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Zeugen droht die schnelle Abschiebung

Fall Sophienhof Zeugen droht die schnelle Abschiebung

Knapp zwei Monate nach den Belästigungen im Einkaufszentrum Sophienhof in Kiel kommen immer mehr Details ans Tageslicht. Nach Recherchen der Kieler Nachrichten hat der Vorfall für vier damals festgenommene Asylbewerber dramatische Folgen.

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Keine gute Erinnerung an den Tag im Kieler Sophienhof: Für Bahridin (19, links) und seinen Cousin Obeydallah (26) hatte der Besuch im Februar fatale Folgen.

Quelle: Torsten Müller

Kiel/Felde. Ihre Anhörungen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Neumünster wurden kurzfristig vorgezogen. Bereits am 9. März wurde ein Bescheid ausgestellt, wonach zwei von ihnen schon in Kürze abgeschoben werden sollen – es sind allerdings genau die beiden, die nach KN-Informationen bereits am Abend der Festnahme von den belästigten Mädchen entlastet worden waren. Nun droht eine sechsköpfige Familie auseinandergerissen zu werden. Die Frau des älteren Mannes ist im fünften Monat schwanger.

Aus zuverlässigen Polizeiquellen erfuhren die Kieler Nachrichten, dass die beiden 19 und 26 Jahre alten Afghanen, die in den ersten offiziellen Polizeimeldungen noch als „Haupttäter“ bezeichnet worden waren, bereits am Abend der Festnahme (25. Februar) nur noch als Zeugen geführt wurden. Als Hauptverdächtige gelten inzwischen zwei 17-jährige Afghanen, die seit mehr als zwei Jahren in Kiel-Gaarden wohnen.

Polizeisprecher Oliver Pohl nennt die falschen Informationen über das Alter der Hauptverdächtigen einen „bedauerlichen Fehler“. Offiziell wurden die Polizeiangaben erst am 5. April von der Staatsanwaltschaft korrigiert. Oberstaatsanwalt Axel Bieler bestätigte, dass gegen die beiden 19- und 26-Jährigen, die mit ihrer Familie in Felde wohnen, „nichts strafrechtlich Relevantes“ vorliegt. Auch ein fünfter Afghane aus Husum gilt mittlerweile als entlastet. Anfängliche Vorwürfe der Beleidigung sind offenbar ins Leere gegangen.

Vorladung wurde vorgezogen

Die entlasteten Afghanen aus Felde sollten eigentlich erst am 27. April gemeinsam mit ihrer Familie angehört werden. Schon einen Tag nach den Ereignissen im Kieler Sophienhof wurde jedoch vom BAMF in Neumünster eine Vorladung verschickt, womit die Anhörung auf den 4. März vorgezogen wurde – allerdings nur für den 26-jährigen Obeydallah A. und seinen 19-jährigen Cousin Bahridin. Obeydallahs Ehefrau, seine Mutter (60), sein Bruder (15) sowie seine Schwester (14) sollen weiterhin erst am 27. April angehört werden.

Ebenfalls geladen waren am 4. März die beiden Afghanen aus Gaarden, die wahren Hauptverdächtigen. Sie kamen am Vormittag noch vor den beiden aus Felde dran, danach zunächst Bahridin, dann Obeydallah. „Ach, ihr beiden aus Kiel“, soll laut Obeydallah der BAMF-Mitarbeiter am Eingang gesagt haben. Die Asylanträge der Männer aus Felde wurden mit Zustellungsdatum 23. März abgelehnt. Der 26-jährige Afghane hat Klage eingereicht, sein jüngerer Cousin muss bis heute ausreisen. Ansonsten droht ihm die Abschiebung.

Die Asylanträge der zwei mutmaßlichen Haupttäter aus Kiel wurden ebenfalls abgelehnt. Für beide Jugendliche, die einen Vormund des Kieler Jugendamtes haben, gebe es aber „Abschiebehindernisse“, teilte die Stadt mit. Landesinnenminister Stefan Studt (SPD) bestätigte, dass eine Spezial-Arbeitsgruppe die Polizeidaten aus Kiel an das BAMF weitergeleitet hatte. Er kritisierte den Umgang mit den afghanischen Flüchtlingen aus Felde: „Hier hätte mit größerer Sorgfalt abgewogen werden müssen.“

 Von Torsten Müller und Kristian Blasel

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Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

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