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Was Freiheit bedeutet

Flüchtlingskurse Was Freiheit bedeutet

Ehsan Abri geht neue Wege. Das tut er jetzt in Kiel, wo er das Projekt „Neue Wege für Neuankömmlinge“ initiiert hat: Flüchtlinge vermitteln Ankömmlingen in ihrer Landessprache Basiswissen über Demokratie und Menschenrechte.

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Amin Ghazaei, Majid Javaheaian, Tarfah Alfadhli und Ehsan Abri (von links) stehen für politische Bildung von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Das Team hofft, dass sein Konzept auch in anderen Regionen des Landes Nachahmer findet.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Ein Aspekt, der Abri und seinen Lehrerkollegen besonders wichtig ist: die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Zwei Auslöser haben Abri motiviert: die Massenbelästigungen von Frauen in der Silvesternacht in Köln. Und die politische Entscheidung, dass Asylbewerber aus bestimmten Ländern wie Afghanistan keinen Anspruch mehr auf Integrationskurse haben. Wie sollen Neuankömmlinge sich angemessen verhalten, wenn sie keine fundamentalen Informationen über das politische System erhalten, fragte sich Abri und entwickelte mit anderen Flüchtlingen das Konzept: Flüchtlinge unterrichten Flüchtlinge in der Heimatsprache in politischer Bildung, zunächst in einem Kurs über „Demokratie und Menschenrechte“, dann in einem zu „Feminismus und Gleichberechtigung“. Außerdem gibt es einen Sprachkurs von deutschen Muttersprachlern.

„Die meisten Flüchtlinge kommen aus diktatorischen Regimen, sie kennen keine Menschenrechte, keine Freiheit, keine Gleichheit von Mann und Frau. Viele denken, dass diese Regime vom Himmel kommen, dass sie unveränderlich sind“, sagt Abri und erzählt von einem typischen Erlebnis: Wenn Muslima in Kiel ohne Kopftuch nach draußen gehen, wären sie und die Männer erstaunt, dass noch immer Wasser in der Förde ist. „Es wurde ihnen ja eingetrichtert“, sagt Abri, „dass dann das Wasser aus dem See verschwinden würde.“ Eine Vorstellung, die in Ländern mit knappen Wasserressourcen Existenzängste auslöst. Abri ist überzeugt, dass Flüchtlinge wie er und seine Mitstreiter besser auf solche Vorstellungen eingehen und diese überzeugender als Mittel der Unterdrückung entlarven können als Deutsche.

Es geht um die Freiheit selbst zu entscheiden

Tarfah AlfadhIi vom Dozententeam betont, dass es im Unterricht nicht um die Frage geht, Schleier ja oder nein. Vielmehr wird vermittelt, dass jede Frau das Recht hat, das selbst zu entscheiden. „Wenn Vater, Ehemann oder Bruder Nein sagen, dann setzt dieses Nein nicht das Menschenrecht auf Selbstbestimmung außer Kraft“, sagt die junge Lehrerin aus dem Jemen. Das sei für viele schwer zu verstehen. „Wir hören dann oft: Das ist doch unsere Kultur. Wir sagen: Das sind Menschenrechte, und die sind global und gelten in allen Kulturen“, erklärt Abri.

Doch Lehrmittel, die Fahrten zum Unterricht, Räume – ohne Unterstützung war das Konzept nicht umzusetzen. Abri, der selbst nach drei Jahren noch immer auf seine Anerkennung wartet, musste lernen: Einzelpersonen können nicht gefördert werden. Der Landesbeauftragte für Politische Bildung, Christian Meyer-Heidemann, war aber so überzeugt von dem Konzept, dass er mit der Zentralen Bildungs- und Beratungsstelle ZBBS die Grundlage schuf und gleich 10000 Euro – immerhin ein Zehntel seines Jahresetats – bereitstellte. „Das Projekt leistet einen wichtigen Beitrag, damit geflüchtete Menschen die Grundwerte unseres Zusammenlebens verstehen können und sich in ganz alltäglichen Situationen besser zurecht finden.“ Auch Rainer Pasternak von der Partnerschaft für Demokratie und dem Rat für Kriminalitätsverhütung in Kiel, Britta Thege vom Verein Create Future und der Rat für Kriminalitätsverhütung Schleswig-Holstein unterstützen deshalb das Projekt.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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