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Verloren im Behörden-Dschungel

Flüchtlingskind Verloren im Behörden-Dschungel

Melika ist elf Jahre alt und braucht dringend eine Brille. Doch zum Augenarzt kann sie bisher nicht: Sie ist nicht krankenversichert. Seit fünf Monaten wird die Gymnasiastin, die aus dem Iran geflüchtet ist, zwischen AOK Nordwest, Jobcenter und der Stadt Kiel hin- und hergeschoben.

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Rechtsanwältin Faegheh Alizadeh-Aghdam vertritt Melika (links) und ihre Mutter Maryam Rezai im Kampf um eine Krankenversicherung. Die Anwältin sieht inzwischen nur noch einen Ausweg: eine Klärung durch das Sozialgericht.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Melika ist im Iran geboren, gehört dort zur afghanischen Minderheit. Weil die Familie politisch verfolgt und ihr Leben bedroht wird, sieht sie 2011 nur einen Ausweg: die Flucht. Es wird eine lange Odyssee durch viele Länder. Am Ende zerbricht die Ehe. Ende 2012 wird Melika mit ihrer Mutter Maryam Rezai der Stadt Kiel zugeteilt. Das Asylverfahren dauert mehr als zwei Jahre. Dann, im Dezember 2014, werden Mutter und Tochter als Flüchtlinge anerkannt. Jetzt wird alles gut, glauben sie. Doch mit der Aufenthaltserlaubnis beginnt ein ganz neues Problem.

 Bis die Mutter Arbeit findet, erhält sie vom Jobcenter Hartz IV und wird bei der AOK krankenversichert. Die AOK lehnt es aber ab, die Tochter über eine Familienversicherung mitzuversichern. Begründung: Melika trage den Nachnamen des Vaters, damit sei nicht nachgewiesen, dass Maryam Rezai ihre Mutter sei. Melika lebt deshalb seit 1. Februar ohne Krankenversicherung.

 Die Mutter wendet sich an alle möglichen Behörden und Institutionen. Doch sie wird immer wieder weiter verwiesen. Schließlich sucht sie Hilfe bei Rechtsanwältin Faegheh Alizadeh-Aghdam. Der Ordner mit dem Schriftverkehr und Telefonprotokollen zeigt: Das Hin- und Herschieben geht trotzdem weiter. Bis heute. Die AOK Nordwest fordert immer wieder eine Geburtsurkunde von Melika: Nur dann dürfe sie nach gesetzlichen Bestimmungen bei der Mutter mitversichert werden. Doch der Iran verweigert der afghanischen Minderheit nachweislich amtliche Urkunden. Die AOK fordert daraufhin, das Kieler Standesamt soll die Abstammung von Melika beurkunden. Doch auch dort heißt es: Ohne Geburtsurkunde ist das nicht möglich.

 Das Jobcenter sieht eine andere Lösung: Die Mutter soll eine „Erklärung zur Bürgerrechtssituation“ im Iran ausfüllen und damit bestätigen, dass Melika ihre leibliche Tochter ist. Das macht die Mutter. Erfolglos. Laut AOK wird solch eine Erklärung nur bei Flüchtlingen aus Syrien anerkannt. Erneut fordert die Kasse eine Geburtsurkunde.

 Inzwischen verschärfte sich die Situation für die Elfjährige. Sie benötigt dringend eine Brille. „Meine Augen sind viel schlechter geworden. In der Schule kann ich eigentlich nichts mehr an der Tafel erkennen“, sagt sie. Und: In der letzten Woche des Schuljahres steht eine Klassenfahrt an. Melika kann aber nur mitfahren, wenn sie krankenversichert ist.

 Rechtsanwältin Alizadeh-Aghdam beantragt deshalb am 9. Juni eine eigene Pflichtversicherung für die Schülerin. Die AOK lehnt auch das ab: Pflichtversicherungen seien erst ab 15 Jahren möglich. Die AOK will kurz darauf eine Familienversicherung angeboten haben. Dazu gibt es widersprüchliche Aussagen. Am Ende ist Melika weiter ohne Versicherung. Damit die Gymnasiastin zumindest mit auf Klassenfahrt kann, bekommt sie vom Jobcenter ein Schreiben, das als vorläufiger Versicherungsnachweis gelten soll – allerdings nur bis Ende Juli. Sofort bemüht sie sich um einen Termin beim Augenarzt. „Aber den gibt es erst im August. Dann gilt die vorläufige Versicherung nicht mehr“, sagt Melika. Zudem steht auch eine weitere dringende Behandlung an. Melika hat Angst, dass auch die nicht stattfinden kann. Ihre Mutter versteht das alles nicht. Gerne hätte sie mit einem DNA-Test nachgewiesen, dass Melika ihre Tochter ist. Doch dafür fehlt ihr das Geld. Nun soll das Gericht den Fall klären.

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Melika aus Kiel
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Der Kampf der elfjährigen Melika um eine reguläre Krankenversicherung geht in die nächste Runde. Zwar hat ein DNA-Test inzwischen ihre Abstammung geklärt – geholfen hat das jedoch nichts.

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