11 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Liebe zwischen alter und neuer Heimat Kiel

Goldene Hochzeit Liebe zwischen alter und neuer Heimat Kiel

15 Quadratmeter, vier Schlafplätze, kleiner Tisch: Das war Ismet Saris erste Wohnung in Kiel. Wollte er doch nur ein paar Jahre bleiben, mit dem Ersparten so schnell wie möglich zurück zu Frau und Kindern. Es ist anders gekommen. Am Sonnabend feiern Ismet und Cevriye Sari in Kiel ihre goldene Hochzeit.

Voriger Artikel
Tiefgarage unter Rathausplatz wird geprüft
Nächster Artikel
Geheimnisse der Barkeeper erkundet

Ismet und Cevriye Sari sind seit 50 Jahren miteinander verheiratet. Sie haben vier Kinder und sechs Enkelkinder.

Quelle: Martin Geist

Gaarden. Sari, das bedeutet Gelb und rührt daher, dass die Familie ihre Herden einst in dieser Farbe markierte. Über Jahrhunderte war das so. Die Saris zogen als Nomaden durch die Türkei, landeten schließlich ganz im Westen der Türkei, wo Ismet Saris Großvater als erster in der Familie sesshaft wurde. Schaf- und Ziegenhaltung, Arbeit im Tabak-, Feigen- und Baumwollanbau, davon lebten die Saris seither. Allerdings mehr schlecht als recht. „Wir waren arm, es gab nur Arbeit und Essen“, erzählt der 74-Jährige über seine jungen Jahre an der Ägäis.

Durchgebrannt wegen der Liebe

So kam es, dass Ismet Sari 1970 sein Glück in Deutschland suchte. Schweren Herzens, denn erst vier Jahre zuvor hatte er geheiratet und war Vater zweier kleiner Töchter. Was er schon wegen der Umstände der Hochzeit als großes Glück empfand. So rein gar nichts mit Zwangsheirat hatte diese Liaison zu tun, vielmehr hatte das Paar unter großen familiären Widerständen zusammengefunden und war letztlich durchgebrannt, um seine Liebe zu retten. Auch sonst war reichlich Romantik da. „Wir haben uns nur angeblickt, und als er weg war, hatte ich ein Gefühl der Trauer“, beschreibt Cevriye Sari, wie sie sich kennenlernten und wie sie spürte, dass es um sie geschehen war. Entsprechend sorgenvoll sah sie der Auswanderung ihres Liebsten nach Deutschland entgegen: „Wird er mich vielleicht vergessen? Verliebt er sich in eine blonde Frau?“ Beides geschah nicht.

Ismet Sari hatte ganz andere Sachen im Kopf. Zunächst landete er im März 1970 in einem Dorf bei Rendsburg, wo er als Kabelverleger arbeitete. „Ich sollte in einem Container ohne Bett, ohne Heizung und ohne Herd wohnen, und ich verstand kein Wort“, erinnert er sich. Heute schmunzelt er darüber, doch lustig war es damals wahrlich nicht für die Gastarbeiter. Nur eben, dass sie gefragt waren mit ihrer Arbeitskraft. Genau 26 Tage währte seine Karriere in Rendsburg. Dann kündigte er, obwohl der Chef den Stundenlohn um 50 Pfennig erhöhte und zehn Mark Auslöse am Tag bezahlte. Am 1. Juni 1970 fing Sari als Schweißer bei HDW in Kiel an, verdiente gutes Geld, lebte bescheiden – und unter seinesgleichen. Zwei oder drei Tage dauerte ein Crash-Kursus in deutscher Sprache, die Gastarbeiter lernten gerade mal das Nötigste, um im Beruf zurechtzukommen. Ansonsten funktionierte Türkisch wunderbar. Im Wohnheim war Sari umgeben von Landsleuten, und außerdem wollte er ja sowieso nur bleiben, bis höchstens fünf Jahre später genug Geld für ein Häuschen in der Ägäis beisammen war.

Heute weiß es Sari besser. „Man kann im Leben vieles planen, aber es kommt meistens doch anders“, sagt er und wirkt kein bisschen enttäuscht darüber. Dass es anders kommen sollte, bahnte sich früh an. Schon 1971 gab es einen ersten Versuch der Familienzusammenführung. Seine Frau Cevriye kam nach, bereute das aber schnell. Sie wurde krank vor Sorge um die Kinder, die bei den Großeltern geblieben waren und reiste fünf Monate später zurück in die Türkei.

Zerrissenheit prägte die Familie

Jahrelang prägte diese Zerrissenheit zwischen der alten und der neuen Heimat die Familie, aus der inzwischen vier Kinder hervorgegangen waren. Komplett beisammen waren die Saris erst 1980. Der Traum vom Haus am Meer wurde begraben, nun ließ man sich voll auf Deutschland ein. „Einfach war es nicht“, erzählt Ismet Sari, der zunächst große Mühe hatte, eine Schule für seine Kinder zu finden: „Niemand wollte sie haben, weil sie kein Deutsch konnten.“ Im Rathaus stieß er dann auf eine Verwaltungsfrau, die völlig begeistert war, dass ein türkischer Vater seine Töchter zur Schule schicken wollte und ihm die Wege ebnete.

Was ziemlich typisch ist für die Erfahrungen des einstigen Gastarbeiters. Immer wieder gab es Diskriminierungen, immer wieder aber auch offene und hilfsbereite Einheimische. Und das Positive überwog unterm Strich. Tochter Hülya, 1967 geboren, arbeitet heute als Krankenschwester, Neze, die zwei Jahre später auf die Welt kam, ist Altenpflegerin, Sohn Savas, Jahrgang 1975, ist Sozialarbeiter, Nachzügler Murat, 1983 geboren, studiert Maschinenbau. Sie alle, ihre Ehepartner und mittlerweile sechs Enkelkinder feiern heute die goldene Hochzeit von Ismet und Cevriye Sari. Und zugleich ein Stück gelungene Integrationsgeschichte.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Events in Kiel

Veranstaltungen in Kiel
Aktuelle Termine, News, Infos.

Anzeige
Mehr aus Nachrichten aus Kiel 2/3