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Erinnerungen an Kieler Matrosenaufstand gesucht

Bundesweite Aktion Erinnerungen an Kieler Matrosenaufstand gesucht

Erst ein Aufstand in Kiel, dann die Revolution im ganzen Land: 1918 leitete das Aufbegehren von Matrosen das Ende des Kaiserreichs und des Ersten Weltkriegs ein. Zum 100. Jahrestag sollen ein Film und eine Ausstellung daran erinnern. Dafür suchen die Macher Exponate.

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Exponate aus Kiel, die auf den Matrosenaufstand hindeuten, sind jetzt für einen Film und eine Ausstellung von Interesse: Das von Matthias Sperwien (li.) und Johannes Rosenplänter gezeigte lange als bekanntestes Bild kursierende Foto stellte sich 2015 als Berliner Aufnahme heraus.

Quelle: Carsten Rehder/dpa (Archiv)

Kiel. Meuterei oder Revolution, Deserteure oder Helden? Noch bis vor wenigen Jahren stritten Historiker um die Bewertung des Kieler Matrosenaufstands. Heute gilt die Revolution, die im November 1918 von Wilhelmshaven und Kiel ausging, als Geburtsstunde der Demokratie und Schlüsselereignis der deutschen Geschichte. Zum 100. Jahrestag im November 2018 soll sie entsprechend gewürdigt werden: mit einer großen Ausstellung im Stadt- und Schifffahrtsmuseum, einer Opernaufführung sowie einem Dokumentationsdrama von NDR und Arte. Für beides werden dringend private Zeitzeugnisse und Erinnerungsstücke gesucht, denn die Quellenlage ist mager.

Vorgeschichte, Ablauf und Folgen der Novemberrevolution lassen sich mit einem Blick ins Geschichtsbuch leicht erfassen. Die Menschen, die in dieser Zeit gelebt und sie geprägt haben, bleiben mit ihren Erlebnissen jedoch im Dunkeln. „Wir wollen der Revolution von einst Gesichter geben“, betonte NDR-Redakteurin Ulrike Dotzer am Mittwoch bei der Vorstellung des Filmprojekts und der Ausstellung im Stadtmuseum Warleberger Hof. Der Film mit dem Arbeitstitel „Novembersturm“ soll eine Mischung aus Spielfilm und Dokumentation werden, „mit einem szenischen Erzählstrang“. Für die Umsetzung zeichnet der erfahrene Dokumentarfilmer und Regisseur Jens Becker verantwortlich. Er brachte schon mal das druckfrische erste Drehbuch mit – eine Rohfassung. Denn vor der Endfassung steht die Spurensuche. „Wir wagen den Spagat zwischen Unterhaltung und Zeitforschung.“ Als Drehort ist vor allem Flensburg vorgesehen. „Die Architektur dort erinnert an das alte Kiel“, sagte Becker. Aber auch in Kiel werde es Dreharbeiten geben.

Was hat die Revolution mit den Menschen gemacht? Becker will es zeigen, will den historischen Figuren wie Wilhelm Souchon, Gustav Noske oder Karl Artelt „in entscheidenden Momenten“ über die Schulter sehen. Aber er wird auch ergänzende Charaktere einflechten, über die man in den Geschichtsbüchern wenig finden wird: Frauen, Matrosen, einfache Bürger. Während die Ansichten hoher Offiziere und Politiker säuberlich für die Nachwelt dokumentiert worden sind, gibt es nur wenige Zeitzeugnisse aus dem Volk oder von den Schiffsbesatzungen. So wie das Projektil aus dem Gewehr eines Matrosen, das in der eisernen Wand eines öffentlichen Toilettenhäuschens stecken geblieben war. Dahinter hatte sich ein Kadett der Marine versteckt, der das Projektil später aus der Eisenplatte herausbrach und ein Leben lang aufbewahrte. Oder die Postkarte eines Matrosen, der am 5. November 1918 an seine Liebste schrieb: „Wir streiken alle, unsere Offiziere haben wir festgenommen.“

Auf weitere wertvolle Zeitzeugnisse hoffen nicht nur die Filmemacher, sondern auch Doris Tillmann, Leiterin des Stadt- und Schifffahrtsmuseums. „Für die Ausstellung suchen wir gezielt die kleinen, persönlichen Dinge.“ Kulturdezernent Wolfgang Röttgers betonte, dass sich viele Matrosen bereits während der Revolution in ihre Heimatregionen, vor allem im mittleren und südlichen Teil Deutschlands, abgesetzt hätten. „Überall in Deutschland liegen auf Dachböden und in Wohnstuben alte Dokumente wie Briefe, Postkarten, Fotos und Tagebücher.“ Sie sind der Schatz, den es rechtzeitig zum Jubiläumsjahr zu bergen gilt.

Wie können Sie mitmachen?

Wer Exponate beisteuern möchte oder weitere Fragen zu den Aktivitäten rund um das Jubiläumsjahr 2018 hat, kann sich unter der Mailadresse matrosenaufstand@kiel.de oder unter der Telefonnummer  0431/901-3983 an das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum wenden.

Der Anfang vom Ende des Kaiserreichs

Kriegmüde, hungrig und unzufrieden widersetzten sich im Oktober 1918 Matrosen der deutschen Marine in Wilhelmshaven dem Befehl, bei einem letzten Schlag gegen England glorreich unterzugehen. Mit der Verlegung des dritten Geschwaders in den Heimathafen Kiel begann der Kieler Matrosenaufstand, dem sich die Arbeiter kurz darauf anschlossen. Dies war der Beginn der Novemberrevolution, die ganz Deutschland erfasste. Am 9. November 1918 wurde in Berlin die Republik ausgerufen. Kaiser Wilhelm II, dankte ab und ging ins Exil in die Niederlande. Zwei Tage später beendete ein Waffenstillstand den Ersten Weltkrieg. Historisch wird der Matrosenaufstand inzwischen als Revolution und entscheidender Wendepunkt in der deutschen Geschichte eingeordnet. Er markierte nicht nur den Übergang vom Krieg zum Frieden, sondern einen totalen Systemwechsel.

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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Matrosenaufstand Kiel
Foto: Novemberrevolution in Kiel: Großen Zulauf erhielt die Versammlung auf dem Wilhelmplatz am 10. November 1918

Waren es Verräter oder Helden der Geschichte? Bis vor wenigen Jahren stritten sich Historiker und Politiker über die Einordnung des Kieler Matrosenaufstandes. 2018 zum 100. Jahrestag ist das Ziel, Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt endlich als ein Geburtsort der Demokratie ins Bewusstsein zu rücken.

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