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Familie aus Kiel in Spanien überfallen

"Falsche Polizei" Familie aus Kiel in Spanien überfallen

Es sollte eine schöne Reise werden. Sonnig und erholsam, unter Palmen und mit Pool. Dann der Schreck auf der Autopista AP-7 bei Barcelona: Eine Kieler Familie berichtet von einem brutalen Überfall auf ihrer Urlaubsfahrt nach Spanien.

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Vielleicht lockte sogar der auffällige Nissan von Heidi und Klaus Kaiser in Spanien als Polizisten getarnte Kriminelle an.

Quelle: privat

Kiel/Barcelona. Klaus Kaiser (39) hatte nach langer Krankheit und drei OPs Anfang des Jahres dringend eine Auszeit verdient, und auch Ehefrau Heidi (39) und Tochter Michelle (17) sowie deren Freundin freuten sich auf ihr Feriendomizil an der Costa Calida (span. Warme Küste), das sie als „Geheimtipp in Spanien“ gebucht hatten. Die Finca hielt, was der Prospekt versprach. Und warm war es auch. Heiß sogar, und das in doppelter Hinsicht, denn als die Kieler Familie endlich dort ankam, hatte sie bereits einen brutalen Überfall auf der spanischen Autobahn AP-7 und viele bürokratische Hürden überstanden. Erschöpft und traumatisiert von dem Erlebten, verletzt und so gut wie pleite trat sie den langersehnten Urlaub an – allerdings „auf Sparflamme“.

Anstatt ihrer Personal- und Fahrzeugpapiere konnte die Familie zu diesem Zeitpunkt nur noch ein einziges Papier vorzeigen: ein Zertifikat der spanischen Polizei als Nachweis ihrer Identität und als Halter ihres Vans. „Das Portemonnaie mit 60 Euro hatten uns die Täter auch dagelassen. Das war alles“, erzählt Heidi Kaiser, der bei der Schilderung immer noch der Atem stockt. Anfangs habe sie viel geweint, inzwischen ginge es besser. „Aber die Geschichte hängt mir in den Knochen“. Schürfwunden, Prellungen an Knien und Ellenbogen und einen tauben Nerv trug sie bei dem Überfall davon. Doch die 2500 Euro, die sich das Ehepaar für ihre Reise lange zusammengespart hatte, sind unwiederbringlich verloren. „Wir sind froh, dass uns nicht Schlimmeres passiert ist“, sagt die in einer Kita beschäftigte Kinderpflegerin, „deshalb möchten wir andere Reisende warnen.“

Eine "Policia"-Kelle erschien aus dem Wagen

Was war geschehen? „Am 14. August sind wir losgefahren, wir wollten durchfahren. Am 15. August morgens um 7.30 Uhr war dann der Überfall“, schildert Heidi Kaiser den Hergang. Auf einer mautfreien Strecke der legendären „Autopista AP-7“ an der spanischen Mittelmeerküste geschah auf Höhe Barcelona das Unglaubliche. „Ein dunkelblauer BMW fuhr neben uns. Aus dem Wagen wurde eine ,Policia’-Kelle herausgestreckt: Wir sollten rechts anhalten“, erinnert sich Heidi Kaiser. Im Fahrzeug saßen drei Beamte in Polizeiwesten und hellblauen Hemden. „Die ließen sich dann Personalausweise und die Fahrzeugpapiere zeigen. Es wurde nach Alkohol, Zigaretten oder Drogen gefragt und ob wir Bargeld dabei hätten.“ Gutgläubig zeigten die Kieler erst das Portemonnaie mit der kleinen Summe und ohne größeres Misstrauen auch bald die größere Summe, die sie wie vereinbart zum „Bezahlen der Finca vor Ort“, für Rückreise und Aufenthalt in Umschlägen mit sich führten. Papiere, Handy und Geld stapelten sich bald auf dem Armaturenbrett.

„Dann ging alles sehr schnell“, berichtet Klaus Kaiser. „Der Polizist nahm einfach alles mit und ging weg. Und dann sollte ich plötzlich zu seinem Wagen kommen. Das kam mir schon irgendwie komisch vor.“ Doch in gutem Glauben ging Heidi Kaiser zum Fahrzeug. „Als ich die Tür anfasste, raste der Wagen los. Und ich flog mit.“ Klaus Kaiser handelte reflexmäßig und nahm sofort die Verfolgung auf. „Ich dachte nur: das Geld, der Urlaub! Dass meine Frau aufstand, hatte ich im Rückspiegel gesehen.“ Mit 200 km/h folgte er den Tätern, die ihn aber bald abhängten. „Erst da kam ich zur Besinnung und fuhr zurück, da wurde ich auch schon von der echten Polizei angehalten.“ Während Ehefrau Heidi gewartet hatte, hörte sie Schüsse. „Ich hatte Angst um meine Familie. Das war die schlimmste Stunde meines Lebens“, gesteht sie. Auch Klaus Kaiser ist noch geschockt: „Dieses skrupellose Vorgehen ist für mich das Unfassbare.“

Botschaft wollte lediglich Spritgeld bezahlen

Erst später habe man vieles erfahren, etwa dass die „echte“ spanische Polizei nie in Zivilfahrzeugen unterwegs sei. „Wir hätten uns sonst ganz anders verhalten“, sagt die Kieler Familie heute. Auch, dass man weder von der Polizei noch von der Deutschen Botschaft die Hilfe erfährt, die man sich in einer solchen Situation wünscht, war eine niederschmetternde Erfahrung. „Die Botschaft wollte uns nur das Spritgeld für die sofortige Rückfahrt geben. Doch wir waren 30 Stunden auf den Beinen und konnten gar nicht mehr weiterfahren.“ Glück im Unglück: Jenseits aller Bürokratie halfen am Ende ganz andere Menschen: der freundliche Finca-Vermieter aus Ostfriesland, der Weiße Ring mit einer Soforthilfe und ein Arbeitgeber. „Vor allem meinem Chef bin ich sehr dankbar“, betont Klaus Kaiser, der bei einer großen Kieler Baufirma Maurer ist. „Er hat uns per Blitzüberweisung und auf Vorschuss sofort Geld geschickt.“ Denn der Familienrat hatte beschlossen, die Reise irgendwie fortzusetzen: „Wir brauchten sie nun mehr als zuvor.“

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