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Gefahr durch K.o.-Tropfen steigt

Frauen-Notruf Gefahr durch K.o.-Tropfen steigt

Anfang November machte in Kiel die Vergewaltigung einer jungen Disko-Besucherin, die von zwei jungen Männern mit K.o.-Tropfen betäubt und missbraucht worden war, Schlagzeilen. Kein Einzelfall, sagt Imke Deistler vom Frauen-Notruf Kiel: „Die Fälle häufen sich.“

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Noch vor wenigen Jahren waren Fälle, in denen Opfer mit K.o.-Tropfen gefügig gemacht wurden, eine Ausnahme.

Quelle: imago/Miestone Media

Kiel. Eindringlich mahnt sie zu höherer Sensibilität und appelliert an Opfer, unbedingt Spuren sichern zu lassen und bei der Polizei Strafanzeige zu erstatten. Noch vor wenigen Jahren waren Fälle, in denen Opfer mit K.o.-Tropfen gefügig gemacht wurden, eine Ausnahme. „Mittlerweile melden sich monatlich zwei Frauen bei uns, die unter Einfluss der Substanz vergewaltigt worden sind – Tendenz steigend“, sagt Deistler.

Sie spricht von einer alarmierenden Entwicklung. Die Dunkelziffer ist nach Einschätzung der Expertin noch höher als bei Sexualdelikten ohne Einsatz von K.o.-Tropfen. „Abgesehen vom Schamgefühl können sich die Opfer in den allermeisten Fällen nicht daran erinnern, was ihnen widerfahren ist“, sagt Deistler. „Sie spüren nur, dass in der Zeit ihrer Besinnungslosigkeit etwas mit ihnen passiert ist.“

90 Prozent der Frauen zeigen Straftat nicht an

 Aus Beratungen in der Kieler Hilfseinrichtung weiß die Diplom-Psychologin, dass 90 Prozent der missbrauchten Frauen die Straftat nicht angezeigt haben. Eine Beobachtung, die sich mit der Kriminalitätsstatistik deckt: 2014 wurden landesweit zwei „Sexualdelikte im Zusammenhang mit Gift“ registriert, 2015 fünf. „Bei der Tatmittelerfassung wird nicht zwischen Gift und K.o.-Tropfen unterschieden“, sagt eine LKA-Sprecherin. Anhand der Statistik lasse sich eine Steigerung nicht nachweisen, allerdings warnt die Polizei bundesweit vor den illegalen Substanzen.

  Der Fall einer 23 Jahre alten Kielerin, die Anfang November mit zwei Männern, die sie bereits länger von einer Kontaktbörse kannte, gefeiert hatte, und später in einer Wohnung unter Einfluss von K.o.-Tropfen von beiden Beschuldigten vergewaltigt worden war, deckt sich mit den Beobachtungen der Fachberaterin. „Wir haben es nicht immer nur mit unbekannten Tätern zu tun, die ihren Opfern in Bars und Diskotheken auflauern“, sagt Imke Deistler. Etwa in der Hälfte aller Fälle würden sich Täter und Opfer kennen und die verbotenen Substanzen außerhalb öffentlicher Plätze, in Wohnungen und auf privaten Feiern im Freundeskreis heimlich verabreicht.

„Das Schlimme ist, dass durch K.o.-Tropfen eine ganz neue Gruppe von Tätern entsteht“, warnt die Therapeutin. Bei „klassischen“ Sexualdelikten müssten die Angreifer körperliche Gewalt anwenden und mit Gegenwehr rechnen. „Beim Einsatz von Tropfen müssen Täter keine Kraft einsetzen“, argumentiert die Kielerin. Entsprechend würde die Hemmschwelle erheblich reduziert.

Tropfen werden selbst hergestellt

Weiteren Grund zur Sorge bereitet der Psychologin, wie einfach es potenzielle Täter haben, nicht nur an K.o-Tropfen zu gelangen, sondern diese sogar selbst herzustellen. „Es ist kein Geheimnis mehr, dass im Internet in einschlägigen Foren genaue Anleitungen zu finden sind, sogar von Nutzern unverhohlen gefragt wird, welche Dosis man verwenden muss, damit sich das Opfer definitiv nicht mehr an eine Vergewaltigung erinnert“, sagt Deistler. Und: „Man kann nur appellieren, dass Tätern bewusst wird, dass eine Überdosierung tödlich enden kann und die Geschädigten traumatisiert werden, ja sogar eine posttraumatische Bewusstseinsstörung davontragen können.“ Sie fordert, unter Freunden besser aufeinander achtzugeben. „Wenn jemandem scheinbar unvermittelt schwindlig wird oder benommen wirkt, sollten Freunde sich um die Betroffenen kümmern und persönlich nach Hause oder zum Arzt bringen.“

 Wer nach einem Filmriss Sorge hat, Opfer eines Sexualdelikts geworden zu sein, findet Hilfe bei der Gewaltopfer-Ambulanz des Kieler Instituts für Rechtsmedizin. „Dort ist es möglich, vertraulich Spuren sichern zu lassen“, sagt Deistler.

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Ein Artikel von
Bastian Modrow
Lokalredaktion Kiel/SH

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