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Deutsch als Brücke in ein neues Leben

Kiel Deutsch als Brücke in ein neues Leben

Man mag es kaum glauben: Erst seit sechs Wochen lernen diese 21 Flüchtlinge Deutsch und können sich im Unterricht in der Fremdsprache schon recht flüssig verständigen.

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Volle Konzentration auf die Integration: Flüchtlinge in Kiel bereiten sich in Deutschkursen der Förde-VHS auf einen Neuanfang in ihrem Gastland vor. Qualifizierte Lehrer wie Robert Racz (links) sind derzeit Mangelware. Dabei werden solche Pädagogen aufgrund steigender Flüchtlingszahlen dringend benötigt.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Deutschlehrer Robert Racz, der seit mehr als zehn Jahren Integrationskurse an der Förde-Volkshochschule (VHS) leitet, wundert das nicht: „Ihr Ehrgeiz ist groß. Sie saugen die Sprache förmlich auf, denn alle haben Träume und Ziele.“ Doch Spezialisten wie Robert Racz, die Flüchtlingen zu diesen Zielen Sprachbrücken bauen können, sind derzeit so gesucht wie rar.

 „Der Markt für Lehrer mit nötigen Zusatzqualifikationen ist so gut wie leergefegt“, berichtet der VHS-Programmbereichsleiter Sprachen, Ingo Beckmann. Die mittlerweile bundesweit gesuchten Deutschpädagogen werden auch in Kiel aus nachvollziehbaren Gründen dringend benötigt. Fast 1000 Flüchtlinge büffeln derzeit in 28 VHS-Integrationskursen Deutsch – finanziert vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Eigentlich müssten die Kurse auf 35 aufgestockt werden, weil die Schülerzahl wie im vergangenen auch in diesem Jahr noch einmal um rund 30 Prozent steigen wird.

 Besonders bedrückend ist die Situation für Flüchtlinge, die aufgrund ihres ungeklärten Aufenthaltsstatus keinen Sprachkurs (Kosten: 630 Euro für zwei Unterrichtsmodule) vom Bund finanziert bekommen. 120 von ihnen in Kiel erhalten ihn trotzdem – durch das Engagement von ehrenamtlichen Helfern. Doch die Warteliste ist lang. Laut Förde-VHS-Leiterin Helga Jones hoffen derzeit etwa 250 Flüchtlingen auf einen Platz, um die Sprache ihres Gastlandes zu erlernen.

 Zumindest das Raumproblem für die Integrationskurse ist inzwischen gelöst. So kann die Förde-VHS künftig Klassenräume an allgemeinbildenden Schulen nutzen. Eine entsprechende Vereinbarung dazu ist gerade erst getroffen worden. „Das Schulamt hat sich dabei sehr kooperativ gezeigt“, betont Helga Jones.

 Derweil schlagen sich an diesem Mittag die 21 Flüchtlinge im VHS-Klassenraum mit den Tücken der deutschen Sprache herum. Die Sache mit den Präpositionen ist knifflig: zum Beispiel das „am“ vor Tages- und ein „im“ vor Monatsangaben. Der Unterschied von „kannst du“ und „könntest du“ bei der Bitte um Hilfe ist es ebenso. Erst recht die korrekte Zuordnung von Artikeln. Doch keiner der Schüler stöhnt oder kritzelt gelangweilt ins Heft. Stattdessen ist Anspannung spürbar: Jeder hier will die Chance nutzen, um nach Gewalterfahrung und Flucht endlich wieder neu anzufangen.

 Doch das ist nicht immer so einfach wie es scheint. Arwa Behara zum Beispiel, studierte Juristin, hatte in Syriens Hauptstadt Damaskus eine eigene Unternehmensberatungsfirma mit internationaler Kundschaft. Doch ihre Abschlüsse werden in Deutschland nicht anerkannt. Und ein Großteil der Kraft muss die 33-Jährige jetzt auf die Pflege ihrer gebrechlichen Eltern und ihres behinderten Bruders verwenden, denen ebenfalls die Flucht nach Deutschland gelang. Doch aufgeben will Arwa Behara nicht. Denn mit neuer Sprache kehre bestimmt auch ihr Optimismus zurück.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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