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Nur die persönliche Begegnung hilft

Flüchtlinge zu Gast Nur die persönliche Begegnung hilft

Freitag, 18 Uhr. Der Termin ist fest geblockt im Kalender von Isolde Kock. Dann kochen und essen Kieler und Flüchtlinge gemeinsam in Elmschenhagen. Wie in einer Familie wird dann geredet, gelacht, gestritten, getröstet. Und irgendwann stellt einer der Asylsuchenden wieder die Frage: „Was können wir tun, damit die Deutschen uns nicht hassen?“

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Rahel Rath (vorne links) und mehrere Freunde haben Instrumente mitgebracht und viele „Rhythmus-Eier“, um gemeinsam Musik zu machen und zu singen. „Freitags ist immer ein bisschen wie zu Hause in der Familie“, sagt Mohamad (vorne rechts).

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Seit Silvester ist auch für die Flüchtlinge in Kiel das Klima spürbar kälter geworden.

 Isolde Kock hat sich selbst eine Aufgabe verordnet, als das Containercamp in Elmschenhagen auf einer Brachfläche aus dem Boden gestampft wurde. „Wir Bürger helfen, die Zeit zu überbrücken, bis das Unzulängliche zulänglich wird. Ich finde, das ist eine gute Aufgabe.“ Deshalb engagiert sich die 69-Jährige in der Initiative „Willkommen in Elmschenhagen“, deshalb steht sie jetzt mit Mitstreitern und Flüchtlingen in der engen Küche im Camp, schnippelt Gemüse und schnackt. Es ist ein vielsprachiges Stimmengewirr. 70 Männer leben hier, immer zu zweit in den elf Quadratmeter kleinen Zimmern, die nur mit dem Notwendigsten ausgestattet sind.

 Natürlich klappt das Zusammenleben auf engstem Raum nicht reibungslos. Zu unterschiedlich sind die Menschen, ihre Erfahrungen und Traditionen. Die Männer hier kommen aus so unterschiedlichen Kulturen wie Syrien und Somalia, Irak und Armenien, Eritrea und Jemen. „Das Leben im Camp ist eine Herausforderung für die Männer, fast alle dürfen noch nicht arbeiten. Das können wir mit unseren Freitagstreffen nicht ändern, aber wir können einen Rhythmus in den Alltag bringen, ein wenig Zuverlässigkeit, etwas Familienersatz“, sagt Isolde Kock, als sie nach dem Essen im Gemeinschaftsraum zusammensitzen.

 Trotz der Verständigungsprobleme ist der Redebedarf groß. Die Übergriffe zu Silvester in Köln haben zuerst viele Deutsche verunsichert und verunsichern nun auch viele Flüchtlinge. Sie diskutieren in sozialen Netzwerken, wie man sich jetzt verhalten soll. „Wir wollen zeigen, dass man vor uns keine Angst zu haben braucht“, sagt ein Iraker, „aber wie soll ich das zeigen, wenn die Menschen nicht mit uns reden und immer weggucken?“ Ein Eritreaer sei beschuldigt worden, in einem Supermarkt etwas gestohlen zu haben. Ein falscher Verdacht. Immerhin habe man sich bei dem Flüchtling entschuldigt.

 Mohamad aus Syrien sagt, dass er jetzt auf der Straße genau auf andere Menschen achte. Wenn ihm eine einzelne Frau begegne, wechsle er immer die Straßenseite. „Sie soll nicht denken, dass ich ihr etwas tue. Ich finde das alles sehr traurig.“ Der 24-Jährige versichert, dass er nicht zulassen würde, wenn eine Frau irgendwo belästigt würde. „Das habe ich bisher nur in Ägypten erlebt, und da bin ich auch dazwischengegangen.“

 Auch Rahel Rath von der Initiative spürt ein wachsendes Misstrauen gegenüber Flüchtlingen. „Dagegen hilft nur die persönliche Begegnung. Wir müssen miteinander reden, reden, reden. Nur so können wir einander verstehen und Konflikte lösen, die ja oft aus Unwissenheit entstehen.“ Und dann erzählt die Grundschullehrerin, wie ihr vierjähriger Sohn beim ersten Besuch in der Unterkunft sofort von Männern abgeküsst wurde. „Wie in meiner Kindheit, als wir alle Tanten und Onkel küssen mussten.“ Also erklärte sie, dass fremde Kinder in Deutschland nicht angefasst und schon gar nicht geküsst werden. „Sie verstanden das nicht, haben immer wieder gefragt, ob wir Kinder denn nicht mögen. Irgendwann haben sie uns geglaubt. Auch, dass man nicht zuschaut, wenn andere an der Kasse die Pin ihrer EC-Karte eingeben. Sie meinten: ,Wir müssen doch lernen, wie das geht’.“ Integration, ist Rahel Rath überzeugt, braucht viel Kommunikation – und gegenseitiges Vertrauen.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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