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Nicht jeder findet ein Bett für die Nacht

Flüchtlinge am Bootshafen Nicht jeder findet ein Bett für die Nacht

Am Wochenende waren die Helfer in Kiel erneut extrem gefordert, um alle Transitflüchtlinge nach Schweden zu versorgen: Auch am Sonntagabend bildete sich erneut eine Menschentraube vor den Notunterkünften. Die Grünen bitten jetzt um mehr Tickets für die Durchreisenden.

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Am Abend wird das Lager bereitet: Das ehemalige C&A-Gebäude in Kiel ist zum Notquartier für Flüchtlinge auf dem Weg nach Schweden geworden. Das tägliche Reinigen und Auslegen der Matratzen übernehmen sie dort inzwischen selbst.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Doch für das gesamte Wochenende gab es nur 135 Fährtickets nach Schweden. Der Kreisvorstand der Grünen hat deshalb am Sonntag mehr Tickets gefordert. Es sei aus humaner und menschenrechtlicher Sicht inaktzeptabel, wenn in besonders angespannten Zeiten das Ticketkontingent für die Transitflüchtenden herabgesetzt würde. „Die jetzige Situation ist weder für die wartenden Menschen noch für die Stadt Kiel länger tragbar. Wir bitten die Stena Line nachdrücklich, ab sofort wieder mehr flüchtenden Menschen die Fahrt nach Schweden zu ermöglichen“, sagte die Grünen-Kreisvorsitzende Karen Jakstadt.

"Deutschland tut so viel für uns"

Am Wochenende hatte sich abends vor der Markthalle immer wieder das gleiche Bild gezeigt: Menschen drängen auf das Gelände am Bootshafen, viele setzen sich erschöpft auf die Erde und warten stoisch auf Einlass. Plötzlich stößt eine Gruppe von gut 300 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, dazu. Sie kommen aus dem C&A-Gebäude, wo sie bereits den Tag über gewartet haben. Jetzt müssen sie dort hinaus, damit der Boden gefegt, die einfachen Bänke und Tische zur Seite geräumt und die notdürftigen Nachtlager vorbereitet werden können. Eine Arbeit, die die Männer unter den Flüchtlingen übernehmen. „Vorsicht, dort ist Wasser auf der Erde“, warnt uns ein junger Mann aus Somalia und holt schnell einen Aufnehmer, während andere Männer aus Syrien und dem Irak stapelweise Matratzen heranschleppen und dicht an dicht auf dem Zementboden auslegen. „Deutschland tut so viel für uns, wir wollen auch etwas helfen“, sagt Mohammad Alsaleem aus dem Irak.

Hier sind die Fotos von den Übernachtungsmöglichkeiten am Bootshafen Kiel.

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Seit zwei Tagen wartet er mit Frau und Kindern auf eine Fährpassage nach Göteborg. Er zeigt uns den Beweis: Ein gelbes und ein rotes Band trägt er um sein Handgelenk. Jedes Bändchen steht für einen Wartetag in Kiel. „Wir werden wohl noch zwei, drei Tage warten müssen, bis wir auf die Fähre können“, sagt der Familienvater und geht weiter, um mehr Matratzen zu holen. Bis zu 700 Notlager kann die Stadt bieten – in der Markthalle sind es vor allem Feldbetten, hier im ehemaligen C&A-Gebäude Matratzen und Luftmatratzen. Doch auch das hat in der Nacht zuvor nicht gereicht. Für 150 Männer blieben nur Isomatten oder der blanke Boden.

„In der Nacht zu Sonnabend hatten wir allein 256 Kinder und 15 Säuglinge zu versorgen, in der Nacht zu Sonntag 144 Kinder und 15 Säuglinge“, sagt der Kieler Stadtrat Gerwin Stöcken und ist froh, dass er rechtzeitig das ehemalige C&A-Gebäude für den Notfall sichergestellt hat. „Es war die richtige Entscheidung, sonst müssten viele Menschen draußen schlafen.“ Wie viele Transitflüchtlinge kommen, weiß niemand im Voraus. Kiel wurde am Wochenende offenbar zum Ausweichhafen für jene, die sonst den Weg durch Dänemark oder über Rostock gewählt hätten. Registrierungen in Dänemark und die Überfüllung in Rostock hatten sie offenbar abgeschreckt. „Wir müssen das besser koordinieren“, fordert Stöcken. Er hat deshalb ein Treffen mit Vertretern der anderen Hafenstädte vereinbart.

Alle Helfer ziehen an einem Strang

In den Notquartieren übergibt Jörg Hagedorn von der Kieler Berufsfeuerwehr währenddessen nach einer 12-Stunden-Schicht die Leitung an seinen Kollege Dennis Peters. Ein paar Meter weiter versucht Evar Mohammad geduldig, Fragen von Flüchtlingen zu beantworten. Die junge Frau, die selbst vor eineinhalb Jahren aus Syrien geflüchtet ist, gehört zu den rund 50 freiwilligen Helfern, ohne die all das hier nicht funktionieren würde. Es sind Flüchtlinge, die dolmetschen, Mitglieder von ASB, Maltesern, Johannitern und DRK, aber auch vom interreligiösen Arbeitskreis, die für das warme Mittagessen sorgen, und viele Freiwillige von „Kiel hilft Flüchtlingen“.

„Ob Haupt- oder Ehrenamt – alle hier ziehen an einem Strang, das ist eine beeindruckende Erfahrung“, sagt Einsatzleiter Hagedorn. Was die Arbeit schwierig macht? „Dass man nie weiß, was auf einen zukommt, damit kann ich als Feuerwehrmann umgehen. Schwieriger ist es, mit all dem, was man hier mitbekommt, auch emotional umzugehen.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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