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Für Cravan soll Occupy weitergehen

Oberbürgermeisterwahl Kiel Für Cravan soll Occupy weitergehen

Fünf Kandidaten wollen bei der Oberbürgermeister-Wahl am 28. Oktober das Rathaus von Kiel erobern. Susanne Gaschke (SPD), Gert Meyer (CDU), Andreas Tietze (Grüne) sowie die unabhängigen Kandidaten Jan Barg und Matthias Cravan. In der letzten Folge besucht Matthias Cravan den Platz, an dem er sich monatelang für die Occupy-Bewegung engagierte.

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Matthias Cravan (links) kam vor dem Stadtteilrestaurant Fleet mit Manfred Bucher ins Gespräch. Gegen die wachsende Wahlmüdigkeit, waren sich die beiden schnell einig, müsse man aktiv kämpfen.

Quelle: Nickolaus

Kiel. „War ja logisch, dass das Camp eines Tages wegkommt“, sagt Matthias Cravan mit Blick auf die Brache vor der Förde Sparkasse. Und doch kommt an diesem Ort, wo er rund herum sieben seiner Plakate aufgehängt hat, Wehmut auf. „Wo sonst wäre ich jemals mit einem Professor aus Chile ins Gespräch gekommen? Das war schon eine intensive Zeit, in der ich viel gelernt habe.“ Über politische Zusammenhänge zum Beispiel, aber auch über Menschen in der Stadt.

Abends und nachts hatten die Campbewohner immer wieder Besuch vom Bergstraßen-Partyvolk. Nicht immer ging es konfliktfrei zu, oft war Sozialarbeit angesagt, und Cravans Wahlhelfer Metin Derer, wie er ein ehemaliger Occupy-Aktivist, merkt an, dass die Stadt zu wenige solcher Einrichtungen habe. Der OB-Kandidat nickt. „Bei Occupy hatte das eine ganz andere Qualität: Wir haben miteinander von gleich zu gleich geredet, nicht als Sozialarbeiter, nicht aus einem beruflichen Interesse heraus.“ Statusfragen seien vollkommen irrelevant gewesen.

5000 Info-Karten hat Cravan drucken lassen, es dürfte den ehemaligen Bauarbeiter und Frührentner eine Menge gekostet haben. 1000 habe er bisher in die Briefkästen gesteckt, allmählich werde die Zeit knapp, „aber je später die Karten vor der Wahl kommen, desto besser ist es“. Das Foto darauf zeigt den 45-Jährigen vor dem Kleinen Kiel, im Hintergrund ist das Rathaus zu sehen. „Echte BürgerInnnen-Beteiligung, nicht nur Wahlkampfversprechen“, steht auf grünem Grund geschrieben, und: „Wahl-Alternative zu den Partei-Kandidaten“.

Es ist für Cravan, der selbst mit wenig Geld auskommen muss, viel mehr als eine Floskel. Die meisten etablierten Politiker seien Akademiker und würden „das Unten nicht mehr kennen“: dass es wehtut, wenn sich die Miete nach einer energetischen Haussanierung plötzlich um elf Prozent erhöht und man nicht weiß, woher man nun auch dieses Geld noch aufbringen soll. Dass die Bus-Monatskarte unerschwinglich ist. Und dass für ärmere Familien eine Tageskarte im irgendwann neu gebauten Zentralbad an der Hörn unbezahlbar sein dürfte. Kurz gesagt: Cravan weiß um diese Alltagssorgen, weil sie seine eigenen sind.

„In Kiel gibt es viele Geringverdiener und Frührentner“, stellt Björn Nickels fest, der Cravan aus der gemeinsamen Occupy-Zeit kennt und heute so etwas wie sein Motivator ist. „Diese Menschen haben kaum eine Lobby. Matthias ist für sie ein Sprachrohr.“ So würde es der Kandidat selbst nicht formulieren, und Metin Derer spricht denn auch lieber vom Hoffnungsträger.

Die drei Männer sind vor dem Haus der Brücke Schleswig-Holstein an der Muhliusstraße angekommen, wo Manfred Bucher vom Stadtteilrestaurant Fleet frische Luft schnappt. Ob er sich mit der OB-Wahl beschäftige, will Cravan von ihm wissen. „Intensiv!“, lautet die Antwort. Er sei im Ruhrpott groß geworden und habe dort mit seinem Vater SPD-Plakate geklebt. Kiels Alt-OB Torsten Albig (SPD) möge er persönlich sehr gern, und nach Andreas Tietze von den Grünen lerne er jetzt endlich auch Cravan kennen. Um gegen die Wahlmüdigkeit vieler Bürger anzukämpfen, würde sich Bucher „mit Ihnen nachts hinstellen und eine Woche lang Flugblätter verteilen“. Wasser auf Cravans Mühlen. „Wer nicht wählen geht, stellt unsere Demokratie infrage“, erwidert er. „Lieber sollte man den Wahlzettel ungültig machen.“ Vielleicht bringe man die Parteien zum Nachdenken.

Die vergangenen Wochen haben ihre Spuren hinterlassen. Auf einer Bühne argumentieren, vor laufender Kamera Interviews geben, auf der Straße wildfremde Menschen ansprechen? In der familiären Atmosphäre von Occupy spielte Lampenfieber für Cravan keine Rolle. In diesen Tagen dagegen belastet es ihn so stark, dass er, der sonst frei formulieren kann, sich manchmal wie gelähmt fühlt. Er habe in den vergangenen zwei Nächten kaum ein Auge zugetan, weil ihm sein Auftritt am Montag in der Halle 400 so bevorstehe. Bereut er seine Kandidatur? „Nein“, sagt Matthias Cravan. „Aber ich würde vorher immer eine Rhetorikausbildung machen.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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