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Aggressive Szenen im Kirchenweg

Gaarden Aggressive Szenen im Kirchenweg

Nur noch 40 Menschen sollen vom 15. September an nach einer Verfügung der Stadt Kiel im Kirchenweg 34 untergebracht werden. Eigentümer und Verwalter des Hauses machen dagegen jetzt juristisch Front. Ihr Hauptargument: Die zulässige Bewohnerzahl sei willkürlich gegriffen und nicht seriös begründbar.

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Der Müll im Kirchenweg löst unter den Anwohnern immer wieder Unmut aus.

Quelle: Martin Geist

Kiel. Die Rechnung von Verwalter Erik Währum sieht so aus: Auf mehr als 1000 Quadratmetern verteilen sich im Kirchenweg sechs Drei-Zimmer-Wohnungen und drei Sechs-Zimmer-Wohnungen. Wenn also eine Person in einem Zimmer lebt, ergeben sich daraus schon 54 Bewohner. Und exakt diese Zahl habe die Stadt in den 1990er-Jahren aufgeführt, als in einem Bescheid die Einzelvermietung der Zimmer gestattet worden seien.

 Strittig ist dabei, wie stark die Immobilie überhaupt belegt ist. Die Hausverwaltung kommt nach ihren Mietverträgen auf 81 Bewohner, bei der Stadt gemeldet sind 140, Befragungen vor Ort haben wiederum laut Stadt 113 ergeben. So oder so steht für den Anwalt der Verwaltungsfirma GF-Consulting fest, dass die Verfügung „auf unzutreffenden Angaben beruht“. Auch gebe es keine wirklich einleuchtende Begründung dafür, weshalb in dem Haus gerade 40 Menschen wohnen dürfen und nicht etwa 39 oder 41.

 Hinzu kommt für den Juristen die zivilrechtliche Seite. Im Kirchenweg gebe es keine Beherbergungsverträge, will heißen, es werde nicht wie im Hotel pro Nacht und Kopf abgerechnet, sondern die Vermietung laufe pro Zimmer. Und das mit ganz normalen Mietverträgen. „Solche Verträge zu kündigen und womöglich Räumungen durchzusetzen, ist eine langwierige Angelegenheit“, sagt der Anwalt.

 Mithin schätzt er die Chancen der Stadt, ihre Verfügung durchzusetzen, als „sehr unrealistisch“ ein. Mehr gedient wäre der Sache aus seiner Sicht, wenn sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und nach einer Lösung suchen würden.

 Verwalter Währum gibt sich derweil empört über das Verhalten der Stadt, die sich in den Dienst der Hausbesitzer-Lobby stelle und die Menschen aus dem Kirchenweg „einfach entsorgen will“. Dialogbereit sei er aber immer noch, versichert er. Ihm gegenüber habe jedoch im Rathaus und auch bei der „Wohnwert“-Initiative von Haus & Grund noch niemand sagen können, wie er sich eine Lösung vorstellt. Dass die Verhältnisse im Kirchenweg „nicht toll sind“, wisse er selber. Das Problem sei jedoch, dass die größtenteils aus Bulgarien und Rumänien stammenden Bewohner auf dem Wohnungsmarkt keine Chance hätten: „Die können nirgends hin. Es will sie niemand hier haben.“

 Unterdessen berichten zwei Augenzeugen unabhängig voneinander von bedenklichen Szenen in der Nachbarschaft. Am Sonntagabend sei es wegen eines Streits auf der Straße zu einem Polizeieinsatz und in der Folge zu üblen Szenen an den Fenstern der umliegenden Gebäude gekommen: „Der Hitler-Gruß wurde gezeigt und gedroht, man jage das Haus in die Luft, wenn es bis zum 15. September nicht geräumt ist“, berichtet ein Nachbar. Eine Frau, die ebenfalls in dieser Straße wohnt, bestätigt die Bombendrohung. Drohanrufe hat es in den vergangenen Tagen auch direkt bei der Verwaltungsfirma gegeben.

 Die Polizei bestätigt, dass es Sonntagabend zu einem Einsatz kam. Als die Beamten vor Ort waren, sei jedoch weder von dem Streit noch den Drohungen etwas wahrnehmbar gewesen. Dennoch sorgen sich auch die Sicherheitskräfte. Der Kirchenweg wird seit einiger Zeit verstärkt bestreift.

 Sozialarbeiter Serdar Külahlioglu, der für die Fachhochschule Kiel im Hinterhof des Hauses ein Gartenprojekt mit den Kindern aus dem Kirchenweg leitet, rät angesichts dessen dringend zum Dialog und fordert die Vertreter der Stadt zur Behutsamkeit auf.

 Zumal nach seiner Einschätzung kein Zweifel besteht, dass seit der Übernahme des Gebäudes durch den neuen Eigentümer Ende Februar „viel mehr passiert ist als in zwei Jahren vorher“. Probleme würden jetzt umgehend angepackt, vom Zustand der Wohnungen bis zur Müllentsorgung seien erhebliche Verbesserungen zu beobachten.

Stadt besteht auf Reduzierung

Die Stadt teilte am Freitag mit, dass sie darauf bestehen muss, die Bewohnerzahl in dem Haus von rund 140 auf 40 zu reduzieren. „Die Gefahrenabwehr gebietet es, dass das Haus nicht überbelegt ist. Im Falle eines Brandes wie in der Feldstraße hätten die Bewohnerinnen und Bewohner keine Chance“, untermauerte Bürgermeister Peter Todeskino das konsequente Vorgehen der Stadt. Und: „Der Schutz von Leib und Leben der dort Wohnenden hat oberste Priorität! Deshalb bringe ich kein Verständnis dafür auf, ein solches Haus von rund 140 Mieterinnen und Mietern, und seien es auch nur 100, bewohnen zu lassen. Ich gehe davon aus, dass der Eigentümer sich daher rechtstreu verhalten wird.“

Todeskino und Sozialdezernent Gerwin Stöcken stellten klar, dass sich die Intervention der Stadt nicht gegen die Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses richtet. „Sie haben ein Recht, sich hier aufzuhalten, bei uns zu wohnen und zu arbeiten“, so Todeskino und Stöcken. Und weiter: „Niemand wird ohne Obdach bleiben. Die dumpfen Anfeindungen von Rechts verurteilt die Stadt und steht auf der Seite der Bewohnerinnen und Bewohner.“

 

Im laufenden Verwaltungsverfahren werde die Stadt die Rechte aller Beteiligten – und das sind auch die Bewohnerinnen und Bewohner – sorgsam wahren.

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Kirchenweg
Foto: Dicht gedrängt waren die Reihen, als Vertreter der Stadt die Betroffenen über ihre Pläne zum Kirchenweg informierten.

Sozialdezernent Gerwin Stöcken und andere hochrangige Rathausleute informierten am Mittwochabend in der Hans-Christian-Andersen-Schule über die Zukunft des Hauses Kirchenweg 34. Sie bekräftigten, dass die Begrenzung auf 40 Bewohner lediglich Brandschutzgründe habe.

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