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Wenig dran an den wilden Gerüchten

Flüchtlinge am Norder Wenig dran an den wilden Gerüchten

Im September wurden die Kieler um das Nordmarksportfeld plötzlich Nachbarn von zeitweise bis zu 700 Flüchtlingen. Inzwischen kocht die Gerüchteküche hoch. Wie gelingt das Zusammenleben wirklich? Die meisten sagen: gut!

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Bei den Kindern auf dem Norder hat es sich schon herumgesprochen: Gibt es Probleme mit dem Fahrrad, dann hilft Werkstattleiter Carsten Fahrenkrog von der Team-Tankstelle gerne.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Da wird verbreitet, dass der Wirt eines dortigen Klubheims verzweifelt das Handtuch wirft, dass dem angrenzenden Sportverein die Mitglieder davonlaufen, dass sich junge Hockeyspielerinnen aufgrund ihrer kurzen Trainingsröcke übelste Beschimpfungen gefallen lassen müssen und dass die Anwohner völlig genervt sind. Wir sahen uns vor Ort um. Und waren überrascht, wie prima das Zusammenleben mit den derzeit 570 Asylbewerbern doch klappt.

 Vor dem großen Rolltor der Werkstatt der Team-Tankstelle an der Eckernförder Straße steht Carsten Fahrenkrog (43) mit ölverschmierten Händen. In der einen Hand eine Dose mit Sprühfett, in der anderen eine Zange. Gerade hat er das Fahrrad eines kleinen dunkelhaarigen Jungen wieder fit gemacht. „Die Bremse hakte, und die Kette brauchte Öl“, sagt der Werkstattleiter. „Da helfen wir gerne.“ Es hat sich bei den Flüchtlingskindern herumgesprochen, dass es hier schnelle und vor allem kostenlose Hilfe gibt. Teilweise bis zu fünf Kinder am Tag legen hier mit ihren Rädern einen kleinen Werkstatt-Stopp ein. Tankstellen-Pächter Ewald Hauff (58) kommt dazu und bittet gleich zum Kaffee in den Verkaufsraum. Von den Gerüchten habe er auch gehört, könne die aber ganz und gar nicht bestätigen. „Die Flüchtlinge sind immer freundlich, respektvoll und höflich“, sagt er. „Und sie sind sehr, sehr still“, fügt Partnerin Gudrun Kratzert (57) hinzu, während sie eine Currywurst für einen Kunden zubereitet. Probleme gebe es keine, nicht einmal mit Diebstahl. Beide ärgert der schlechte Ruf der Flüchtlinge. „Sperr’ da drüben mal 500 Deutsche ein, dann hätten wir hier schon längst Mord- und Totschlag“, sagt Ewald Hauff, der nichts auf seine neuen Kunden kommen lässt. Inzwischen hat er sogar arabische Tageszeitungen im Angebot.

Hilfe leichter machen

 Eine Straße weiter im Kopperpahler Teich kommt uns Anwohnerin Marita Staack (61) mit einem Einkaufskorb voller Orangen entgegen. „Das klappt hier alles viel besser als befürchtet“, sagt sie. Fröhlich grinsend schlendert ein kleines Flüchtlingsmädchen vorbei und ruft: „Hallo, alles gut?“ Marita Staack muss lachen. „So geht das hier immer. Sie sind stolz, dass sie ein bisschen Deutsch können.“ Am Anfang hätte sie sich etwas eingewöhnen müssen. Wie reagiert man, wenn einem eine Gruppe von zehn jungen Syrern entgegenkommt? „Doch ein Lächeln hilft immer.“ Dann erinnert sie sich noch an eine Begebenheit: Als ihr Nachbar kürzlich die Hecke schnitt, seien zwei Flüchtlinge vorbeigekommen, hätten ihm die Heckenschere abgenommen und für ihn weiter geschnitten. „Das fand ich schon unglaublich.“ Traurig mache sie allerdings, dass man nicht spontan im Flüchtlingscamp helfen kann. „Da muss man sich erst beim DRK registrieren lassen“, erzählt sie. „Das schreckt viele ab, die einfach nur mal zwei bis drei Stunden die Mitarbeiter unterstützen wollen. Das sollte leichter gemacht werden.“

 Nachbar Alexander Timm (27) verschafft seinem Labrador Sydney gerade Bewegung an der frischen Luft. Dreimal am Tag dreht er seine Runde. „Im Großen und Ganzen klappt alles gut“, sagt er. „Irgendjemand sollte den Flüchtlingen nur mal beibringen, dass man den Bürgersteig benutzt. Die laufen ständig auf der Straße und gehen auch nicht zur Seite, wenn man mit dem Auto durch will.“ Und: Ihn nerve der viele Müll. „Mülleimer in unserer Sackgasse wären mal ’ne Maßnahme“, regt er an.

 Am Eingang der Flüchtlingsunterkunft steht Hassan Ali Abdul Rahman (37) aus Kurdistan und reibt sich die kalten Finger. Seit 2002 ist er in Deutschland und hilft einer Bekannten, die gerade in Kiel eingetroffen ist. Als er von den Hockeysportlerinnen in kurzen Röcken hört und den Beschimpfungen, wird er ernst. „Manche Flüchtlinge kommen nach Deutschland und denken, hier dürfen sie alles. Hier kann ihnen nichts passieren. Dass sie aber Respekt vor Frauen zeigen müssen, müssen sie erst lernen“, sagt er. „Hier in Deutschland hat man auch eine Ehre.“ Mehr Schulungen und Unterricht seien nötig. „Sie sind jetzt in einem neuen Land und müssen lernen, wie die Gesellschaft funktioniert.“ Er sei unendlich dankbar, dass er hier aufgenommen wurde. „In meiner Heimat würde ich vielleicht gar nicht mehr leben“, schiebt er nachdenklich hinterher.

Keine größeren Beschwerden

 Die Straße weiter hoch liegen die Gebäude und Plätze des 1. Kieler Hockey und Tennis Clubs (rund 800 Mitglieder). Die dortige Jugendwartin Britta Rolfs (46) betreut über 200 Jugendliche der Hockeyabteilung und räumt ein: „Ja, manchmal ist es schon zu komischen Situationen gekommen.“ Da hätten Flüchtlinge am Zaun gestanden und Handyfotos vom Training gemacht. „Würden wir ein Hockeytraining in Burka sehen, würden wir im Zweifelsfall aber auch Fotos machen“, sagt sie. Zudem habe sie das Gefühl, dass das Interesse mit der Zeit abgenommen habe. „Das steht und fällt mit dem, was die Flüchtlinge zu tun haben.“ Und inzwischen habe eh das Hallentraining begonnen. Größere Beschwerden oder gar Austritte habe es nicht gegeben. Das bestätigt auch der Präsident des Clubs, Friedrich Greve (71). „Für uns war es von Anfang an selbstverständlich, die Pläne der Stadt und des Landes zu unterstützen – auch wenn dadurch Beeinträchtigungen entstehen“, betont er. Der Kontakt zur Stadt sei „exzellent“. Er würde sich allerdings wünschen, dass auch das Land als Betreiberin der Unterkunft Veränderungen, die auch den Club betreffen, abstimmen würde. So sei der Eingang zu einem zweiten Camp sehr unglücklich gewählt. „Dieser liegt an der Straße zum Clubheim. Dort spielen auch nach Einbruch der Dunkelheit unbeaufsichtigt viele kleine Kinder. Das ist nicht ungefährlich.“

 Zu einem großen Fest mit weit über 50 Torten hatte der Hockeyclub Mitte September eingeladen, und viele neugierige Asylbewerber kamen. Auch ein eigenes Hockeytraining einmal die Woche wurde für die Flüchtlingskinder organisiert. „Wir versuchen, wo immer es geht zu helfen“, sagt Jugendwartin Britta Rolfs. Frohen Mutes und voller Tatendrang ist auch das Gastronomen-Ehepaar des Vereins. „Natürlich haben auch wir von den Gerüchten gehört. Ans Aufhören denken wir aber nicht im Entferntesten“, so Fritz (55) und Erika Stadter (54). „Wir haben hier eine echt prima Nachbarschaft.“ Im Hintergrund klappern die Töpfe. 38 Senioren der Tennisriege warten auf ihren Grünkohl. Fritz Stadter muss wieder an den Herd. Vor seiner Tür drehen gerade drei kleine Flüchtlingskinder auf ihren Rädern eine Runde. Fröhlich winken sie uns zu.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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