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Gott tröstet wie eine Mutter

Gott tröstet wie eine Mutter

Wechsel an der Spitze des Frauenwerks Altholstein: Pastorin Elisabeth Christa Markert (65), die das Frauenwerk seit der Jahrtausendwende geleitet hat, wird am Freitag um 15 Uhr mit einem Gottesdienst in der Kieler St. Nikolaikirche in den Ruhestand verabschiedet. Wer ihre Nachfolgerin wird, steht noch nicht fest.

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Pastorin Elisabeth Christa Markert verabschiedet sich in den Ruhestand.

Quelle: Frank Peter

Kiel/Neumünster. Die Stelle wird erst im kommenden Monat neu ausgeschrieben.

 Erste Kontakte zum Frauenwerk knüpfte Markert schon während ihres Vikariats in Lübeck. Zuvor, Ende der 80er-Jahre, war sie ihren letzten beiden Studiensemestern intensiv mit der feministischen Theologie in Berührung gekommen. Eine ihrer Dozentinnen brachte diese Perspektive aus den USA mit. „Das hat mich fasziniert“, sagt sie in der Rückschau. „Sich vorzustellen, dass Gott weibliche Aspekte hat, ist bereichernd.“ Schon in der Bibel gebe es viele Stellen, an denen Gott sehr weibliche Charaktereigenschaften habe. „Er tröstet uns wie eine Mutter“, sagt sie. Nach dem Vikariat trat Markert eine neugeschaffene und befristete Stelle als Theologische Referentin im Frauenwerk der Nordelbischen Kirche an.

 Später wechselte sie dann zum Kirchenkreis-Frauenwerk. Anfang der 90er-Jahre hatte sie berufsbegleitend eine Ausbildung zur systemischen Therapeutin und Supervisorin absolviert. Mit dieser Zusatzqualifikation brachte sie sich vor allem mit Seminaren zur Biografie- und Erinnerungsarbeit ein. Dabei arbeitete sie zusammen mit Frauen etliche Familientraumata auf, die von einer Generation unbewusst an die nächste weitergegeben werden. „Kinder spüren, wenn es etwa eine verdrängte Schuld gibt“, erläutert sie, „und nehmen diese auf.“ Im Erwachsenenalter brechen sich die Gefühle möglicherweise als Ängste Bahn.

 „Wenn an einem Trauma gerührt wird, kann das gefährlich sein“, weiß Markert. Daher brachte sie den Frauen in ihren Gruppen auch immer nahe, dass Gott den Menschen Halt zugesagt habe: Das beginne im Alten Testament mit dem Auszug der Israeliten aus der Sklaverei und setze sich in Wundern und Heilungsgeschichten des Neuen Testaments fort. „Jesus bietet viele Beispiele für frauenbefreiendes Handeln“, unterstreicht sie. Gott richte auf und stärke die Menschen als eigenständiges Subjekt. Für viele Frauen war dieses Gottesbild eine vollkommen neue Erfahrung. Sie hatten bisher meist nur von einem strafenden Gott oder gestrengen Richter gehört. „Doch darauf ist Gott nicht festzulegen.“

 Damit gerieten insbesondere die weiblichen Qualitäten ins Blickfeld, die jedoch schon in der Wurzel des Christentums steckten. So gehe etwa das Gottes Erbarmen im Hebräischen auf dasselbe Wort zurück wie die Gebärmutter. Markert hat zusammen mit den Frauen in den zurückliegenden 25 Jahren auch neue Formen gefunden, wie der Gott – der sich hinter diesem breiteren Gottesbild verbirgt – angebetet werden kann, getreu der urreformatorischen Grundthese des Priestertums aller Gläubigen. Dazu gehören etwa Gottesdienste, die auf Bewegung und Tanz aufbauen. In Kiel und Neumünster treffen sich heute jeden Monat vier bis fünf Frauengruppen. Damit sei das Frauenwerk längst zu einer Gemeinde geworden, wo Austausch und Vernetzung stattfinde.

 Auch aus ihrer eigenen Biografie kennt Markert Brüche. Als sie noch ein Kind war, floh ihre Familie aus einer ländlichen Gegend bei Ost-Berlin. Aufgewachsen ist sie in Witten im Südosten des Ruhrgebiets auf. Nachdem sie zunächst eine Ausbildung in Hauswirtschaft und Kinderpflege belegte, wurde sie Theologin auf dem zweiten Bildungsweg. Herzensanliegen waren ihr mehr als 20 Jahre lang die Gedenkgottesdienste zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Seit 15 Jahren veranstaltet sie gemeinsam mit dem Frauennotruf einen Gottesdienst gegen sexualisierte Gewalt. Im Schulterschluss mit der Kieler Frauenbeauftragten, dem Notruf und anderen Frauenfachberatungsstellen brachte sie vor zehn Jahren das Labyrinth „Wege aus der Gewaltspirale“ im Kieler Werftpark auf den Weg.

 Ihre noch zu findende Nachfolgerin als theologische Leiterin mit Büro in Kiel wird nur noch mit einer halben Stelle auskommen müssen. Auch die 50-Prozent-Stelle in Neumünster ist vakant und soll mit einer Diakonin oder Pädagogin besetzt werden. Damit steht dem Frauenwerk ein kompletter Neustart bevor. Für Markert hingegen gibt es auch im Ruhestand so etwas wie berufliche Kontinuität. So wird sie ihre langjährigen Erfahrungen auf dem Gebiet der Frauenarbeit auch künftig weiter nutzen, indem sie freiberuflich in einer eigenen Praxis weiterhin als systemische Therapeutin arbeitet. „Ich weiß, dass ich in meinem neuen Stand noch viele Möglichkeitsräume entdecken werde, mit denen mich Gott oder die Ewige geschaffen hat“, sagt sie.

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