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Ein Wohnhaus auch für Rollstuhlfahrer

Gisela-Hagemann-Haus Ein Wohnhaus auch für Rollstuhlfahrer

Eine Wohnung, die sie verlassen kann, wann sie möchte. Hört sich selbstverständlich an, war es für Melanie Daugs aber nicht. Das hat sich jetzt geändert: Die 33-Jährige wohnt im neuen Gisela-Hagemann-Haus – ein Wohnhaus in Kiel, in dem sechs von elf Wohnungen speziell für die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern konzipiert wurden.

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Melanie Daugs (links) und Sigrid Pauls sind froh, eine Wohnung im Gisela-Hagemann-Haus ergattert zu haben.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Gisela Hagemann, Sigrid Pauls, Melanie Daugs. Drei Frauen, drei Generationen, drei Lebensläufe – verbunden durch ein Haus. Gisela Hagemann war eine resolute Frau mit einem ungewöhnlichen Lebensweg. Geboren 1925 in Kiel, erlernte sie als junge Frau den Beruf des Maurers und arbeitete auch auf dem Bau. 1955 heiratete sie Ernst Hagemann und führte nach dessen frühem Tod 1964 allein das Gerüstbauunternehmen Hagemann weiter. 2009 verstarb sie überraschend. In ihrem Testament hatte sie verfügt, dass ihr Vermögen in eine Stiftung „Hilfe für Querschnittsgelähmte“ übergehen soll. Denn sie hatte selbst in ihrem Umfeld erlebt, wie der Alltag im Rollstuhl unnötig erschwert wird.

 2010 wurde die Stiftung gegründet und damit begonnen, Menschen im Rollstuhl unbürokratisch zu helfen. Gleichzeitig wurde der Gisela-Hagemann-Park auf dem ehemaligen Gewerbegrundstück der Firma Hagemann in der Lüdemannstraße geplant: Dort entstanden nach den Plänen von Architekt Rainer Paetow vier Wohnkomplexe: Drei mit Eigentumswohnungen sind samt Grund und Boden verkauft. Der vierte Komplex blieb in Stiftungseigentum und wurde nun offiziell als Gisela-Hagemann-Haus von Stiftungsvorstand Prof. Maximilian Mehdorn und Volker Paustian zusammen mit den Bewohnern eingeweiht. Eine bunte Schar – der jüngste Bewohner ist ein Jahr, die älteste Bewohnerin 88 Jahre alt.

 „Wichtig war es uns, im Sinne von Gisela Hagemann die Idee von der Inklusion in die Praxis umzusetzen, indem wir rollstuhlgerechte und barrierefreie Wohnungen zu sozialverträglichen Preisen anbieten“, erklärt Volker Paustian. Die Kaltmieten für die 61 bis 88 Quadratmeter großen Wohnungen liegen zwischen 5,50 und 8 Euro pro Quadratmeter. Zu den Wohnungen mit Balkon oder Dachterrasse gehören Kellerräume, um die Rollstühle und Räder abzustellen und aufzuladen sowie extrabreite Stellplätze im Carport und in der Tiefgarage, von der man mit dem Fahrstuhl direkt zu den Wohnungen fahren kann.

 Eine der sechs rollstuhlgerechten Wohnungen hat Melanie Daugs (33) mit ihrem Freund bezogen. „Für mich ist das wie ein Sechser im Lotto“, sagt die junge, an multipler Sklerose (MS) erkrankte Frau. Wegen ihrer Erkrankung war sie bereits in eine Hochparterrewohnung gezogen. „Die wenigen Stufen konnte ich irgendwann zwar herunter- und hochrutschen, aber den Rollstuhl habe ich nicht mehr mitbekommen. Dadurch kam ich allein gar nicht mehr aus der Wohnung.“

 Zwei Jahre hatte sie bereits vergeblich nach einer ebenerdigen Wohnung gesucht, als sie zufällig bei ihrer Physiotherapeutin von der Hagemann-Stiftung erfuhr. „Ich habe mich sofort beworben und bin so froh, dass es geklappt hat“, sagt Melanie Daugs. Die Wohnung sei mit den breiten Türen, dem großen Bad und unterfahrbaren Waschbecken, Kippspiegel, mit gut erreichbaren Lichtschaltern und Türgriffen perfekt. „Nur der Backofen ist noch zu hoch. Er wird für mich aber noch versetzt.“

 Auch Sigrid Pauls (62) ist glücklich, dass sie mit ihrem Mann eine Wohnung im Gisela-Hagemann-Haus bekommen hat. „Vorher wohnten wir in einer schönen Altbauwohnung, aber im fünften Stock. Auch wenn wir noch fit sind, war uns klar, dass wir auf Dauer etwas Altersgerechtes finden müssten“, sagt die 62-Jährige. Gut fand sie aber auch das Konzept der gelebten Inklusion. „Ich engagiere mich ehrenamtlich als Grüne Dame im Städtischen Krankenhaus und weiß, dass es noch viel zu wenige barrierefreien Wohnungen gibt.

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