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Eine warme Suppe und etwas Zuversicht

Flüchtlinge in Kiel Eine warme Suppe und etwas Zuversicht

Früher genossen Menschen hier das Leben. Sie tranken Bier und aßen Schweinshaxe. Seit ein paar Wochen ist die ehemalige Markthalle am Bootshafen ein Pritschenlager für Gestrandete. Jeden Abend bekommen bis zu 300 Männer, Frauen und Kinder hier Gemüsesuppe, Wasser, Tee, Laken, Decken für ein Nachtlager. Fast alle Flüchtlinge wollen weiter nach Schweden.

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Vor dem Eingang zur Markthalle legen Riccarda Rebeski (Mitte) und Dorothea Klump den Flüchtlingen farbige Papierbänder um die Handgelenke.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Und von den Helfern etwas Zuversicht für den nächsten Tag. Aber oft gibt es nicht genug Tickets für die Fähre. So wird es eine unruhige Nacht in diesem Asyl auf Zeit. Für die Flüchtlinge und den Reporter.

 Mamoon verbirgt seinen Frust. Drei oder vier Nächte hat sich der 29-Jährige aus Tikrit hier schon um die Ohren geschlagen. Genau weiß der Iraker es nicht. „Auf der Flucht verliert man das Gefühl für Zeit“, sagt der Mann mit dem sorgfältig gestutzten Zweitage-Bart, zieht an seiner Zigarette vor dem Eingang und lächelt. Grund dafür hat er nicht. Seit Tagen geht er leer aus bei der Vergabe der Berechtigungsscheine für ein Fährticket im Ostseekai-Terminal. Allein reisende, gesunde junge Burschen wie er kommen dort erst am Schluss zum Zuge, oder eben auch nicht.

 Organisationsleiter Markus Brandau kennt das Dilemma der Ticketvergabe, bei der es im Terminal manchmal zu Handgreiflichkeiten unter Flüchtlingen kommt. Schwangere, Familien mit kleinen Kindern, kranke oder alte Menschen haben bei der Vergabe Vorrang. Erst dann kommen Flüchtlinge, die länger warten. Um sie in den Schlangen vor den Schaltern besser kenntlich zu machen, hat der Abteilungsleiter der Kieler Berufsfeuerwehr vor ein paar Tagen ein neues System eingeführt: Jeder Flüchtling bekommt am Eingang ein Papierbändchen ans Handgelenk, jeden Tag in einer anderen Farbe.

 Geduldig lassen sich dort die Menschen von der Malteser-Sanitäterin Rebecca Rebeski die Bändchen anlegen, dann schreibt sie Alter und Namen der Neuankömmlinge auf ihre Liste. Täglich ab 19 Uhr beginnt der Einlass an dem mit weißen Folien an mannshohen Gittern blickdicht geschützten Eingangsbereich. Die Szene wirkt wie vor einer Disco. Sicherheitsleute achten darauf, dass nicht mehr als zehn Flüchtlinge gleichzeitig ins Gebäude kommen, um keine Unruhe aufkommen zu lassen.

 Nach der Ausgabe von Decken und Laken ist Fingerspitzengefühl gefragt. Die Liegeplätze werden verteilt: Familien mit Kindern in ebenfalls blickgeschützte Extra-Bereiche, Einzelreisende möglichst nach Herkunftsländern sortiert in den großen Saal. Ein Job für Dolmetscher Khalef Lokman (40), der sechs Sprachen beherrscht und meist schon an Gesichtern das Herkunftsland der Menschen erkennt. „Vor allem bei Afghanen ist es wichtig, dass sie etwas weiter weg liegen von den Syrern. Sonst könnte es Ärger geben“. Warum, kann der Iraker mit deutschem Pass, Ehefrau aus Georgien und eigenem Gebrauchtwagen-Geschäft in Wellsee nicht genau sagen. „Ist ein Erfahrungswert.“

 Der große Saal der von der Stadt angemieteten Markthalle mit all den Pritschen und Luftmatratzen wirkt grotesk. An der Decke baumeln blau-weiße Stoffbahnen und ein riesiger Kranz aus künstlichen Tannenzweigen wie im Hofbräuhaus. Deftige Sprüche in bajuwarischer Mundart sind auf die Wände des ehemaligen Bierlokals mit Oktoberfest-Ambiente gepinselt. Die Bilder drallbusiger Deko-Damen in knappen Dirndln wurden allerdings entfernt, um das Sittlichkeitsempfinden der Muslime nicht zu verletzen.

Wichtig: eine Steckdose

 Die übermüdeten Menschen hier interessiert das alles nicht. Für sie zählt etwas anderes: Ein Schlafplatz möglichst in der Nähe einer Steckdose, um die Akkus ihrer Handys aufzuladen. Um 22 Uhr geht im Saal das Licht aus. Nachtruhe. Komplett dunkel wird es die ganze Nacht über trotzdem nicht bleiben. Bis zum Morgengrauen leuchten überall die Handy-Displays in der Finsternis wie Kerzen vor Heiligenbildern in katholischen Kirchen.

 Es ist eine vergleichsweise ruhige Nacht zum Freitag. Die von der Stadt gemietete Unterkunft zur Verhinderung von Obdachlosigkeit mit Platz für maximal 300 „Transitreisende“, wie sie im Amtsdeutsch heißen, ist mit rund 200 Männern, Frauen und Kindern ausnahmsweise einmal nicht voll belegt. In manchen Nächten kamen auch schon weit mehr als 400, von denen viele dann im Ostseekai-Terminal campieren mussten. Laut Kieler Berufsfeuerwehr blieb die Lage das Wochenende über aber weiterhin entspannt.

 Für Mamoon verläuft die Nacht alles andere als erholsam. Immer wieder wacht er auf aus lauter Angst, nicht rechtzeitig zur Fährticket-Vergabe zu kommen. Um 6 Uhr morgens macht er sich von der Markthalle auf den Weg zum Terminal, er ist einer der ersten. Als sich die Eingangstüren um 8.30 Uhr öffnen, verbreiten sich schlechte Nachrichten: Es gibt heute nur 80 Tickets für die rund 200 in langen Schlangen wartenden Flüchtlinge. Mit Zorn im Gesicht sieht er, wie Polizeibeamte immer mehr Familien, Kinder und Schwangere aus der Schlange an die Counter lotsen. Mamoon hält die Bändchen am Handgelenk hoch.

 Gegen 19 Uhr schiebt sich die Stena gemächlich aus der Förde, und es warten zu dieser Zeit wieder Menschen auf Einlass in die Markthalle. Mamoon ist diesmal nicht unter ihnen. Er hat es auf die Fähre geschafft. Richtung Schweden und dann weiter zu seinem Bruder nach Finnland in eine mehr als ungewisse Zukunft.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

Kieler Förde

Schiffspositionen in
der Kieler Förde, dem
NOK und der Ostsee.

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Leserfragen
Für Kleidung und Hygieneartikel brauchen die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft kein Geld. Sie werden mit Spenden aus den Kleiderkammern versorgt. Wie hier in der Hamburger Messehalle werden die Sachen meist von Freiwilligen sortiert und verteilt.

Welche Ansprüche haben Flüchtlinge, wenn sie nach Schleswig-Holstein kommen? Diese Frage steht oft im Mittelpunkt von Diskussionen rund um die Flüchtlingsproblematik.

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