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Sohn von NS-Offizier lebte in Kiel

Film "Der Pianist" Sohn von NS-Offizier lebte in Kiel

Der Film „Der Pianist“ von Roman Polanski hat Millionen Menschen in aller Welt gerührt: Ein namenloser Wehrmachtsoffizier rettet darin 1944 den jüdischen Pianisten Wladyslaw Szpilman. Was kaum jemand weiß: Der Sohn dieses Retters hat Jahrzehnte in Kiel gelebt und das Leben seines Vaters dokumentiert.

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Filmemacher von "Der Pianist", Roman Polanski.

Quelle: Jens Kalaene/ dpa/ Archiv

Kiel. In Kürze wollte Dr. Detlev Hosenfeld, Kinderarzt und Humangenetiker, das Ergebnis vorstellen. Dazu kam es nicht mehr: Der 88-Jährige verstarb jetzt in Kiel.Kurz zuvor hatte Detlev Hosenfeld unserer Zeitung von seinem Vater erzählt und sich erleichtert gezeigt: Vier Jahre lang hat er mit dem Journalisten und Historiker Hermann Vinke die Tagebücher und Briefe seines Vaters gesichtet und in den Computer übertragen. Endlich ist die Biografie fertiggestellt, und Detlev Hosenfeld freut sich bei dem Treffen sichtlich auf die Vorstellung in Kiel. „Warten Sie mit dem Bericht, bis dieser Termin feststeht“, bittet er, und dann erzählt er von seiner Mutter Annemarie, einer überzeugten Pazifistin, und dem liebevollen, fürsorglichen Vater: katholisch geprägt, Lehrer, im Ersten Weltkrieg Soldat, ab 1933 ein Anhänger Adolf Hitlers, ab 1935 NSDAP-Mitglied.

60 Fälle wurden nachgewiesen

„1940 hat er in einem Brief an meine Mutter die Kriegsführung Hitlers noch als genialisch bezeichnet. Er war fasziniert von dem Prinzip von Befehl und Gehorsam, wollte unbedingt Offizier werden“, berichtet Detlev Hosenfeld an diesem Wintertag 76 Jahre später. Seit Kriegsbeginn war der Vater in Polen stationiert, richtete ein Lager für polnische Kriegsgefangene ein, leitete dann in Warschau eine Sportschule der Wehrmacht. Er lernte Polnisch, suchte Kontakt zur Bevölkerung und begann, Verfolgten zu helfen.

„Seine Zweifel wurden immer größer. Er sprach von einem teuflischen Plan Hitlers: Gegen den Holocaust rebellierte sein Wertesystem. Die Abkehr vom NS-Regime wurde befördert durch unsere Mutter.“ Zielsicher zieht Detlev Hosenfeld ein Tagebuch seines Vaters aus dem Jahr 1943 aus einem der Stapel auf dem Tisch und zitiert: „‚Als Schande muss jeder Mensch es heute empfinden, dass er auch nur im Geringsten dieses System bejahte.‘ Da hatte er schon länger immer wieder bewusst gegen die Vorschriften verstoßen.“ Nicht alle Fälle, die in den Tagebüchern erwähnt werden, konnte der Sohn belegen. Aber 60 Fälle, in denen der Offizier Menschen gerettet hat, konnten nachgewiesen werden, darunter ein polnischer Pfarrer aus dem Widerstand.

Film bedeutet Genugtuung

Der Bekannteste: Der Pianist Wladyslaw Szpilman, der aus dem Warschauer Ghetto fliehen konnte. Er versteckte sich im zerstörten Warschau und wurde am 17. November 1944 in einer alten Villa von Hosenfeld, dem deutschen Offizier, überrascht. Auf die erstaunte Frage, ob er Deutscher sei, soll Hosenfeld geschrien haben: „Ja, ich bin Deutscher und nach allem, was geschehen ist, schäme ich mich dafür.“ Hosenfeld versteckte den Pianisten auf dem Dachboden und versorgte ihn mit Lebensmitteln. Doch erst 1950 erfuhr Szpilman den Namen seines Retters. Wie der polnische Pfarrer setzte sich nun auch Szpilman für Hosenfeld ein. Vergeblich: Wilm Hosenfeld kam im Januar 1945 in sowjetische Gefangenschaft und wurde in einem Militärverfahren zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. 1952 starb Wilm Hosenfeld mit 57 Jahren in einem Kriegsgefangenenlager in Stalingrad.

Sein Sohn Detlev Hosenfeld kämpfte, wie zuvor sein Bruder Helmut, für die Rehabilitierung des Vaters. „Der Film ‚Der Pianist‘ bedeutete für uns eine Genugtuung, auch wenn unser Vater darin nur in einer kurzen Szene dargestellt wird. Noch wichtiger ist das hier“, sagt Detlev Hosenfeld und zeigt ein Foto aus der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel: Dort ist Wilm Hosenfeld verewigt als „Gerechter unter den Völkern“. „Gerade in der jetzigen politischen Situation sind Beispiele von Menschen notwendig, die für andere Menschen einstehen. Deshalb ist mir die Biographie über meinen Vater so wichtig“, sagt Detlev Hosenfeld beim Abschied. Die ersehnte Vorstellung der Biografie in Kiel blieb ihm versagt.

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