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Von Problemläden zu Kulturläden

Gaarden Von Problemläden zu Kulturläden

Kleine Läden erleben in vielen Teilen Kiels eine Sinnkrise. Verbrauchermärkte auf der grünen Wiese oder an wichtigen Straßen werden immer größer; wo Milch, Fisch oder Fleisch und später immerhin noch Obst und Gemüse für die Nahversorgung angeboten wurde, macht sich Leerstand breit. Kreative aus Gaarden und Hauseigentümer suchen nach neuen Nutzungen für leere Gewerberäume.

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Früher befanden sich im blauen Haus am Kirchenweg ein Sozialkaufhaus, das Glückslokal und der Buschwerk-Laden. Jetzt will die Kultur- und Kreativrat Gaarden Akzente setzen.

Quelle: Martin Geist

Gaarden.  Allein im Gaardener Kirchenweg und seinem direkten Umfeld, sagt Wulf Dau-Schmidt, stehen derzeit zehn Läden leer oder sind mehr schlecht als recht vermietet. Und das teils schon seit Jahren. Dau-Schmidt, Stadtplaner und Koordinator des von Haus & Grund ins Leben gerufenen Projekts „Wohnwert Gaarden“, beobachtet das mit Sorge.

 Zumal sich teilweise ein Trend abzeichnet, Gewerberäume in Wohnungen umzubauen. Mit viel Aufwand und womöglich wenig Erfolg, wie Dau-Schmidt fürchtet: „Wer hat sein Bett schon gerne direkt am Bürgersteig stehen?“ Auch stellen Läden aus Sicht des Experten immer ein Stück öffentlichen Raum dar. Verschwinden sie, so schwindet zugleich eine soziale Komponente.

 Gemeinsam mit Jasmin Tarhouni von Wirtschaftsbüro Gaarden hat Dau-Schmidt über Auswege nachgedacht. Heraus kam dabei erst einmal diese Erkenntnis: „In die leeren Läden kann auch neues Leben einziehen.“ Wobei es sich um Nutzungsformen handeln soll, die tatsächlich bereichernd aufs Umfeld wirken, einen qualitativen Sprung nach oben bedeuten.

 Die Vorraussetzung dazu sei laut Dau-Schmidt, zunächst „die Potenziale dieses Gebiets zu erkennen“. Seine Überzeugung: Wo sich eine Kult-Lokalität wie die „Bambule“ über Jahrzehnte erfolgreich behauptet, müsste das Umfeld eigentlich noch mehr hergeben.

 Inzwischen sind diese Überlegungen über den Konjunktiv hinausgekommen. Das ehemalige „Grill-Eck“ im Kirchenweg wurde von der Evangelischen Stadtmission übernommen und soll ein Sozialkaufhaus werden. Laut Reiner Braungard von der Stadtmission sind auch andere Angebote angedacht. Eine Nähwerkstatt könnte zum Beispiel die Selbsthilfe ebenso wie die Kreativität der Bewohnerinnen und Bewohner in der Nachbarschaft stärken.

 Fast gleich um die Ecke in der Reeperbahn tut sich ebenfalls etwas. In privater Initiative wird das ehemalige Café Kreuzberg zu einem Atelier mit kleiner Galerie umgestaltet. Und auch im blauen Haus im Kirchenweg, wo früher Obolus und das an die alte Muthesiusschule umgezogene Glückslokal zugange waren, zieht gerade neues Leben ein. Der Kultur- und Kreativrat Gaarden will die Räume in den nächsten Monaten gewissermaßen exemplarisch bespielen. Mit kreativen Workshops, kleinen Konzerten und Lesungen, auch mit öffentlichen Diskussionen oder hin und wieder einem Schreiber, der seine Arbeit im Schaufenster verrichtet. Signale setzen, Anstöße geben, Fantasie wecken, darum geht es bei dieser Aktion, deren Ziel es ist, am Ende dauerhafte Nutzer zu finden. Das können Künstler oder Werber sein, genauso aber auch kleine Handwerker.

 Sehr entgegenkommend zeigt sich bei diesem Projekt Eigentümer Axel Ladwig. „Ich habe kein Interesse an noch einer Kneipe oder noch einem Imbiss“, betont er. Sehr wohl legt er aber Wert auf Mieter, die positiven Einfluss bewirken. Vom Kultur- und Kreativrat verlangt er deshalb zunächst ein eher symbolisches Salär. Möglichen Dauermietern will er den Start mit einer gestaffelten Miete erleichtern, die ebenfalls sehr weit unten beginnt.

 Diese Herangehensweise hat zwar einerseits Modellcharakter, kann aber wohl nicht eins zu eins auf alle anderen leeren Läden übertragen werden. Manche Vermieter, so weiß Ladwig, könnten sich allein schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht dauerhaft große Nachlässe leisten.

 Gleichwohl soll dieser nicht alltägliche Zusammenschluss aus Kreativen, Eigentümern und Wirtschaftsbüro in die jetzt eingeschlagene Richtung führen. Dau-Schmidt hat dabei als Vorbild den Amsterdamer Norden im Auge, wo die Stadtverwaltung mit großem Nachdruck derartige Kulturläden in einem sozial problematischen Gebiet unterstützt.

 Allzu kühn wollen sich die Gaardener zwar nicht mit der niederländischen Metropole vergleichen. Doch immerhin streben sie an, bis Ende 2017 fünf Problemläden in Kulturläden verwandelt zu haben.

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