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Der Fernsehturm wird 40, der Architekt 85

Doppelgeburtstag Der Fernsehturm wird 40, der Architekt 85

Er ist der Architekt des höchsten Bauwerks in der Landeshauptstadt, des Fernsehturms: Am heutigen Sonnabend vor 40 Jahren wurde Günter H. Müller damit fertig, pünktlich zu seinem Geburtstag.

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Günter Müller ist Architekt des Kieler Fernsehturmes. Vor dem Bau hat er neben kleinen Handmodellen auch über zwei Meter lange Zeichnungen des Wahrzeichens entworfen.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Wenn Günter H. Müller heute eine Sektflasche knallen lässt, hat das ziemlich viel mit Kiels Stadtbild zu tun. Der Kieler Architekt wird heute nicht nur 85 Jahre alt, sondern kann auch noch dem Fernsehturm zuprosten. Das imposante Gebäude wurde von ihm entworfen und gebaut. Nun wird es auf den Tag genau 40 Jahre alt. „Das war damals ein unglaublicher Zufall“, erinnert sich Günter H. Müller. „Aber genau an meinem Geburtstag waren wir fertig, und das Datum wurde im Bautagebuch festgehalten.“ Zur Doppelfeier begeben wir uns auf eine kleine Reise in die Vergangenheit.

 Günter H. Müller sieht man die Jahre nicht an. Kerzengrade und dynamisch öffnet er uns die Tür und kramt auch schon gleich nach den alten Bauzeichnungen. „Das meiste habe ich ins Archiv der Architektenkammer gegeben, aber einiges hab’ ich noch“, sagt er schmunzelnd und holt eine leicht vergilbte Unterlage aus einem Ringbuchordner. Langsam entfaltet er das Blatt und der Kieler Fernmeldeturm erwächst nach und nach im Wohnzimmer. „Das war die längste Zeichnung in meinem Berufsleben“, sagt er. „2,50 Meter!“ Günter H. Müller hat damals als Architekt in der Oberpostdirektion Kiel gearbeitet. 150 Leute waren in seiner Hochbauabteilung. Er hat Postämter und Fernmeldestellen gebaut, aber auch eine Kfz-Werkstatt oder ein Erholungshotel für die Postbediensteten. „Aber kein Projekt hat mich so beeindruckt, wie der Fernmeldeturm“, schwärmt er noch heute. „Das ist ein Bauvorhaben, das man nur ein einziges Mal im Leben bekommt und dann nie wieder.“

 Monatelang vor Baubeginn wurde geplant und getüftelt, gerechnet und gemessen. „So eine Fertigteilkonstruktion gab es damals noch nicht“, sagt Günter H. Müller und faltet den alten Plan wieder zusammen. „Konstruktiv begaben wir uns damit auf völliges Neuland. Die vom Projektleiter entwickelte Fertigmethode für die Kegelschale der Betriebskanzel war ein absolutes Novum im Turmbau.“ Aber er und sein Architektenpartner Gerhard Kreisel wagten es.

 Doch bis die Fertigteile zum Einsatz kamen, musste erst einmal der Turm wachsen. Am 16. Juni 1973 rollten im Vieburger Gehölz die ersten Bagger an. Zwei Tage vor Weihnachten wurde das Fundament gegossen. „Wenn ich daran denke, stehen mir heute noch die Haare zu Berge“, sagt der gebürtige Thüringer und rutscht unruhig auf seinem Ledersessel nach vorn. „Das Fundament wurde und wurde nicht fest. Der Beton war eingeschlafen.“ Auch Experten aus Hamburg waren ratlos. Man müsse halt für weniger Winddruck sorgen. „Da fragte ich nur, ob sie einen Draht zu Petrus hätten“, schüttelt er noch heute den Kopf.

 Am 18. März des neuen Jahres fing man trotzdem mit den Gleitarbeiten an. Zur Prüfung wurden immer wieder Bohrkerne gezogen. „Und siehe da, zur Osterzeit wachte unser Fundament auf und wurde bombenfest.“

 Zu einer erneuten Zitterpartie kam es, als die 48 Fertigteile für die Kanzel an der Reihe waren. „Beim allerletzten Teil hatten wir nur drei Zentimeter auf jeder Seite Platz. Wir waren ziemlich skeptisch.“ Aber das gesamte Team machte einen perfekten Job. Die Arbeiten gingen zügig weiter. „Als der letzte Kübel Beton hochgefahren wurde, köpften wir auf 207,50 Meter Höhe eine Sektflasche. Trotz Alkoholverbots musste das sein.“ Am 31. Oktober 1975 war der 226,90 Meter hohe Turm fertig. Er ist so hoch wie ein Wohngebäude mit 83 Stockwerken.

 Knapp 7000 Kubikmeter Beton und 1100 Tonnen Stahl wurden verbaut. Über zehn Millionen Mark hat das Projekt gekostet. Und seit dem Fertigstellungstag ist das Wahrzeichen von Kiel nicht mehr aus dem Leben von Günter H. Müller und seiner Frau Brigitte (82) wegzudenken. Im Wandschrank steht ein 1:1000 Modell aus Messing („davon gibt es nur fünf Stück, die gab’s für die Bauverantwortlichen zum Abschied“), ein etwas größeres Urmodell wartet im Flur auf Bewunderer. Der Kaffee wird selbstverständlich aus einem Becher mit Kiel-Silhouette getrunken und ein passendes T-Shirt ruht im Kleiderschrank. Heute Abend wird Günter Müller den kaltgestellten Sekt rausholen und sich freuen. Denn ohne ihn würde es den Turm als eines der Kieler Wahrzeichen so nicht geben.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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