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Braucht man das wirklich?

Ein Shop für Nerds Braucht man das wirklich?

Der Onlineversand getDigital lässt die Herzen von Computerfreaks höher schlagen. Die Kieler Florian Schatz und Philipp Stern hatten 2002 die Idee, Produkte für Technikbegeisterte zu entwickeln – und waren damit europaweit die ersten. Heute hat das Start-up 30 Mitarbeiter und will weiter wachsen.

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Es gibt auch nützliche Produkte wie die Tastatur für Profis – ohne Beschriftung allerdings.

Quelle: Björn Schaller

Kiel . Es ist ein Stein. Mehr nicht. Ein Stein, an dem ein USB-Kabel hängt. Aber wozu? „Nö, der kann nichts, wirklich gar nichts“, versichert Bastian Krug von Europas größtem Nerd-Versand getDigital. „Ist aber trotzdem ein lustiges Geschenk, oder?“ Der Zielgruppe scheint es tatsächlich zu gefallen. Seit 2002 lassen die Kieler Philipp Stern und Florian Schatz die Herzen von so genannten Nerds und Geeks höher schlagen – sei es mit selbstdesignten Turnschuhen mit Periodensystem oder Tetris-Würfeln drauf, USB-Eulen, die einem während der Arbeit zublinzeln oder Laserschwertern aus der Star-Wars-Saga. Nerds sind Spezialisten, meistens im Bereich der Technik. Als Geeks bezeichnet man Computerspezialisten.

Während ihres Zivildienstes 2002 wollten die beiden Freunde Philipp und Florian T-Shirts für Computerfreaks kaufen – Computerfreaks, wie sie es beide schon damals waren und auch heute noch sind. „Wir konnten nichts Brauchbares auftreiben, aus den USA kostete das 50 Mark Versand.“ Also nahmen die beiden kurzerhand ihre Erfahrung, programmierten einen Onlineshop und gaben T-Shirts in Auftrag. Nach zwei Monaten war der Umsatz so groß, dass sie sich bereits selbst eine Maschine kaufen konnten. Ihre Idee schlug in der Welt der Nerds und Geeks ein wie eine Bombe. „I will not fix your computer“ (zu Deutsch in etwa übersetzt: Ich werde ganz bestimmt nicht deinen PC reparieren)  – diesen Klassiker haben sie auch noch heute im Programm. „Wir kannten das beide: Als Nerd wird man gerne gefragt, ob man bei Computerproblemen helfen kann. Das hat man mit diesem Shirt gleich beantwortet“, sagt Schatz und grinst.

Taschen, Sweatshirts und T-Shirts werden in Kiel-Wellsee direkt nach der Bestellung bedruckt.

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Zuerst tüftelten die beiden im Keller seiner Mutter vor sich hin, doch die Nachfrage war so groß, dass der Großvater irgendwann seine 40-Quadratmeter-Wohnung zur Verfügung stellte. Bis 2009 lief das Projekt getDigital eher nebenbei. Philipp entschloss sich, Physik zu studieren, Florian ging an die Kieler Fachhochschule, um einen Bachelor in Internet Science and Technologie zu machen, anschließend den Master und Doktortitel in Informatik an der Uni.

30 Mitarbeiter hat das Start-up mittlerweile, 15 davon sind Werkstudenten. „Wir sind hier alle Nerds. Und wir achten auch bei den Personaleinstellungen darauf, dass das passt.“ Dabei sei Nerd mittlerweile ein breit gefasster Begriff und passe nicht in einfache Schubladen, sagt Online-Marketing-Manager Bastian Kruse. Er führt gemeinsam mit Florian Schatz durchs Unternehmen – Geschäftspartner Philipp Stern ist aktuell in Korea unterwegs, immer auf der Suche nach neuen Produkten und Produktionsstätten.

Fünf neue Produkte gibt es pro Woche im Onlineshop, 600 bis 700 Produkte werden insgesamt gelistet, dazu kommen noch 300 Shirts. Neuerdings ist der Online-Shop getDigital auch in den Niederlanden, Spanien, Großbritannien, Frankreich und Italien in den jeweiligen Landessprachen vertreten. Um gegen Versand-Marktführer wie Amazon bestehen zu können, wird ständig an neuen Kreativideen gewerkelt. „Mein Lieblingsprodukt ist eine Taschentuchbox, die aussieht wie Rubiks Zauberwürfel. Die gab es als gehäkelte Version in der Nerd-Fernsehserie ‚The Big Bang Theory‘. Jetzt habe ich die überall bei mir zu Hause stehen.“ Ähnlich wie bei „The Big Bang Theory“ geht es auch auf der Arbeit zu. „Für Außenstehende mögen wir so ähnlich wirken, aber wir finden die Serie tatsächlich ziemlich komisch“, sagt Schatz.

Zusammenarbeiten mit dem besten Freund, wie geht das? „Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Vor allem war unser Unternehmen früher Spaß, und heute – so blöd das jetzt klingt – hängen Arbeitsplätze von uns ab. Aber ich glaube, gerade durch die Freundschaft bekommt man viele Dinge leichter hin.“ Ihre Ware lassen die beiden in Asien produzieren. „Alles kommt heutzutage aus Asien. Wir lassen Qualitätssicherung vor Ort betreiben, aber für eine komplette Qualitätsüberwachung nach eigenen Standards in einer Fabrik sind wir mit unserem Sortiment noch zu klein. Immerhin sind unsere Textilien fair gehandelt und produziert und aus Biobaumwolle. Das haben wir vor ein paar Jahren durch eine Fünf-Euro-Preiserhöhung umstellen können.“

Gemeinsam mit der Kieler Uni und der Fachhochschule arbeiten die Kieler Firmeninhaber bei studentischen Projekten zusammen, genauso wie sie auch Programmierwettkämpfe wie die Software Challenge unterstützen. Auch der Nerd-Nachwuchs liegt der Stern & Schatz GmbH am Herzen. Selbst wenn die Klischeevorstellungen eines typischen Nerds eher mit Männern in Verbindung gebracht werden, sieht die Realität doch anders aus. Immer mehr Frauen bestellen bei getDigital, „und wir sprechen hier auch sowieso eher von einem Geschlechterverhältnis von 60:40“, sagt Florian Schatz. Klischee ade.

Zu Weihnachten schnellt die tägliche Bestellmenge um ein Zehnfaches in die Höhe. In mehreren Schichten wird dann von 6 bis 22 Uhr gearbeitet, um das Versprechen einzuhalten, dass auch wirklich jedes Paket noch am selben Tag verschickt wird. Die Weihnachtsfeier holt der Betrieb dann im Sommer nach: mit Computerspielen auf gemieteten Kinoleinwänden, einem Pub-Quiz mit nur nerdigen Fragen oder der gemeinsamen Suche nach einem Geocache. Das Nerdtum ist allgegenwärtig.

So ist auch das Lager nicht einfach so entstanden: „Ich habe ein Programm geschrieben, das unser Lager sortiert – bis zu dem Punkt, dass häufig bestellte Produkte möglichst nahe bei der Einpackstation und mittig im Regal liegen, damit es die Verpacker nicht so schwer haben.“ Und die verpacken nicht nur Spaßprodukte: Computertastaturen und -mäuse gehören auch zum Sortiment. „Bei den technischen Produkten sind unsere Käufer sehr anspruchsvoll – zu Recht.“ Für wahre Profis muss es dann allerdings die Tastatur ohne Beschriftung sein.

Das Ziel der beiden Geschäftsführer ist klar definiert: weiter wachsen.  Auch ein Flagship-Store mit ausgewählten Produkten können sie sich vorstellen. „Wir wollen unsere Marke außerhalb des Internets stärken“, sagt Schatz. Mögen die Nerds mit ihnen sein.

Ein Klischee?

Nerd oder Geek, das ist hier die Frage. Obwohl das in Zeiten, in denen der Geek-Chic (Hornbrille, Blogger-Dutt, Grobstrick-Pullis und Bübchen-Kragen) auf der Pariser Fashion-Week frenetisch gefeiert wird, auch eher eine Nebenrolle spielt. Eigentlich eine gute Grundlage für die Nerds, die sich optisch meist nicht allzu viel aus ihrem Äußeren machen. Sie tragen T-Shirts mit lustigen Sprüchen oder Karohemden, gerne auch mit eher beliebigen Farbkombinationen, und Hosen mit ganz vielen Taschen (praktisch zum Verstauen von Taschenmessern, Lupen und Kabelbindern). Denn wirklich wichtig ist, was drin ist. Im Kopf. Zur Grundausstattung gehören praktische Umhängetaschen, in denen Laptops, Tablets, Smartphones und als lustiges Gimmick noch ein Oldschool-Funkgerät gehören. Wartezeit wird sich nicht mit den neuesten Smartphone-Spielen vertrieben – viel zu profan. Der waschechte Nerd greift zum Gameboy und zockt eine Runde Tetris.

Probleme gibt es für den Nerd nicht – sondern Herausforderungen, die gelöst werden wollen. Dann wird eben selber schnell ein kleines Programm geschrieben, das die Putzdienste in der WG ordnet oder endlich Ordnung ins Bücherregal bringt. Dafür (und für LAN-Partys) schlägt sich der Nerd gerne die Nächte um die Ohren. Dank Club Mate und Kaffee ist das auch gar kein Problem. Star Wars, The Big Bang Theory und Dr. Who gehören zur Allgemeinbildung eines jeden Nerds. Und eine Frau, die nichts mit Schrödinges Katze anzufangen weiß? Kommt gar nicht in Frage.

Nerds finden sich vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern. Aber jeder kann ein Nerd sein. Probieren Sie es aus.

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