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Das Ende der Hausgeburt?

Hebammen schlagen Alarm Das Ende der Hausgeburt?

Unbezahlbare Versicherungsprämien, auslaufende Berufshaftpflicht, geschlossene Geburtsstationen: Lange Zeit schien der Notstand der Hebammen in Schleswig-Holstein vor allem Schwangere im ländlichen Raum zu treffen. Doch jetzt schlagen auch Hebammen und werdende Mütter in der Landeshauptstadt Alarm.

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Wünschen sich ein neues Geburtshaus in Kiel: Die Hebammen Ute Marcussen (34) und Cathrin Steidel (41) sowie die Sportwissenschaftlerin Britt Wandschneider (42) mit Taatje (15 Monate), Mia (17 Monate) und Til (18 Monate, von links).

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Freiberufliche Hebammen mit wenigen Geburten sehen sich nicht mehr in der Lage, ihren Beruf ganzheitlich auszuüben. Die Folge: Frauen haben außerklinisch kaum noch die Möglichkeit zu wählen, wie und wo sie gebären wollen. Und selbst der Platz in der Geburtsvorbereitungsgruppe gilt aus Mangel an Angeboten als Sechser im Lotto.

 „Die Frauen sind wirklich verzweifelt, sie hängen in der Luft“, sagt die Kieler Hebamme Cathrin Steidel. Die 41-Jährige hat viele Jahre als Hebamme in der Universitätsfrauenklinik gearbeitet und sich nach ihrer eigenen Elternzeit mit zwei Kolleginnen selbstständig gemacht. Seit drei Jahren bietet sie „Papa-Kurse“ speziell für werdende Väter an und - in Kooperation mit einer Frauenarztpraxis - Vorsorgeuntersuchungen für Schwangere. Damit deckt sie, wie so viele ihrer freiberuflichen Kolleginnen, nur noch einen kleinen Teilbereich der Hebammen-Arbeit ab. „Die Frauen müssen sich in Kiel möglichst schon zu Beginn der Schwangerschaft für Kurse vom Babyschwimmen bis zur Rückbildungsgymnastik anmelden, sonst ist die Chance sehr gering, noch einen Platz zu bekommen.“ Gleiches gelte für die Nachsorge. Cathrin Steidel erhält immer wieder Anrufe von Krankenhäusern oder Krankenkassen, die für eine Patientin dringend eine Nachsorge-Hebamme suchen.

 Frauen, die ihr Kind zuhause oder in einem Geburtshaus zur Welt bringen wollen, finden dafür auch in Kiel denkbar schlechte Voraussetzungen. Viele freiberufliche Hebammen bieten aufgrund der hohen Versicherungsprämie von jährlich 6274 Euro keine Geburten mehr an. Sie konzentrieren sich stattdessen auf die Vor- und Nachsorge. Seit der Schließung des Geburtshauses im Dezember 2014 hat sich die Situation noch verschärft, denn inzwischen gibt es nur noch fünf freiberufliche Beleghebammen und lediglich zwei Hebammen, die offiziell Hausgeburten betreuen.

Unterstützerin für die Frauen

 Ute Marcussen gehört zu den Hebammen, die sich in der Geburtshilfe nicht auf Kompromisse einlassen wollen. Ihre berufliche Heimat, sagt sie, hatte sie bis zur Schließung im Kieler Geburtshaus. Jetzt arbeitet die dreifache Mutter selbstständig und deckt die gesamte Palette der geburtshilflichen Angebote ab - auch die Hausgeburt. Dafür lässt sie sich aber nicht offiziell listen, sondern bietet sie aufgrund ihrer eigenen familiären Situation nur in Einzelfällen an. „Ich sehe mich als Unterstützerin für die Frauen und möchte eine wirkliche Eins-zu-eins-Betreuung leisten.“ Die hat ihren Preis, denn wie ihre Berufskolleginnen auch, muss Ute Marcussen die hohen Kosten und den geringen Verdienst irgendwie ausgleichen. „Ich gebe die Versicherungskosten an die Frauen weiter“, sagt die 34-Jährige. Für eine Hausgeburt berechnet sie 1000 Euro. „Und dabei habe ich noch keinen Cent verdient.“

 „Das Problem hat man in Kiel lange verschlafen“, sagt auch Britt Wandschneider. Die zertifizierte Prä- und Postnataltrainerin ist auf Fitnessangebote für Mütter und Babys spezialisiert und setzt sich gemeinsam mit Hebammen, Eltern, Beratungsstellen, Institutionen und Verbänden im Zentrum für außerklinische Geburtswahl (Auge) für eine natürliche Geburt und Wahlfreiheit ein. Langfristiges Ziel ist die Eröffnung eines neuen Geburtshauses. Doch dafür bräuchte man ein Netzwerk freiberuflicher Hebammen und verbesserte finanzielle Rahmenbedingungen. „Die derzeitige Situation ist eine frauenpolitische Katastrophe“, betont Hebamme Cathrin Steidel.

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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Kommentar

Es ist schon seltsam. Auf der einen Seite wird in Deutschland seit Jahren der Geburtenrückgang beklagt. Auf der anderen Seite lässt man es zu, dass die Geburt in Deutschland ein Verlustgeschäft ist. Für die Haftpflichtversicherung der Hebammen, für die Krankenkassen, die Kliniken und die freiberuflichen Hebammen rechnet sich die professionelle Starthilfe ins Leben schon lange nicht mehr.

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