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Wehen in der Warteschlange

Flüchtlingsbaby Wehen in der Warteschlange

Am Donnerstagabend um 18.14 Uhr ist in Kiel das erste Flüchtlingskind geboren worden. Mit 3350 Gramm ein gesundes, kräftiges Mädchen namens Hanade. Ein kleines Wunder – nach der beschwerlichen Flucht aus Syrien.

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Nour Al Batal (26) aus Syrien brachte Donnerstagabend im Städtischen Krankenhaus ihr viertes Kind zur Welt.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Ihre Eltern und drei Geschwister waren gerade mal eine Dreiviertelstunde in der Erstaufnahme am Nordmarksportfeld, als die Mutter Blut verlor: Verzweifelt hatte Nour Al Batal in der Warteschlange vor der Registrierung noch versucht, ihre Wehen zu verbergen. Die junge Frau nahm an, dass sie nur eine Anmeldung innerhalb von drei Stunden nach Ankunft vor der Abschiebung bewahrte. Doch dann wurde die 26-Jährige mit einem vorzeitigen Blasensprung um 13.15 Uhr per Rettungswagen ohne ihre Familie ins Städtische Krankenhaus gebracht.

Inzwischen sind alle sechs auf der Entbindungsstation gesund und vereint. Zwei Monate Flucht liegen hinter der Familie mit den drei kleinen Kindern im Alter von sieben, fünf und drei Jahren. Aus ihrer syrischen Heimatstadt Deirez-Zor sind sie im Juli gestartet. Zerstört waren ihr Haus und ihr Geschäft. Vater Mahmoud Al Husain, der einen Friseursalon betrieb, berichtet auf Arabisch, wie die IS in seinem Land wütete. Menschen wurden geköpft, und sie wurden gezwungen, dabei zuzusehen. Selbst die Kinder. Er berichtet von Schusssalven aus Hubschraubern und von Häuptern, die aufgereiht an einem öffentlichen Platz zur Schau gestellt wurden: Er habe seinen Kinder gesagt, die sind nicht echt. Mit der schwangeren Frau und den kleinen Kindern wanderte er zu Fuß bis an die türkische Grenze. Nur langsam kamen sie voran, legten stündlich Pausen ein und schliefen im Zelt. Mit Maschinengewehren hinderten sie die Türken am Grenzübertritt. Daher änderte die Familie ihre Route und schaffte es auf einem Boot übers Mittelmeer bis zur griechischen Insel Kos.

Ungarn wollten vorzeitige Geburt erzwingen

Von dort schlugen sie sich wieder überwiegend zu Fuß nach Ungarn durch, wo sie die Hölle erwartete. Sie wurden mit vielen anderen Flüchtlingen eingesperrt und mit Tränengaskapseln beworfen, berichtet der 32-Jährige erregt. Seine Tochter hat noch immer entzündete Augen davon. Essen wurde in Form von Brocken wie Hunden zum Fraß vorgeworfen. Die Ungarn forderten die Registrierung. Die junge Familie weigerte sich, sie hatte nur ein Ziel: Deutschland. Offenbar wollten Ungarn dann eine vorzeitige Geburt nutzen, um die Familie zu registrieren.

Mit ihrer neugeborenen Tochter im Arm und Tränen in den Augen berichtet Nour Al Batal, wie sie schon auf dem OP-Tisch lag und sich mit Händen und Füßen zur Wehr setzte. Ungarn gab nach und man setzte die Familie weit vor der Grenze zu Österreich aus. Wieder begann ein quälender Fußmarsch, für die Schwangere zunehmend beschwerlich, weil die Beine anschwollen und sich der Bauch härtete.

In Österreich dann die Überraschung: viele hilfsbereite, liebenswürdige Menschen, die Kleidung und Essen brachten und die Schwangere medizinisch versorgten. Mit dem Zug wollten sie trotzdem weiter nach Deutschland. Für die junge Frau stand fest: Dort, wo das Kind geboren wird, da will sie bleiben. Kiel ist nun ein besonders guter Ort. Denn der Bruder des Vaters ist bereits hier. Er wohnt mit Frau und vier Kindern seit einem Monat in Molfsee. Die Familienzusammenführung ist also geglückt und die Geburt die Krönung. Doch auch dieses Glück ist nicht ohne Tragik. Das Neugeborene trägt den Namen Hanade. Benannt nach der Schwester ihrer Mutter. Sie wurde von der IS entführt – und keiner weiß, wo sie jetzt ist.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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