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Die Routine kommt auf den Prüfstand

Führerschein-Test Die Routine kommt auf den Prüfstand

Ja, okay, das Stoppschild hätte ich sehen müssen. Und ein bisschen zu flott war ich vielleicht auch unterwegs. Aber dennoch darf man sich bei mir auf dem Beifahrersitz sicher fühlen. So das Fazit von Fahrlehrer Ingo Wetzel, bei dem ich nach 30 Jahren noch mal die Führerscheinprüfung in Theorie und Praxis gewagt habe.

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Nach 30 Jahren machte KN-Reporterin Karina Dreyer noch einmal die Führerscheinprüfung bei Fahrlehrer Ingo Wetzel. Im praktischen Teil wäre sie heute durch die Prüfung gefallen, berichtet sie.

Quelle: Jennifer Ruske

Kiel. Am 5. November 1985 erhielt ich jenen grauen Lappen, der mir erlaubt, Kraftfahrzeuge der Klasse 3 zu führen. Das führte auch gleich eine Woche später dazu, das ich mit dem Wagen meiner Mutter unverletzt im Ackergraben landete. Ansonsten habe ich bislang in Flensburg noch nicht gepunktet und mir bis auf diverse Knöllchen und unschöne Blitzfotos nichts Schlimmeres zuschulden kommen lassen. Deshalb bin ich mir relativ sicher, den Führerschein bei Ingo Wetzel locker zu bestehen.

„Die grundlegenden Sachen haben sich in den Jahren nicht verändert“, erklärt er mir. „Es sind in der Theorie jedoch mehr Fragen über Umweltschutz, Technik, Alkohol, Medikamente und Drogen hinzugekommen“, weiß Ingo Wetzel, der schon seit 15 Jahren Fahrlehrer ist. Doch ich erkenne beim Multiple-Choice-Test am Computer gleich, dass sich für mich einiges verändert hat. Es werden heute kleine Filmchen gezeigt, an die sich meine Augen gewöhnen müssen. Deshalb verwechsle ich prompt einen Bauarbeiter mit einem Polizisten. Auch einen Motorradfahrer hinter einem Pkw an der Kreuzung kann ich trotz näherer Betrachtung nicht sehen. Es hagelt Punktabzüge, auch bei der Frage, was die Größe der Fliehkraft in Kurven beeinflusst. In welchem Drehzahlbereich hat der Motor den geringeren Kraftstoffverbrauch? Ehrlich? Keine Ahnung. Das sind für mich böhmische Dörfer, in denen nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt ist.

Klar ist mir, dass ich nicht fahren darf oder sollte, wenn ich mal Alkohol getrunken habe. Bei den allgemeinen Regeln im Straßenverkehr bin ich auf der sicheren Seite. Wat löpt, dat löpt. Jede der 30 Fragen wird mit zwei bis fünf Fehlerpunkten unterschiedlich gewichtet. Für die Prüfung der Klasse B sind nur zehn Fehlerpunkte erlaubt. Ich habe sieben Fehlerpunkte, hätte die Theorie also bestanden. Wenn nicht, hätte ich eine zweiwöchige Sperre bekommen und dann zur nächsten theoretischen Prüfungsrunde antreten dürfen. Mein Fahrlehrer bewertet mich nett: „Das war gar nicht schlecht, die grundlegenden, wichtigen Sachen sind doch alle richtig.“ Er ist sich sicher, dass schon nach einem Jahr die wenigsten Autofahrer die theoretische Prüfung noch bestehen würden. Eine Frage des Lang- und Kurzzeitgedächtnisses.

Weiter geht es zur praktischen Prüfung, die ich mit Leichtigkeit wuppen werde. Denke ich, irre aber gewaltig. Denn es haben sich über die Jahre einige Fehler eingeschlichen, die ich künftig natürlich vermeiden werde: „Schulterblick, mal ja, mal nein. Du müsstest viel eher in den höheren Gang, um Sprit zu sparen. Und du bist ein bisschen flott unterwegs“, hagelt es Kritik. Die Fahrt geht von der Feldstraße über den Famila-Parkplatz und die Holtenauer Hochbrücke an den Kanal und von dort aus weiter nach Dänischenhagen. Doch da endet meine Prüfung plötzlich. Verwundert schaue ich meinen Fahrlehrer an. „Nicht gesehen?“, fragt er. „Was denn?“, frage ich zurück. Ich soll wenden und die Abfahrt nach Dänischenhagen noch einmal hinauffahren. Huch, da steht ja ein Stoppschild, das fünf Minuten vorher da auch schon gestanden haben soll.

Bestanden hätte ich damit nicht, aber ohne Lob muss ich auch nicht nach Hause fahren: „Dir merkt man die Routine und den Überblick an, du lässt dich nicht aus der Ruhe bringen. Und dass du parken kannst, habe ich heute auch gesehen“. Immerhin.

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