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Fernab von den Klischees

I love Gaarden Fernab von den Klischees

Hohe Arbeitslosigkeit, wenig Perspektive, Junkies und ein kriminelles Milieu – die Negativbilder über den Stadtteil Gaarden halten sich hartnäckig. Und trotzdem leben viele Menschen hier ausgesprochen gerne. Warum? Ein Streifzug.

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Turan Ecevit (35) lebt und arbeitet in Gaarden.

Quelle: Kathrin Mansfeld

Kiel. „Ich wohne zwar in Gaarden, aber so schlimm ist das gar nicht – diesen Satz hört man oft“, sagt Anne Neugebauer, City- und Regionalmanagerin vom Büro Soziale Stadt Gaarden.

Zugegeben: Als wir am Morgen an der Haltestelle Karlstal aus dem Bus steigen, sehen wir Bierflaschen und ihre Besitzer. Es ist ein lautes Durcheinander. Trotzdem hat Gaarden auch eine andere Seite, die insbesondere jüngere Menschen anzieht. „Wenn man einige Studenten fragt, erinnert sie das kreative und ein bisschen chaotische Treiben an Stadtteile in Berlin“, sagt Neugebauer.

 Für die 20-jährige Uni-Studentin Jule Küchenmeister ist das nur ein Argument, um auf dem Ostufer zu wohnen. „Die Mieten sind in Gaarden wirklich bezahlbar. Gleichzeitig darf man hier einfach sein, wer man ist, und wohnt sehr zentral.“ Auch der Geschichts- und Philosophiestudent Tim Henning ist vom Viertel überzeugt. „Für mich ist Gaarden wesentlich entspannter als sein Ruf.“ Der 24-Jährige wohnt erst seit wenigen Wochen auf dem Ostufer. Er stöbert durch das Sortiment bei Thilo Pfennig im „Biogaarden“. Dessen Standort macht das funktionierende Nebeneinander deutlich. Zentral an der Medusastraße gelegen, findet er sich direkt gegenüber des Trinkraums Hempels – eine Anlaufstelle für belastete Erwachsene mit Alkohol- oder Drogenproblemen. Ein paar Türen weiter ist die Künstlergalerie des Vereins K34, und an der Ecke ein türkischer Imbiss.

 Thilo Pfennig weiß diese Vielfalt zu schätzen. „Für mich ist Gaarden einfach ein Zuhause. Immer, wenn ich durch die Straßen laufe, treffe ich nahezu alle 50 Meter jemanden, den ich persönlich kenne“, sagt der 43-Jährige. Den mitgliedergeführten Bioladen hat er gemeinsam mit einem Bekannten im Jahr 2013 eröffnet. Alle, die eine Alternative zum konventionellen Supermarkt suchen, sollen hier auf ihre Kosten kommen. Die Entscheidung fürs Ostufer sei ganz bewusst gefallen. Neben dem Bioangebot trifft auch das vegane Kneipenkollektiv Subrosa an der Elisabethstraße den Nerv der heutigen Zeit.

Kultur hat einen festen Platz

 Die beiden Altenpfleger Sarah Volmerg (23) und André Behrens (26) sind vor einem Jahr aus Eckernförde nach Gaarden gezogen. Beide sitzen vor einer Schnellbäckerei und genießen ihre Mittagspause. „In Gaarden kann man leben, wie man möchte“, sagt Sarah Volmerg. In der Tat: Kunst und Subkultur haben in Gaarden einen festen Platz. So gibt es in einem leerstehenden „Schlecker“-Laden direkt am Vinetaplatz regelmäßig Ausstellungen, und auch der Hochbunker an der Kreuzung Iltisstraße/Preetzer Straße soll in naher Zukunft für Veranstaltungen genutzt werden. Der Künstlerverein K34 ist bereits seit 1996 in Gaarden aktiv. Dazu kommen die Internetprojekte „Radio Gaarden“ und der „Blogbeirat“, der Audiomitschnitte vom Gaardener Ortsbeirat zur Verfügung stellt. Künstler betreiben an der Medusastraße eine Galerie. „Man merkt in Gaarden, dass viele Kreativ-Keimlinge hochkommen“, sagt Anne Neugebauer. „Durch Kooperationen mit der Muthesius-Kunsthochschule entstehen immer wieder neue Ideen.“

 Um die Attraktivität des Stadtteils zu steigern, investiert die Stadt auch in die Grünanlagen: Vier Millionen Euro flossen in den Sport- und Begegnungspark an der Stoschstraße. Nun bietet die barrierefreie Anlage Sportlern viel Raum zum Trainieren – und allen Übrigen einen Ort der Begegnung. „Mit diesem Park können wir der ganzen Stadt etwas bieten – Gaarden macht Kiel zu einer Großstadt“, ist Park-Koordinatorin Tina Kliemann überzeugt. Um Sport, Integration und ein aktives Miteinander geht es auch Georges Papaspyratos, Integrationsbeauftragter beim Tus Gaarden. „Mir gefällt hier das multikulturelle Leben“, sagt der 71-Jährige, der seit 35 Jahren das Leben im Viertel aktiv mitgestaltet. „Als Ringtrainer versuche ich den Jungs immer die deutschen Werte zu vermitteln. Wir pflegen dabei den Kontakt zu Familien, zur Kirche und zu Moscheen und versuchen, ein positives Netzwerk zu schaffen.“

 Das multikulturelle Miteinander zeigt sich auch in der Fußgängerzone: Vom türkischen Friseur über den arabischen Supermarkt bis zum fünfsprachigen Apotheker reicht das Angebot. Direkt am Vinetaplatz liegt der Obst- und Gemüseladen von Turan Ecevit, der seit 2001 hier lebt. „Für mich ist Gaarden ein Stück Zuhause. Das Einzige, was mich stört, ist die Unordnung auf den Straßen“, sagt der 35-Jährige. Das sieht auch Mehdi Katanchian so, der nur einige Meter weiter seine Apotheke betreibt. „Ich arbeite gerne hier, weil es viele nette und herzliche Menschen gibt“, sagt der 53-Jährige.

 Und doch: Noch gibt es viel zu tun, verdeutlichen die Zahlen der Stadt. 17,9 Prozent der 15- bis 65-Jährigen sind arbeitslos, und rund 40 Prozent der 20000 Einwohner erhalten ihr Geld vom Jobcenter. „Wir müssen weiter dran bleiben und dürfen nichts zurückfahren“, sagt Christoph Adloff, Referent für Lokale Ökonomie und Quartiersentwicklung der Stadt Kiel.

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