A. aus Felde zugespitzt.

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Die sechsköpfige Familie A. aus Nord-Afghanistan wird auseinandergerissen (von links vorn): Simogul (im fünften Monat schwanger) und Obeydallah (26), Cousin Bahridin (19), Mutter Najibe (60) sowie (hinten) Sohn Javid (15) und Tochter Samira (14).

Quelle: Torsten Müller

Felde/Kiel. Für Madjid Bigdeli, Flüchtlingsbetreuer in der Gemeinde, waren Obeydallah A. (26) und sein Cousin Bahridin A. (19) am 25. Februar „nur zum falschen Tag am falschen Ort“. Die jungen Männer seien unschuldig, versichert er. Das habe ihm auch die Polizei bestätigt. „Einmal nach Kiel und dann passiert gleich so etwas“, sagt er besorgt. Die Familie sei in Felde gut integriert. Sie habe beim Dorfputz geholfen; Bahridin spiele Fußball im TuS Felde. „Obeydallah ist so brav, fleißig und lebensfroh gewesen – jetzt heult die ganze Familie“, sagt der Betreuer. Die Mutter habe ihren Mann verloren und verliere nun mit der Abschiebung auch noch ihren ältesten Sohn, dessen Frau im fünften Monat schwanger sei. „Man reißt die ganze Familie auseinander“, kritisiert er.

Die Familienmitglieder sind Moslems und gehören dem Volksstamm der Usbeken an. Der Vater habe Probleme mit den Taliban gehabt, sei von den Taliban massiv bedroht worden. Seit dreieinhalb Jahren sei er verschwunden. „Sie haben ihn umgebracht“, ist die Familie überzeugt. Weil auch die anderen Angst um ihr Leben hatten, verkauften sie Haus und Land, liehen sich viel Geld von Bekannten und machten sich auf die Flucht. Sie dauerte insgesamt vier Monate.

Flucht kostete über 12.000 Euro

Zweimal sei die Familie vom Iran wieder zurückgeschickt worden; erst beim dritten Mal hätten die Grenzer sie in die Türkei ausreisen lassen. Über die Balkanroute gelangte die Familie nach Deutschland, wo sie am 19. September 2015 Asyl beantragte. Die Flucht habe pro Kopf umgerechnet mehr als 12000 Euro gekostet, erzählen die Flüchtlinge.

Seit Dezember lebt die Familie in Felde. Nun ist die Sorge groß, dass Obeydallah und Bahridin plötzlich und unangemeldet von der Polizei abgeführt und zur Ausreise gezwungen werden könnten. Obeydallah hat Klage gegen Abschiebung einlegen lassen; Bahridin fehlte dafür das Geld. Die Hamburger Rechtsanwältin Rita Mushfiq, die Obeydallah vertritt, sieht die beiden als benachteiligt an. In der Anhörung sei nicht gewürdigt worden, dass sie in einer Großfamilie lebten. Zu dieser gehören auch die schwangere Ehefrau, die 60-jährige Mutter und zwei Minderjährige, die derzeit in Kronshagen zur Schule gehen. Da die Familie ihr gesamtes Geld für die Flucht ausgegeben habe, sei sie jetzt mittellos und auch in Afghanistan nicht mehr in der Lage, das Existenzminimum zu erreichen.

Stellungnahme wird verweigert

Bei der vorgezogenen Anhörung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurden Obeydallah und Bahridin A. lediglich als Einzelpersonen betrachtet. Deren Abschiebung ist leichter. „Einzelpersonen müssen in Afghanistan kein Dach über dem Kopf haben“, sagte die Rechtsanwältin. Den beiden aus Felde wurde die „Flüchtlingseigenschaft“ nicht zuerkannt. Auch Abschiebungsverbote liegen aus Sicht der Behörde nicht vor: Die Darlegung der Afghanen sei detailarm und nicht substanziell gewesen, heißt es in dem Bescheid vom 9. März 2016. Auf Nachfrage verweigerte das Bundesamt in Nürnberg mit Verweis auf den Datenschutz jede Stellungnahme zu dem Fall.

 Entsetzen herrscht beim Freundeskreis Flüchtlingshilfe Jägerslust. Petra Paulsen, zweite Vorsitzende, ist sich sicher: „Das Verfahren ist komplett schiefgelaufen. Die vorgezogene Anhörung fand unter dem Eindruck statt, dass es Straftäter seien.“ Durch die Kurzfristigkeit der Ladung hätten sich die beiden auf die Anhörung weder vorbereiten noch beraten lassen können. In einem solchen Verfahren, so Paulsen, müsse aber sichergestellt sein, dass alle Asylbewerber die gleichen Chancen hätten und nicht Opfer von Ungleichbehandlung würden. Die beiden Afghanen hätten als Zeugen zur Aufklärung des Falls beigetragen, dennoch, so Paulsen, sähen die Behörden keinerlei Veranlassung, ihre Fehler einzugestehen und zu korrigieren: „Das empört mich maßlos.“

Torsten Döhring: Reaktion wäre falsch

 Torsten Döhring, Vertreter des Beauftragten für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen, gibt sich noch zurückhaltend. „Aktuell haben wir keine Kenntnis von Fällen, in denen das Bundesamt Verfahren von Asylsuchenden beschleunigt hat, denen Straftaten vorgeworfen werden.“ Ausschließen wolle er das aber nicht. „Sollten die Vorfälle im Sophienhof der Grund für die vorgezogene Anhörung sein – dies ist aber bis dato nicht belegt – wird das von hier aus für die falsche Reaktion erachtet.“

Die Prioritäten des Abarbeitens beim Bundesamt sind seiner Darstellung nach derzeit wie folgt: Erst die Maghreb-Staaten, dann die Staaten des Westbalkans, danach Georgien, Syrien, Irak, Eritrea, erst danach alle restlichen Herkunftsländer. „Den Familienangehörigen kann ich nur raten, Klage gegen die Ablehnung einzureichen – und zwar fristgerecht“, sagte Döhring.

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Ein Artikel von
Torsten Müller
Redaktion Holsteiner Zeitung

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