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Angst, aber auch Optimismus

Flüchtlingsdebatte in Gaarden Angst, aber auch Optimismus

Angst, Unsicherheit, aber auch Hoffnung und Gelassenheit zwischen Dönerbuden und Spielhallen im Multikulti-Viertel rund um den Vinetaplatz in Gaarden: Ist der Strom der Flüchtlinge ein Fluch für jenen Teil der Gesellschaft, für den Hartz IV nahe und Düsternbrook weit weg ist?

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Der Vinetaplatz gilt als das Zentrum Gaardens. Dort, wo besonders viele Menschen mit ausländischer Herkunft wohnen, wird der Flüchtlingsansturm aus einer speziellen Perspektive betrachtet. Die Hoffnung ist groß, dass die Politik manche Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholt, damit die Integration schneller gelingt.

Quelle: Sonja Paar

Gaarden. KN-Online hat Stimmen und Stimmung in einem Stadtteil eingefangen, der die Flüchtlings-Situation aus einer besonderen Perspektive verfolgt.

Yussuf Kiremit, 28, Jurastudent

Im Sultan-Markt am Alfons-Jonas-Platz hält Yussuf Kiremit die Stellung. Der Chef, sein Bruder Mehmut Hüseyin, ist gerade außer Haus. Yussuf Kiremit ist Jurastudent in der Endphase, er jobbt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und verbringt seine Freizeit zudem als ehrenamtlicher Flüchtlingsbetreuer in Kronshagen. Der 28-Jährige ist also ein ziemlich gut informierter Gesprächspartner. Als Dreijähriger kam er aus dem türkisch-syrischen Grenzgebiet, in dem Arabisch gesprochen wird, nach Deutschland. Es ist die Sprache, die ihn nun so wertvoll macht für die Betreuung von syrischen oder irakischen Flüchtlingen. „Kiel schafft das“, ist Yussuf Kiremit überzeugt. Die Menschen, die er kennen gelernt hat („Vom Analphabeten bis zum Akademiker ist alles dabei“), lassen ihn darauf schließen, dass die Kriminalitätsrate nicht ansteigen wird, obwohl „wir nicht nur Engel in unser Land geholt haben“. Der Sultan-Markt ist auf das neue Klientel längst eingestellt. Hier wird geschächtetes Fleisch angeboten, die Kundschaft kommt auch aus Husum und Rendsburg. Besonders nach dem Freitagsgebet brummt der Laden.

Hakan B., 43, Café-Inhaber

Grundsätzlich ist für den in Kiel geborenen Türken klar, dass Syrern oder Afghanen geholfen werden muss: „In deren Heimat ist Krieg. Doch was machen Albaner oder Leute vom Balkan hier?“ Frau Merkel habe, sagt der Mann, dessen Name geändert ist, da er ihn nicht in der Zeitung lesen will, einen großen Fehler gemacht, in dem so viele Flüchtlinge unkontrolliert ins Land gelassen wurden. Und Kiel habe ebenfalls einen Fehler gemacht: „Es gibt zu viele Kulturen in Gaarden, es gibt dazu Drogendealer und deutsche ,Alkis’, alles Leute, die drüben in der Stadt nicht willkommen sind“. Drüben – das ist in seinen Augen das Westufer. Hakan B. berichtet von der schon jetzt bestehenden Wohnungsnot in Gaarden und steigenden Mieten. Er sagt, er kenne viele Landsleute, die Angst hätten, dass die Kriminalität steige und am Ende die Ausländer Schuld seien. Und dass die Deutschen sich noch wundern würden, wen sie da in ihr Land gelassen hätten. Obwohl, das könne sich auch positiv auswirken: „Die Deutschen werden noch merken, was sie an uns Türken haben.“

Jörg Müller, 50, Marktbeschicker

Das hat Jörg Müller bereits registriert. Der 50-Jährige steht mit seinem Obst- und Gemüsestand seit 1991 an Markttagen auf dem Vinetaplatz. Seine Kundschaft sei international, erzählt er, vor allem aber Deutsche und Türken. Die Kaufkraft, ja, die habe sich in all den Jahren verringert, aber er bleibe Gaarden treu. Über die Flüchtlingsproblematik wird an seinem Stand eher weniger gesprochen. Dennoch: „Man merkt schon, dass die Türken verunsichert sind.“ Und sie seien freundlicher geworden. Woran das liegen könnte? Womöglich daran, dass sie sich als langjährige Bürger nun quasi als bessere Migranten fühlen? So weit will Jörg Müller nicht gehen: „Das glaube ich nicht.“

 Dr. Cebel Kücükkaraca, 60, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Schleswig-Holstein

Für den promovierten Mathematiker steht außer Frage, dass die deutsche Wohlstandsgesellschaft Menschen, die Hilfe in der Not brauchen, zeitweilig Hilfe gewähren sollte. Während er die Angst seiner Landsleute registriert hat, dass unter einigen Einheimischen der Fremdenhass zunehmen könnte, versteht er auch Bedenken, dass Grund- und Frauenrechte anfangs nicht unter allen Geflüchteten den hier üblichen Stellenwert haben dürften. Und er kann die Sorgen von Migranten verstehen, wenn es um Arbeits- oder Wohnungsmarkt geht, was er aber gleichzeitig als Chance für alle betrachtet: „Der Wettbewerb wird zunehmen, aber das kann auch motivieren, sich der neuen Konkurrenz zu stellen, indem jeder beispielsweise mehr in Bildung und Ausbildung investiert.“ Cebel Kücükkaraca empfiehlt der Politik: „Es dürfen nicht die Fehler gemacht werden wie vor 40, 50 Jahren, als 0man hoffte, dass alle Gastarbeiter Deutschland wieder verlassen würden.“

Matthias Klaus, 48, Sozialarbeiter

Im Flex-Café am Vinetaplatz stehen Ein-Euro-Jobber in der Küche und hinterm Tresen. Mittagessen für Kinder gibt es ebenfalls für einen Euro. Matthias Klaus ist seit fünf Jahren Leiter dieses sozialen Treffpunkts für gestrandete Menschen vom Rand unserer Gesellschaft. Ayslbewerber, Hartz-IV-Abonnenten. Hier wird auch gekocht für die Flüchtlinge im Hafen, obwohl der eine oder andere Mitarbeiter schon murrte, warum er für diese Leute schuften müsse. Der Sozialarbeiter sieht mit den Flüchtlingen eine Welle auf Gaarden zurollen, die noch gar nicht einzuschätzen sei. 260 Euro zahle das Jobcenter zurzeit pro Person als Kaltmiete zuzüglich 54 Euro Nebenkosten. „Vor fünf Jahren war es noch deutlicher einfacher, eine bezahlbare Wohnung zu finden“, weiß Klaus, „aber es hilft nichts, wir müssen uns den Problemen stellen.“

Berkant Özel, 46, 2. Vorsitzender von Inter Türkspor

25 Nationen kicken bei Inter Türkspor. Afghanen, Kurden, Deutsche. In der zweiten Männermannschaft stürmt seit dieser Saison ein irakischer Flüchtling. Berkant Özel, der 2. Vorsitzende, erzählt davon, dass der Verein plane, in Schulen Informationen auf Arabisch auszuhängen, um Flüchtlings-Kindern zu helfen. Der Versicherungsfachmann erzählt aber auch von der verbreiteten Angst, dass mit den Flüchtlingen die Beträge für die Arbeitslosenversicherung und zudem die Ausländerfeindlichkeit steigen könnte. „Wir Türken werden doch mit allen in einen Topf geworfen“, bekommt er immer wieder zu hören und: „Wo führt das hin, wie sollen wir das schaffen?“ Aber das ist eine Frage, die auch viele Deutsche beschäftigt.

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Ein Artikel von
Gerhard Müller
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