18 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Eine Frau, die nur das Beste wollte

OB-Serie Eine Frau, die nur das Beste wollte

Sie wollte alles anders und besser machen. Doch Susanne Gaschkes Ausflug in die Kommunalpolitik dauerte nur elf Monate. Nach ihrem Rücktritt wollte sie auch mit den Kieler Nachrichten nichts mehr zu tun haben. Wir haben deshalb in ihren Veröffentlichungen nach Antworten auf ungestellte Fragen gesucht. Ein fiktives Interview.

Voriger Artikel
Internationales Team forscht in der Nordsee
Nächster Artikel
Urteil der härtesten Gourmetkritiker

Der im Spätsommer 2013 öffentlich geführte Streit innerhalb der Landes-SPD fand bundesweit Aufmerksamkeit. Nachdem Susanne Gaschke von einer „Intrige“ sprach und der damalige Innenminister Andreas Breitner im Gegenzug Gaschke und ihrem Ehemann „Nötigung“ vorwarf, versammelten sich Reporterscharen im Rathaus.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Nach dem Streit um ihre Eilentscheidung, mit der sie dem Kieler Augenarzt Detlef Uthoff eine Steuerschuld von 3,7 Millionen Euro erließ, erklärte Susanne Gaschke Ende Oktober 2013 zornig ihren Rücktritt als Oberbürgermeisterin.

Frau Gaschke, Ihre Kandidatur war von vornherein umstritten, weil Sie keine Verwaltungserfahrung hatten. Hat Ihnen jemand vorher mal so richtig auf den Zahn gefühlt?

Das schlimmste Kreuzverhör erlebte ich, als ich beschlossen hatte, die „Zeit“ zu verlassen und als Oberbürgermeisterin in meiner Heimatstadt Kiel zu kandidieren. Fast zwei Stunden lang wollte er (Helmut Schmidt) da alles wissen: Industriearbeitsplätze, Gewerbesteuer, Wohnungssituation, Bundeswehr, Energieversorgung, die Sparkasse – was war mit der Sparkasse? Ich verließ Schmidt völlig erschöpft, in der festen Überzeugung, rein gar nichts zu wissen. („Welt am Sonntag“, 15. November 2015)

Warum sind Sie trotzdem angetreten und haben alle Warnungen, auch von weiteren Wohlmeinenden in der SPD, in den Wind geschlagen?

Ich konnte die lokalen Erfahrungen eines ganzen Lebens mit überregionaler Berufserfahrung verbinden. Gewiss: Eine große Verwaltung hatte ich noch nicht geleitet. Ebenso wenig wie meine drei Vorgänger im Amt. (Buch „Volles Risiko“, Seite 24)

Waren Sie sich der Gefahren, die ein solcher Seitenwechsel beinhaltet, bewusst?

Ich habe mich um das Amt der Kieler Oberbürgermeisterin beworben, weil ich das Beste für diese wundervolle Stadt wollte. Ich habe dafür gern – und ohne Sicherheitsnetz, ohne Rückkehrgarantie, ohne jede Art von Versorgungsdenken – einen Beruf aufgegeben, in dem ich erfolgreich und glücklich war und übrigens auch gut verdient habe. (Rücktrittserklärung vom 28. Oktober 2013)

Das Beste für diese Stadt zu wollen, war das der einzige Grund?

Und ich wollte endlich selbst gestalten. Ich wollte beruflich nicht mehr länger von dem leben, was andere taten; ich wollte selbst etwas tun. Ich wollte Oberbürgermeisterin nicht irgendeiner Stadt werden, sondern da, wo ich zu Hause war. (Buch „Volles Risiko“, Seite 35)

Haben Sie angesichts dieser großen Aufgabe, die Sie sich selbst gesetzt hatten, Selbstzweifel beschlichen?

Ich weiß nicht, ob ein Mann sich das fragen würde: Ich aber frage mich ständig, ob ich alles richtig mache. Und ob ich der Verantwortung für diese Stadt gerecht werden kann. (Buch „Volles Risiko“, Seite 67)

Kommen wir zu der Eilentscheidung, die Sie während der Kieler Woche 2013 getroffen haben. Wieso nutzte die Stadt nicht jede Möglichkeit, einen Zahltermin festzusetzen und die Schulden bei Uthoff einzutreiben?

Weil es offenbar ein komplizierter, 15 Jahre alter Gewerbesteuerfall ist. Meine Vorgänger und die Vorgänger des heutigen Kämmerers wollten all die Jahre bestimmt nicht, dass die Stadt leer ausgeht. Aber ohne Erfolg. Deshalb haben sie am Ende einen Vergleich angestrebt. In diesem Sinne habe ich, sobald das möglich war, entschieden. (Interview Kieler Nachrichten vom 18.9.2013)

Sie geben immer wieder Ihrem Vorgänger die Schuld an den Fehlern, die Sie selbst gemacht haben. Wollen Sie von sich ablenken?

Hätte er konsequent sein wollen, dann hätte Torsten Albig versuchen müssen, den Schuldtitel ab 2009 vollstrecken zu lassen, nachdem er rechtskräftig geworden war. Aber tatsächlich hatte sich der Steuerjurist Albig offenbar von den gleichen Überlegungen leiten lassen, die man mir vorgetragen hatte – dass der Spatz in der Hand besser als die Taube auf dem Dach sei. (Buch „Volles Risiko“, Seite 141)

Sie sind nicht nur sauer auf Albig, sondern auch auf SPD-Landeschef Ralf Stegner. Der hatte doch aber mit dem Steuerfall nun gar nichts zu tun.

Torsten Albig mag Ministerpräsident sein, aber Stegner ist der mächtigste Mann in der schleswig-holsteinischen SPD. Ich mag ihn nicht. Und ich wäre nicht überrascht, wenn er mich auch nicht mag. (Buch „Volles Risiko“, Seite 36)

Und warum nicht?

Stegner verbreitet in seiner Umgebung nicht selten ein Gefühl von nur mühsam beherrschter Aggressivität. Das ist natürlich ein subjektiver Eindruck, selbst wenn ich ihn mit vielen Beobachtern teile. Es kann auch sein, dass dieser Eindruck falsch und nur auf die Form von Stegners Mundwinkeln zurückzuführen ist. (Buch „Volles Risiko“, Seite 37)

Sie haben es sich mit (fast) allen verdorben: der Opposition, Ihrer Partei, der Presse. Was ist Ihr Hauptvorwurf?

In meiner Rede vor der Ratsversammlung am 22. August (2013) habe ich gesagt, ich wolle das zerstörerische Spiel, das dort begonnen wurde, nicht spielen. Es ist noch um einiges zerstörerischer geworden, als ich es mir je hätte träumen lassen. Ich war in dieser Rede den Tränen nah. Und ich finde, ich hatte Grund dazu. Die testosterongesteuerten Politik- und Medientypen, die unseren Politikbetrieb prägen und deuten, fanden, das sei weich. (Rücktrittserklärung vom 28. Oktober 2013)

Was hat für Sie den Ausschlag gegeben zurückzutreten?

Ich bin nicht zurückgetreten, damit alle anderen weitermachen können wie bisher. Ich bin zurückgetreten, weil ich den Druck, den ich durch Landesregierung und Medien erfahren habe, nicht mehr aushalten konnte. (Buch „Volles Risiko“, Seite 236)

Sie haben die ganze Zeit auch ziemlich ausgeteilt. Sind Ihnen denn gar keine Fehler unterlaufen?

Ich will mich damit nicht reinwaschen und die Schuld für mein Scheitern auf andere schieben. Ich habe mehr als einen Fehler gemacht, für den man mindestens in die Hölle für miserables Krisenmanagement kommt. („Stern“ vom 7.11.2013)

Von Uta Wilke und Bodo Stade

Das ist das Ende der OB-Serie.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Events in Kiel

Veranstaltungen in Kiel
Aktuelle Termine, News, Infos.

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Anzeige
Mehr zum Artikel
OB-Serie
Foto: Das RBZ Wirtschaft zählt für Torsten Albig zu seinen Lieblingsplätzen in Kiel. „Ich bin sehr stolz und froh, dass dies zu einem guten Ende kam“, sagt er heute.

Der Mann ist immer für eine Überraschung gut: Noch nicht einmal die Kieler Genossen haben erwartet, dass ihr Oberbürgermeister-Kandidat Torsten Albig im März 2009 Amtsinhaberin Angelika Volquartz (CDU) gleich im ersten Durchgang deutlich besiegen würde.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3