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Es ist schön, Zeit zu verschenken

Hospiz-Initiative Kiel Es ist schön, Zeit zu verschenken

Es ist nicht sehr lange her, da wurden viele Menschen noch unter beschämend unwürdigen Umständen hinausgeschoben aus dieser Welt. Vom „Badezimmersterben“ in den Kliniken spricht Anne Münchmeier, Vorsitzende der Hospiz-Initiative Kiel.

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Der Turm „Before I die...“ steht bis zum 23. September an der Kiellinie und kommt dann vor das Haus der Begegnung.

Quelle: hfr/ mag

Kiel. Dass jetzt zwar nicht alles gut, aber vieles besser ist, darf zu einem guten Teil dem Verein zugeschrieben werden, der nun sein 20-jähriges Bestehen feiert.

 Im Süden der Republik war es schon etwas früher losgegangen, und Anfang der 1990er-Jahre wuchs auch in Kiel das Unbehagen über den Umgang der Gesellschaft mit Sterbenden. Rita Erlemann und Sigrid Büsing, die damals in derselben Klinik arbeiteten, schritten zur Tat: Sie scharten Gleichgesinnte um sich und gründeten eine Hospiz-Initiative, die 1995 zum gemeinnützigen Verein wurde.

 Ehrenamtlich wurden Konzepte erarbeitet und Schulungen organisiert, Sitzungen fanden oft im Wohnzimmer der Gründungsvorsitzenden Sabine Paquét statt. Alsbald folgten die ersten Betreuungen. Die Aufregung war dabei kaum größer und kaum geringer als heute. „Vor dem ersten Kontakt ist man immer ein bisschen nervös“, sagt Anne Münchmeier, seit etwa fünf Jahren Vorsitzende des Vereins. Nicht die bevorstehende Begegnung mit einem Menschen, der bald gehen muss, ist der Grund, sondern die Frage, ob der Kontakt gelingt, ob man einen Draht zueinander findet.

 Fast immer gelingt dies. Und noch etwas leichter fiele es im manchen Fällen, wenn mehr Männer zur Verfügung stünden. Etwa 150 Mitglieder umfasst derzeit der Pool der Ehrenamtlichen, nur fünf Prozent sind männlich. Einer davon ist Tomas Dieckmann, der seine Geschlechtsgenossen ermuntert, es ihm gleich zu tun. „Immer wieder möchten vor allem Männer lieber von einem Mann begleitet werden“, weiß der 50-Jährige und betont: „Es ist ein richtig schönes Gefühl, Zeit verschenken zu können, von der ein anderer Mensch wirklich etwas hat.“

 Emelie Noa Steffens ist mit ihren 18 Jahren die jüngste Helferin. Mit dem Sterben ist sie schon in der eigenen Familie konfrontiert worden und zur Erkenntnis gekommen, „dass das zum Leben dazugehört“. Schwermütig wirkt sie bei solchen Worten gar nicht. Im Gegenteil: „Ich glaube, dass ich etwas von der Lebensfreude, die ich in mir trage, weitergeben kann, damit es für die Familien ein wenig leichter wird.“

 Der Verein an sich hat es inzwischen ebenfalls leichter. Vorbei sind die Zeiten der Wohnzimmer-Versammlungen, seit 2001 sitzt der Verein im ehemaligen Pastorat der Heiligengeist-Gemeinde in der Waitzstraße. Die Miete übernimmt vom ersten Tag an in anonymer Bescheidenheit ein Kieler Kaufmann. Diesem Umstand ist wesentlich zu verdanken, dass die Hospiz-Initiative heute so dasteht, wie sie dasteht. Jedes Jahr werden – bei steigender Tendenz – etwa 150 Betreuungen im häuslichen Umfeld oder in Kliniken übernommen, hinzu kommen weitere 35 oft sehr lange währende Einsätze im Kinder- und Jugendhospizdienst. Zahllose Beratungen, Gesprächskreise und seit 2012 auch das Projekt KLEE für Kinder lebensbedrohlich erkrankter Eltern prägen die Arbeit ebenfalls.

 Ohne Hauptamt ist das nicht mehr zu bewältigen. 2009 wurde die erste bezahlte Kraft für die Koordination des ambulanten Hospizdienstes eingestellt, heute gibt es eine Geschäftsführerin und sechs psychologisch-pädagogische Fachkräfte. Knapp 50 Prozent der Kosten übernehmen zwar die Krankenkassen, immer noch müssen aber Jahr für Jahr 200000 Euro an Spenden mobilisiert werden. Bisher ist das immer wieder gelungen. Dank großer Zuwendungen wie beim Basar an der Pauluskirche oder beim Kieler Entenrennen und ebenso dank kleinerer Beiträge von Gönnern, die etwa bei Geburtstagsfeiern um Spenden statt Geschenke bitten.

 Und dann kommt es immer wieder vor, dass von der Hospiz-Initiative begleitete Verstorbene bei ihrer Beerdigung auf Blumen verzichten und dafür Spenden an den Verein wünschen. „Das“, sagt Anne Münchmeier, „ist für unsere Ehrenamtlichen eine besonders schöne Anerkennung.“

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