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Dieser „Tatort“ hat das Zeug zum Klassiker

Ganz anders Dieser „Tatort“ hat das Zeug zum Klassiker

Zehn Millionen Zuschauer schalten durchschnittlich ein, wenn Axel Milberg als „Tatort“-Kommissar an der Förde ermittelt. Wer „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ am Sonntagabend im Ersten verpasst hat, wird sich ärgern.

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Fast ein Familienidyll: Klaus Borowski (Axel Milberg, links) zeigt sich vor seiner zukünftigen Schwiegermutter (Gilla Cremer, re.) aufmerksam. Frieda (Maren Eggert, Mitte) freut sich darüber.

Quelle: NDR/Philip Peschlow

Kiel. Er hat nicht nur die beste aller Kieler Episoden, sondern auch eine der spannendsten und dramatischsten Folgen der gesamten „Tatort“-Reihe versäumt.

Fortsetzungen bergen eine große Gefahr: Nur ganz ganz selten gelingt es Drehbuchautoren und Filmemachern, in einem Sequel an die Brillanz, geschweige denn den Erfolg des Originals anzuknüpfen. Beispiele dafür gibt es en masse – im Kino ebenso wie im Fernsehen. Entsprechend groß war die Skepsis auf beiden Seiten, bei „Tatort“-Fans und „Tatort“-Machern, ob es eine gute Idee wäre, die Geschichte von dem psychopathischen Kai Korthals, einem Frauen-mordenden Paketboten, der sich in die Wohnungen seiner Opfer schleicht, weiterzuerzählen.

 Um es kurz zu machen: Es war und ist eine gute Idee gewesen. Das, was am Sonntag eineinhalb Stunden in der ARD über den Sender ging, war grandios. Es war ein grandioser Krimi, der es problemlos mit den Meisterwerken der 40-jährigen „Tatort“-Geschichte aufnehmen kann und eigentlich viel zu schade für den kleinen TV-Bildschirm ist. Dieser Kieler „Tatort“ hätte Kino-Potenzial gehabt.

 Drehbuchautor Sascha Arango ist eine Fortsetzung gelungen, die streng genommen keine ist. Anders als in „Der stille Gast“ ist Korthals, gespielt von einem überzeugenden Lars Eidinger, kein bestialischer Serienkiller mehr. Im Gegenteil: Er hat sich weiterentwickelt und träumt von dem kleinen Glück einer Familie. Um seinem Ziel näher zu kommen, entführt er zwar aus der Psychiatrie eine Frau, um diese als „Leihmutter“ zu nutzen. Als er sein Kind in den Händen hält, tötet er die junge Frau aber nicht, sondern setzt sie am Strand aus – in einer Kühltruhe. Der Zuschauer hätte anderes erwartet.

 Ein Gefühl, das sich in 90 Minuten immer und immer wieder einstellt. Nichts, was ganz offenkundig vorhersehbar zu sein scheint, passiert wirklich. Allein das Bild, in dem Korthals genüsslich zur fremden Zahnbürste greift, was im ersten Teil für Grusel und Ekel beim TV-Publikum sorgte, hat Regisseurin Claudia Garde erneut aufgenommen. Gut so. Ansonsten aber dreht und wendet sich die Handlung, dieser Kieler „Tatort“ ist gespickt mit Überraschungen. Da taucht Borowskis große Liebe Frieda Jung (Maren Eggert) wie aus dem Nichts wieder auf. Plötzlich sind beide ein Paar, wollen heiraten, suchen eine gemeinsame Wohnung mit Blick über die Förde. Als die ehemalige Psychologin entführt wird, zeigt der sonst so kauzige Kommissar eine Seite, die selbst treue „Borowski“-Fans nicht erwartet hätten. Erst tief getroffen, voller Angst, sitzt er weinend neben seiner Kollegin, bevor er zornig den Dienst quittiert und Selbstjustiz übt, dabei selbst vor Gewalt nicht zurückschreckt. Das hat es noch nicht gegeben, das hat der Kieler „Tatort“-Fan noch nicht gesehen. Axel Milberg brilliert in seiner Rolle und zeigt die volle Bandbreite seines schauspielerischen Könnens.

 Dieser „Tatort“, in dem übrigens kein einziger Mord geschieht, ist ganz großes Kino. Autor Arango hat in einem Interview gesagt, er wünsche sich noch einen finalen Auftritt von Kai Korthals, um eine Trilogie des „stillen Gastes“ abzuschließen. Als Zuschauer sagt man: Ja, bitte!

NDR denkt über Rückkehr von „Tatort“-Serienkiller Korthals nach

Als Serienkiller Kai Korthals hat Lars Eidinger (39) in zwei Kieler „Tatort“-Folgen Angst und Schrecken verbreitet. Möglicherweise kehrt die Figur abermals auf den Bildschirm zurück. „Lars Eidinger ist nicht nur einer der besten, sondern auch einer der wunderbarsten Schauspieler. Sofern es hier eine überzeugende Idee gibt, spricht überhaupt nichts dagegen, das weiterzuführen“, sagte NDR-Spielfilmchef Christian Granderath der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Wir denken bereits über eine Fortsetzung „Das Kabinett des Dr. Korthals“ nach.“ „Tatort“-Autor und Grimme-Preisträger Sascha Arango recherchiere dafür in der Psychiatrie, so Granderath weiter.

In der am Sonntag ausgestrahlten „Tatort“-Folge „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ trafen die Ermittler Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) erneut auf den Psychopathen. Er hatte bereits vor drei Jahren in der ARD-Kultserie sein Unwesen getrieben und war den Kieler Kommissaren entwischt - höchst ungewöhnlich für die „Tatort“-Dramaturgie. Ohne Spuren zu hinterlassen, war der Täter in Wohnungen von Frauen eingedrungen und hatte die Nähe seiner Opfer gesucht. Als er aufzufliegen drohte, mordete er brutal. Bei seiner Rückkehr am Sonntag hatte Korthals nichts von seinem Schrecken verloren.

Film- und Theaterschauspieler Eidinger („Familienfest“, „Was bleibt“) kann sich eine Fortsetzung ebenfalls gut vorstellen: Der dpa sagte er: „Es wäre sicher auch mal interessant, eine ganze Reihe zu entwickeln — aus der Perspektive des Serienkillers.“ Vor der Rückkehr am Sonntag hätte er sich auch vorstellen können, „Korthals in einer anderen Stadt mit einem anderen Ermittler-Team zu spielen, um dort vielleicht den ein oder anderen Kommissar aus dem Weg zu räumen.“

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8,5 Millionen Zuschauer
Foto: Die Kieler Krimi-Episode „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ erreichte am Sonntagabend im Ersten 8,57 Millionen (24,0 Prozent) Zuschauer.

Nach den Spitzenquoten der vergangenen Wochen war die Messlatte hoch gelegt. Der „Tatort“ aus Kiel erreichte immerhin eine solide Quote - blieb jedoch unter den Werten der vergangenen drei Jahre.

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