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Die große Schatzsuche im Meer

Geomar Kiel Die große Schatzsuche im Meer

Deniz Tasdemir, Professorin der Marinen Naturstoffchemie, hat das Kieler Wirkstoff-Zentrum (Kiwiz, 2006 gegründet) im August 2014 übernommen. Mit Elan und ihren zehn Mitarbeitern hat sie die Facheinrichtung in der Wik neu aufgestellt. Mit dem neuen Namen „Geomar-Biotech“ wird die Neuausrichtung nun auch nach außen hin sichtbar.

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Will Naturstoffe aus dem Meer für den Menschen nutzbar machen: Prof. Deniz Tasdemir vom Geomar-Zentrum für Marine Biotechnologie.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Das Meer birgt wahre Wunder. Da gibt es die Conus-Schnecke, die mit einer Art Giftpfeil kleine Fische fängt. Dieses Gift ist 1000 Mal wirksamer als Morphin und ein perfektes Schmerzmittel. Da gibt es Schwämme, die sich gegen Fressfeinde wehren. Die dabei entstehenden Gifte eignen sich hervorragend, um Krebszellen beim Menschen abzutöten. Es wachsen Algen im Meer, deren Inhaltsstoffe 1-A-Wasserspeicher sind und die Basis für Hautcremes liefern. Und Fischöl ist eine super Nahrungsergänzung, die uns gesund hält. Diesen und weiteren Wundern ist Prof. Deniz Tasdemir auf der Spur. Mit einem breiten Lächeln zeigt sie ihren Arbeitsplatz im Bereich der Marinen Biotechnologie von Geomar.

Technisch auf dem neuesten Stand

Auf den Fluren des Forschungsgebäudes herrscht reges Treiben. Den europäischen Fachleuten werden die Labore gezeigt. Deniz Tasdemir führt uns in einen Raum, in dem ihr „Baby“ steht. Eine halbe Millionen Euro teuer und auf den ersten Blick ziemlich unspektakulär. Aber das Innenleben des Geräts sei eine Sensation, so die Wissenschaftlerin. „Wir können damit Naturstoffe direkt auf lebenden Oberflächen aufspüren.“ Ein anderes neues Gerät hilft, schnellere und standardisierte Extraktionen durchzuführen: „Wofür wir sonst einen Monat gebraucht haben, erledigt dieses Gerät in ein paar Stunden“, erklärt sie begeistert. Beispielsweise 24 Algen-Proben können nun auf einmal ratzfatz extrahiert und filtriert werden. „Wir sind immer auf der Suche nach neuen marinen Naturstoffen, um Medizin, Kosmetik oder Nahrungsergänzungsmittel aus dem Meer zu gewinnen“, sagt Deniz Tasdemir. Die schnelle Aufarbeitung und die genaue Analyse seien nun ein riesiger Pluspunkt. 15 bis 30 Jahre würde es normalerweise dauern, bis eine Entdeckung als Medikament oder Produkt auf den Markt kommt. „Nun können wir viel schneller Erfolge feiern.“

Tasdemir liebt die Schwämme

Oft sei es aber nicht der Schwamm, die Koralle oder die Alge an sich, die die Wissenschaftler nutzen, sondern die Mikroorganismen, die in diesen Organismen leben. Auch der Meeresboden sei äußerst interessant, erzählt die 50-Jährige. In vielen Meeren der Welt hat Deniz Tasdemir schon Proben gesammelt. Vor den Philippinen im Pazifik, im Atlantik und im Mittelmeer. „Ich liebe Schwämme. Sie sind einfach genial, weil sie eine sehr komplexe und reiche Chemie beherbergen“, sagt sie und holt ein dickes Buch aus dem Regal. Hunderte von Schwämmen sind darin abgebildet. „Gerade in den marinen Tieren, die festsitzen und nicht fliehen können, wird es chemisch gesehen spannend. Denn da herrscht ein Konkurrenzkampf und immer eine Auseinandersetzung mit möglichen Feinden. Deshalb entwickeln die Schwämme und ihre symbiotischen Mikroben Gifte.“ Und mit diesen Giften könne man wunderbar Medikamente herstellen.

Ganz spannend sei auch die Tiefsee. „Hier herrschen außergewöhnliche Bedingungen“, erklärt sie. Extreme Kälte, Dunkelheit, hoher Wasserdruck. „Inzwischen gelangen wir mit Tauch-Robotern sechs Kilometer in die Tiefe. Das ist sensationell. Die Tiefseeorganismen, wie Schwämme und andere wirbellose Tiere, aber auch Bakterien, die im Sediment leben, produzieren da unten ganz andere Substanzgruppen.“ Naturstoffe aus dem Meer können in so unterschiedlichen Bereichen helfen, dass man eigentlich vor Staunen den Mund gar nicht mehr zubekommt. Beispielsweise bei Krebs, Infekten, Bluthochdruck, Rheuma, Gelenkschmerzen. Sie wirken auch gegen Pilzbefall auf Getreidesorten, gegen Milben im Bienenstock, bei Ekzemen auf der Haut. „Im Meer schlummert eine medizinische Wundertüte“, ist sich Deniz Tasdemir sicher.

Ausgebildete Pharmazeutin

Überall auf der Welt hat Deniz Tasdemir schon gearbeitet. In der Türkei schloss sie ihr Pharmazie-Studium ab, ging zum Promovieren nach Zürich, arbeitete drei Jahre an der Uni in Salt Lake City/Utah, war fünf Jahre in London und zweieinhalb Jahre in Irland. In Kiel hofft sie nun, Wurzeln zu schlagen. „Die Stadt ist wunderschön.“ Ihr deutscher Mann ist gerade angereist. Er hat eine Professur für Architektur in Helsinki angenommen. „Leider führen wir eine Wochenendehe“, sagt sie. „Aber so habe ich ganz viel Zeit zum Forschen.“ Ihr Ziel: Geomar-Biotech zu einer Top-Forschungseinrichtung auszubauen. So zielstrebig und begeistert, wie Deniz Tasdemir wirkt, könnte das durchaus klappen.

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

Kieler Förde

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