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Enthusiasmus braucht eine ordnende Hand

Flüchtlingshilfe Enthusiasmus braucht eine ordnende Hand

Die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer stecken voller Ideen und Enthusiasmus. Oft haben die hauptamtlichen Betreuer in den Unterkünften keine Zeit, die Angebote umzusetzen. Die Diakonie Altholstein hat jetzt für die Gemeinschaftsunterkunft in der ehemaligen Marinetechnikschule in der Wik eine Sozialpädagogin eingestellt,

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Einrichtungsleiterin Semra Basoglu und Arne Leisner vom Amt für Wohnen und Grundsicherung schauen sich die Container an. Nach diesem Vorbild sollen Mitte Januar auch die 100 Blechboxen in Schilksee aufgestellt werden.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Die Sozoalpädagogin soll die Arbeit der Ehrenamtlichen koordinieren. Über die Kleiderkammer, die die freiwilligen Helfer im Maritimen Viertel betreiben, ist die Stadt nicht glücklich.

Ulrike Pollakowski, Sprecherin des Organisationsteams der Wiker Willkommensinitiative, kennt das Problem: „Viele Helfer stecken voller Tatendrang. Oft muss ich meine Mitstreiter beruhigen und ihnen vermitteln, dass es gerade nicht passt.“ Den Grund nennt Semra Basoglu, die die Einrichtung leitet. „An einigen Tagen kommen 30 Flüchtlinge zu uns. Wenn wir mit ihnen Aufnahmegespräche führen und sie in die Zimmer bringen, haben wir oft keine Zeit, um zum Beispiel Spenden anzunehmen“, sagte sie. Die Hilfsbereitschaft sei groß und Ideen würden mit viel Herzblut vorgetragen. „Doch wir können das nicht immer bedienen. Ich kann auch die Ungeduld der freiwilligen Helfer verstehen. Doch erst einmal müssen die hoch belasteten Menschen ein Dach über dem Kopf haben“, erklärte Basoglu und nennt noch ein Beispiel. Vor einer Woche sei einer Schwangeren die Fruchtblase geplatzt. Als sie und ihre Mitarbeiter die Frau betreuten und den Rettungswagen alarmierten, seien drei Wiker gekommen und wollten Sachen abgeben. „Wir konnten uns nicht um sie kümmern, sind aber glücklich, dass mit Jasmin der erste Kind aus unserer Unterkunft gesund geboren wurde“, sagte Basoglu.

Sie betonte, dass die Unterstützung der vielen freiwilligen Helfer enorm wichtig sei. Mit Pollakowski ist sich Basoglu einig, dass beispielsweise Sprachunterricht, Kreativgruppen für Mütter und Kinder und andere Angebote sonst kaum in dieser Ausprägung zustande gekommen wären. „Auch die tatkräftige Unterstützung bei der Essensausgabe funktioniert sehr gut“, sagten beide Frauen. Und mittlerweile seien die Ehrenamtlichen sensibilisiert, dass sie nicht sofort alles umsetzen können. Um sie auch zu schützen und vor einem Erschöpfungszustand zu bewahren, soll nun Beate Buchner-Schröder die viele Angebote kanalisieren. Ab dem 11. Januar will sie eine Sprechstunde für den Austausch untereinander und Fragen einrichten. „Es wird auch Workshops geben, in denen wir den Freiwilligen vermitteln wollen, ihre Grenzen zu erkennen und trotz der Belastung neben dem Beruf empathisch und offen zu bleiben“, sagte die neue Koordinatorin. Keinesfalls gewollt sei, dass die Helfer nach einem halben Jahr ausgebrannt seien und nicht wiederkämen. „Dafür ist die freiwillige Hilfe für uns zu wichtig“, sagte Buchner-Schröder.

Als zu viel des Guten empfindet Arne Leisner vom städtischen Amt für Wohnen und Grundsicherung die Kleiderkammer der Freiwilligen im Maritimen Viertel auf dem Gelände. „Wir wollen, dass die Menschen in die Stadtteile gehen und sich bei den DRK-Märkten mit Kleidung versorgen“, sagte er. Sonst entstehe hier eine isolierte Einrichtung, was dem Integrationsgedanken widerspreche. Eine Erstausstattung bekommen die Menschen in den Erstaufnahmeeinrichtungen: Kein Mensch muss im Winter in Badelatschen auf die Straße gehen“, sagte Leisner. Auch die Kleiderkammer wird ein Thema sein, wenn Beate Buchner-Schröder sich mit den ehrenamtlichen Helfern an einen Tisch setzt.

Immer noch problematisch ist die Hygienesituation im Gebäude, weil für die mehr als 300 Menschen nur wenige Toiletten zur Verfügung stehen. Andere Klos sind noch nicht ans Wasser angeschlossen, werden aber trotzdem benutzt. „Wir lassen die Sanitärräume mehrfach am Tag reinigen und versuchen die Hausordnung durchzusetzen“, sagte Basoglu. Mittlerweile gibt es Küchen, in denen sich die Bewohner ihre Essen zubereiten können. Dort wird von einigen Menschen der Abfall liegengelassen. „Ein Ayslbewerber hat sich schon angeboten, will sich darum kümmern und eine Patenschaft für die Küche übernehmen“, sagte die Leiterin.

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