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Ansteckungsgefahr in der Erstaufnahme Kiel

Fehlende Isolationscontainer Ansteckungsgefahr in der Erstaufnahme Kiel

Die Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) am Nordmarksportfeld in Kiel machen sich Sorgen um ihre Gesundheit. In dem Containerdorf mit bis zu 760 Flüchtlingen und rund 200 Mitarbeitern brechen immer wieder ansteckende Krankheiten aus.

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Einrichtungsleiter Helmut Kohnert (links) und Innenminister Stefan Studt in einem der Container, in dem vier Bewohner leben. In dem Containerdorf auf dem Nordmarksportfeld sind bis zu 760 Flüchtlinge untergebracht.

Quelle: Sven Janssen (Archivbild)

Kiel. So gibt es laut Aussage des Leiters der Notarztbörse vor Ort, Dr. André Kröncke, derzeit Windpocken, Salmonellen und bis vor wenigen Tagen Noroviren. Doch die Ärzte und Helfer vor Ort können weder sich selbst noch die Flüchtlinge vor einer Ansteckung schützen, denn die bereits im September bestellten Isolationscontainer für die Unterbringung von infizierten Flüchtlingen sind immer noch nicht geliefert worden. „Es ist eine unhaltbare Situation. Wir sind nicht mehr in der Lage, die Menschen angemessen zu schützen“, sagte Helmut Kohnert, der Leiter der Einrichtung.

Während die Verantwortlichen in Kiel auf die dringend benötigten Isolationscontainer warten, sind in der geplanten Erstaufnahmeeinrichtung in Eggebek bereits welche vorhanden: „Wir können die Container allerdings nicht verlagern“, erklärte die Pressesprecherin des zuständigen Landesamtes für Ausländerangelegenheiten, Magdalena Drywa. Zum einen sei das Stellkontingent in Kiel ausgeschöpft, zum anderen würden die Container sonst in Eggebek fehlen: „Die Einrichtung sollte schon eröffnet sein, der Termin wurde mehrmals verschoben.“ Drywa bestätigte aber, dass „überhaupt kein Zweifel an der Notwendigkeit der Isolationscontainer in Kiel“ bestehe: „Ich weiß nicht, an welcher Stelle der Prozess hakt, aber die Container werden auf jeden Fall kommen. Ich kann nur noch nicht sagen, wann.“ Bis das soweit ist, sollen normale Wohncontainer zu Isolationscontainern umfunktioniert werden.

Isolationscontainer besitzen eine Nasszelle

Die Ansteckungsgefahr ist damit jedoch nicht gebannt: Denn der entscheidende Unterschied zwischen Wohn- und Isolationscontainern liegt darin, dass letztere mit Nasszelle inklusive Toilette ausgestattet sind und daher eine ununterbrochene Isolation von Infizierten ermöglicht. Bringt man hingegen Kranke in Wohncontainern unter, müssen diese im Camp gelegene Toiletten und Duschen aufsuchen, womit die Ansteckungsgefahr für andere schon auf dem Weg dorthin besteht.

Der Mediziner Kröncke wies darauf hin, dass Ärzte laut Infektionsschutzgesetz und Asylgesetz verpflichtet sind, in Massenunterkünften besonders auf Gesundheit und Hygiene zu achten und für einen ausreichenden Schutz gegen ansteckende Krankheiten zu sorgen: „Das ist hier bisher nicht zufriedenstellend möglich“, sagte er. Schwangere und Säuglinge würden wegen der Ansteckungsgefahr mit Windpocken gar nicht im Camp aufgenommen. Alle Flüchtlingsfrauen müssten sich daher vor Einlass einem Schwangerschaftsurintest unterziehen.

Trotz Bestellungen treffen Container nicht ein

Bereits im September war die Bestellung von sechs Isolationscontainern für die EAE in Kiel im Landesamt für Ausländerangelegenheiten eingegangen. Trotz vieler Nachfragen trafen die Container nicht ein, so hatte EAE-Leiter Kohnert zusammen mit den Ärzten überlegt, was alternativ getan werden könne: Da es immer wieder Flüchtlinge im Rollstuhl gebe, die nicht in die Toiletten und Duschen kommen, habe er die Bestellung geändert. Nur noch drei barrierefreie Container sollten es jetzt sein, die je nach Bedarf entweder für Rollstuhlfahrer genutzt oder zu Isolationscontainern umfunktioniert werden könnten. Das sei ein vernünftiger Vorschlag, sagt Kohnert:

„Aber wir kriegen die Container nicht. Wir haben uns schon die Finger wund geschrieben und telefoniert. Ich kann nicht sagen, woran es liegt, ich kann nur sagen, dass die Einhaltung der Hygienestandards im Camp schwierig und der Zustand für die Behinderten menschenunwürdig ist.“ Aus Sicht des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten gibt es für das Problem eine unkomplizierte Lösung: Bis es entsprechende Container für Kiel gebe, so Pressesprecherin Drywa, „können Rollstuhlfahrer unkompliziert in anderen barrierefreien Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht werden“. Außerdem zeigte sie sich zuversichtlich, dass die Interimsregelungen in Kiel bald überarbeitet würden und „die Maßgabe des Landesamtes in naher Zeit erfüllt wird.“ Und auch André Kröncke ist optimistisch: „So wie es aussieht, wird eine Lösung auf den Weg gebracht.“

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Erstaufnahme Nordmarksportfeld
Foto: Kurz nach 12 Uhr und die Kantine ist voll. Ina Dittrich (links) und Bettina Lübker-Voss füllen Gulasch, Reis und Salat auf.

Ein ungewöhnlicher Besuch bei einer sehr gewöhnlichen Angelegenheit: Für die Flüchtlinge auf dem Nordmarksportfeld ist das Mittagessen in der Kantine der Höhepunkt des Tages. Um Punkt 12 Uhr wird sich die Glastür zur Kantine öffnen. Schon 30 Minuten vorher drücken sich ein paar Kinder an der Scheibe die Nasen platt, hinter ihnen bilden Flüchtlinge in der eisigen Kälte eine meterlange Schlange.

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