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Happy End nach vielen Tränen

Familie von Nour Al Batal Happy End nach vielen Tränen

Am Dienstag noch herrschte helle Aufregung: Die sechsköpfige Familie von Nour Al Batal, die nach einer dramatischen Flucht aus Syrien vor drei Wochen das erste Flüchtlingsbaby in Kiel zur Welt gebracht hatte, musste die Erstaufnahme am Norder verlassen. Jetzt hat sich die Situation geändert.

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Sie haben gemeinsam viele Tränen vergossen (von links): Fadoua Harke, Baby Hanade, Nour Al Batal, Rahma, Adam Harke, Jan Harke, Wedad, Mahmoud Al Husain und Abdrahmane können sich jetzt wieder entspannen.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Weil Schleswig-Holstein im Bundesvergleich zu viele Flüchtlinge aufgenommen hatte, wurden die Syrer mit zwei fiebrigen Kindern nach Hamburg weitergeleitet. Doch das war ein Missverständnis: Am Donnerstag konnte sich die Familie in Kiel registrieren lassen und wird hier bleiben. Nun kommt es für sie sogar noch besser: Der Kieler Gastronom und Unternehmer Ahmad Zirakbash will ein Haus in Mielkendorf zur Verfügung stellen.

 Aufrecht steht das syrische Ehepaar im Wohnzimmer der Familie Harke in Molfsee. Nour Al Batal umklammert ihr Baby Hanade, ihr Mann Mahmoud Al Husain faltet seine Hände. Nacheinander sagen sie etwas auf Arabisch, lächeln, nicken und senken ihre Köpfe. „Vielen, vielen Dank – an alle Menschen, die uns unterstützt haben“, übersetzt Fadoua Harke, die mit ihrem Mann Jan die Flüchtlinge in ihrem Haus in Molfsee aufgenommen hat. Eben noch flossen hier Tränen. „Wir alle haben in der letzten Zeit oft geweint“, sagt ihr Mann Jan Harke. Die Geschichte Nour Al Batals bewegt die Menschen: ihre gefährliche Flucht übers Mittelmeer, Griechenland und Ungarn – hochschwanger, mit kleinen Kindern und größtenteils zu Fuß.

 Obwohl es jetzt ein vorläufiges Happy End gibt, wirkt die junge Mutter noch bedrückt. Das Einzige, was sie sich wünsche, sei ein sicheres Zuhause. Dieser Wunsch ist realistischer denn je, doch die Rückschläge verunsichern. Noch am Dienstag mussten sie ihr sicher geglaubtes Containerzimmer innerhalb von 30 Minuten räumen, überwacht von zwei Polizisten und zwei Sicherheitskräften. Säcke, Taschen, Koffer – all die vielen gespendeten Sachen wurden irgendwie zusammengestopft. Fadoua Harke half. Die Marokkanerin und ihr deutscher Mann unterstützen die syrische Flüchtlingsfamilie seit Wochen. „Wir konnten sie gerade in dieser Situation nicht allein lassen, das Baby war krank, und auch die siebenjährige Tochter hatte Fieber“, sagt Fadoua Harke, noch immer ganz aufgelöst. Sie brachten die Flüchtlinge zu der vorgeschriebenen Aufnahmestelle nach Hamburg. „Aber dort herrschte Chaos“, berichtet Jan Harke. „Nur ein Beamter war vor Ort, der konnte keinen Schlafplatz anbieten, und einige der wartenden Syrer hatten schon zwei Nächte auf dem Flur verbracht.“ Daher nahm das Ehepaar Harke noch am selben Abend die Flüchtlingsfamilie mit zu sich in ihr Reihenhaus in Molfsee.

 Am nächsten Tag kam dann die Information, dass die Familie nicht zurück nach Hamburg muss. „Es fehlten Informationen auf beiden Seiten“, erläutert Susanne Berndt, Sprecherin des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten. „Der Mitarbeiter bei der Registrierung wusste nicht, dass die Kinder erkrankt waren. Wenn Menschen krank sind und nicht reisefähig, können sie natürlich in Kiel bleiben und von hier aus Asyl beantragen.“

 Baby Hanade hustet immer noch, und die siebenjährige Rahma schlaucht das Antibiotikum, sie schläft erschöpft auf dem Sessel ein. In die Erstaufnahme am Norder, wo sich die Kinder vermutlich angesteckt haben, müssen sie nicht mehr zurück. „Die Familie kann bei uns wohnen, solange es nötig ist“, sagt Fadoua Harke, die sich selbst bis zur Erschöpfung für diese und zwei weitere Flüchtlingsfamilien einsetzt. Doch ihre sechs Gäste werden vielleicht schon bald ein eigenes Heim beziehen können. Der aus dem Iran stammende Ahmad Zirakbash, ein Freund der Familie Harke und als Gastronom in Kiel bekannt unter dem Namen Someshwar, will ein leerstehendes Haus in Mielkendorf zur Verfügung stellen: „Es sollte irgendwann umgebaut werden. Aber im Moment geht die Not vor“, sagt er. Es sei jetzt wichtig, dass die Sechs ein Dach über dem Kopf hätten. Um das Haus „fit zu machen“, habe er jetzt eine anstehende Reise abgesagt.

 Fragt man sie nach ihren Zukunftsplänen, fangen Nour und Mahmoud an zu erzählen. In seiner Heimat hatte Mahmoud Al Husain einen Friseursalon mit drei Angestellten. Am liebsten möchte er hier irgendwann auch einen eröffnen. Seine Fingerfertigkeit demonstriert er anhand eines Bindfadens, den er so geschickt zwirbelt, dass er im Eiltempo Haare epilieren könnte. Selbst wenn in Syrien wieder Frieden herrscht, möchte das Ehepaar nicht mehr zurück – zu korrupt haben sie ihr Heimatland erlebt und so offen, herzlich und gut die Deutschen.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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Flüchtlingsfamilie wieder in Not

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