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Gaschke: Enge Bindung an die Stadt

OB-Wahl in Kiel Gaschke: Enge Bindung an die Stadt

Vier Männer und eine Frau wollen als Oberbürgermeister-Kandidaten bei der Direktwahl am 28. Oktober das Kieler Rathaus erobern: Susanne Gaschke (SPD), Gert Meyer (CDU), Andreas Tietze (Grüne) sowie die parteiunabhängigen Kandidaten Jan Barg und Matthias Cravan. In der letzten Woche vor der Wahl beleuchten wir die persönlichen Seiten der Kandidaten in einer Porträtreihe.

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Der große Balkon mit Blick auf die Esmarchstraße gehört zu den Lieblingsplätzen von Susanne Gaschke.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. „In Kiel zu Hause“ hat Susanne Gaschke zum Motto ihres Wahlkampfes erkoren. Wer ihre große Altbau-Wohnung in der Esmarchstraße betritt, erkennt schnell, was sie darunter versteht. Unzählige Bücher stapeln sich in hohen Regalen, Kiel-Motive und alte SPD-Wahlkampf-Plakate hängen an den Wänden, eine große Küche lässt der 45-Jährigen Platz, um ihre Tomaten-Pasta-Sauce zu bereiten. Eine Vorliebe mit Signalcharakter: Auch kulinarisch mag es die Kandidatin am liebsten rot.

Dass die gebürtige Kielerin als Seiteneinsteigerin das Oberbürgermeister-Amt für die SPD verteidigen will, löste am Anfang in der eigenen Partei so manche Irritation aus. Einige Genossen haderten damit, dass sich womöglich zu viel politische Macht in einer Familie versammeln könnte: Die Journalistin ist mit dem Kieler SPD-Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Bartels verheiratet, ihre Tochter, Jura-Studentin in Kiel, engagiert sich bei den Jusos. „Wir sind zwei Profis, beide politisch, und leben ein modernes, partnerschaftliches Familienmodell“, sagt sie. Alles kein Thema mehr: Die Partei habe sich nach ihrem Sieg kurz geschüttelt und unterstütze sie jetzt toll, freut sie sich: „Typisch SPD. Sie ist immer dann gut, wenn sie als Partei lebendig ist.“ In ihrer Wahl-Zeitung werben Ministerpräsident Torsten Albig sowie Alt-Kanzler und „Zeit“-Mitherausgeber Helmut Schmidt für sie.

Die enge Bindung an Kiel und zur Partei sind ihre Triebfedern im Rennen um das Amt. Nach vielen Jahren als Autorin und „Zeit“-Redakteurin habe sie politisch gestalten wollen, nicht in irgendeiner Stadt, sondern in ihrer Heimatstadt, betont sie immer wieder. Ihren Mann lernte sie bereits als Juso-Mitglied im Allgemeinen Studierenden-Ausschuss während ihres Promotionsstudiums in Anglistik, Pädagogik und Öffentlichem Recht an der Kieler Universität kennen. Was es damals bedeutete, mit Kind zu studieren, bekam sie am eigenen Leib mit: Zum Glück habe ihr Mann bereits gearbeitet, standen ihr Freundinnen, Großeltern und Tagesmutter zur Seite. Ihre Familie bekommt sie während des Endspurts im Wahlkampf mit bisher mehr als 100 Terminen kaum noch zu Gesicht. Besuche in Betrieben, Kitas, bei Stadtteilfesten bis hin zu Podiumsdiskussionen mit Redezeitbegrenzung und neuen Erkenntnissen: „Erwartungen und Kritik sind direkt, sehr unverstellt, die Ansprüche manchmal übergroß, als Kandidatin noch die unwahrscheinlichsten Details wissen zu müssen.“ Sie bedauert sehr, dass sie es kaum noch schafft, zu laufen oder sich mit Freunden zu treffen. Das 575 Seiten starke neue Buch von Harry-Potter-Autorin J.K. Rowling – „ein spannendes kommunalpolitisches Drama“ – nimmt sie zurzeit nur selten zur Hand. Die Frau, die früher schon mal in kurzen Hosen über die Holtenauer Straße oder zum Wochenmarkt schlenderte, taucht jetzt nur noch in Kleidern oder langen Hosen auf: „Die Menschen erwarten zu Recht, dass man sich benimmt und auch anzieht wie eine Oberbürgermeisterin“, sagt sie bestimmt.

Dass sie das Rathaus in Kiel, traditionell eine SPD-Hochburg, erobert, daran zweifelt sie nach dem Zuspruch der vergangenen Wochen nicht: „Die Leute setzen viel Hoffnung in uns. Die Nachfrage nach einem Kennenlernen ist groß.“ Susanne Gaschke hat sich viel vorgenommen, sollte sie Kiels Oberbürgermeisterin werden: Sie will Politik besser erklären, ohne Parteichinesisch oder Floskeln, die Leseförderung vorantreiben, die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Stadt weiter ausbauen, vor allem aber das Kiel-Gefühl stärken: „Die Lebensqualität hat sich in den vergangenen Jahren in Kiel so verbessert. Über solche positive Veränderungen muss man gut sprechen“, sagt sie und hält es für typisch deutsch, dass Migranten die Stadt viel eher loben als Ur-Kieler.

Wer hat sie in ihrem Lebenslauf geprägt? Sie zeigt auf ein Aquarell neben ihrem Schreibtisch: Ihre Großmutter Dorothea hat darauf in warmen Farben ein schwedisches Ferienhaus gemalt. Sie sei ein so politischer Mensch gewesen, habe für ihren Job im Gesundheitsamt gebrannt, erzählt Susanne Gaschke. Doch als der Großvater aus dem Krieg kam, musste sie die Stelle abgeben. „Ich habe immer gespürt, dass sie darunter gelitten hat“, meint die Enkelin. Ihre Großmutter wäre „wahrscheinlich ein bisschen stolz gewesen, dass ich – ganz ohne Rücksicht auf meinen lieben Ehemann – in heutiger Zeit antrete, um Eure Kandidatin zu werden“, hatte Susanne Gaschke in ihrer Nominierungsrede ihren Genossen selbstbewusst zugerufen und danach knapp gewonnen.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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