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Rund um den Knooper Weg Jung und hübsch

Veganes Essen, Design, Shabby-Chic und eine besondere Atmosphäre: Heimlich, still und leise ist rund um die Kieler Muthesius-Kunsthochschule ein neues In-Viertel entstanden. Den Knooper Weg säumen immer mehr Cafés, Edel-Trödelläden und individuelle Geschäfte. Eine Bestandsaufnahme.

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Das „Castello“ im Schrevenpark ist eine Institution. Bei sommerlichen Temperaturen verkaufen Kilian Holst und Tim Isenbügel (re.) Eis, Bier und Kaffee an die Parkbesucher.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Es duftet nach Kaffee und alten Sachen – irgendwie vertraut, wie bei den Großeltern. Daher kommt auch der Name des kleinen Ladens, der vor drei Jahren am Knooper Weg Eröffnung feierte: Hoek und Hildebrandt. „Wir haben ihm die Mädchennamen unser beiden Lieblingsgroßmütter gegeben“, sagen die Besitzer Jörg Frese und Stefan Pöting. Ihr Geschäftskonzept: Kaffee schlürfen, Kekse essen, zur Ruhe kommen und dabei durch alte Schätze stöbern. Beide wohnen bereits seit zehn Jahren direkt gegenüber, wirken zufrieden und stehen hinter einer kleinen dunkelbraunen Holztheke, umringt von selbstgebackenen Törtchen und anderem Gebäck. „Hier hat sich in den letzten Jahren einiges getan“, sagt Frese, der in Kiel geboren ist. „Es gibt mehr jüngere Menschen, die besonders auch vom Schrevenpark angelockt werden. Außerdem haben immer mehr Cafés und kleine Geschäfte aufgemacht.“

Foto: Stefan Pöting (links) und Jörg Frese, die Inhaber von „Hoek & Hildebrandt“, mögen ihre „alten Sachen“, wie sie ihr Sortiment selber nennen. Für sie war es außerdem immer ein Traum, ein Café  zu eröffnen. Die Kombination aus beidem findet man seit drei Jahren am Knooper Weg. (Michael Kaniecki)

Zumindest statistisch lässt sich diese These nicht belegen. Im Juni 2015 lebten insgesamt 430 Menschen am unteren Knooper Weg zwischen Exerzierplatz und Lessinghalle: 233 waren unter 35 Jahre alt und 197 mindestens 35 Jahre oder älter. Vor zehn Jahren lebten hier 397 Menschen: 210 waren jünger als 34 Jahre, 187 waren 35 Jahre und älter. Die Bevölkerungsdichte nahm also zu, die Altersstruktur blieb gleich. „Trotzdem sind die angrenzenden Viertel im Schnitt junge Stadtteile, und zum Knooper Weg hat man es nicht weit“, sagt Michael Helten, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Stadt- und Bevölkerungsgeographie der Universität Kiel. Zudem kristallisiere sich in Kiel das Szeneleben um einige feste Punkte herum: Gerade in dieser Gegend ballen sich viele Hauptakteure alternativer Veranstaltungen.

Diesen Eindruck haben auch Jonas Schönemann und Tine Mainka, die 2010 von Berlin hierher zogen und gerade die Sonne bei einem Kaffee im Schrevenpark genießen. „Wir kennen das noch aus der Hauptstadt. Sobald die Café-Dichte steigt, merkt man, dass ein Viertel hipper wird“, sagt der 26-Jährige. Gentrifizierung laute das Stichwort. Immerhin werde das Stadtbild dadurch bunter, sagt Tina Mainka.

Foto: Im Café Resonanz sollen die Kunden bewusst genießen können. Das wissen auch die Mitarbeiter Marietta Hausmann (li.) und Henriette Müller-Hillebrand zu schätzen. (Michael Kaniecki)

Bunt und unkonventionell geht‘s im „Resonanz“ zu. Das kleine Eckcafé an der Mittelstraße, direkt an der Einflugschneise zur Kieler Einkaufsmeile Holtenauer Straße gelegen, ist seit fünf Jahren ein beliebter Treffpunkt. Alte Holzrahmen auf einer Blumentapete, Fenstersitzbänke mit Kissen und ein kleiner lauschiger Garten sorgen für eine angenehme Wohnzimmer-Atmosphäre. Die Nachbarn ein paar 100 Meter weiter bei „Hoek und Hildebrandt“ wollen mit ihrem Geschäft einen urbanen Ruhepol schaffen, und auch im „Resonanz“ heißt das Zauberwort Entschleunigung. Nun ja: „Unsere Kunden müssen manchmal eine Stunde lang auf ihr Frühstück warten“, räumt Marietta Hausmann ein, die seit zweieinhalb Jahren im „Resonanz“ aushilft. „Aber das stört sie nicht. Die Speisen sind mit Liebe zum Detail zubereitet. Bei uns geht es um bewusstes Essen, und das kann eben mal dauern.“ Die drei FH-Studentinnen Charlotte Müller, Kerrin Jens und Lena Eichert treffen sich in diesem städtischen Idyll, um bei einem Latte macchiato die Sonne zu genießen. „Ich glaube, die Gegend um den Schrevenpark wird wirklich immer mehr zum Szeneviertel. Hier findet man Kultur neben Handwerk und viele neue Läden, wie die ‚Villa‘“, sagt Lena, die bereits seit 2012 ganz in der Nähe vom „Resonanz“ wohnt.

Es sind nicht nur die Geschäfte und Cafés, die ein potenzielles Szeneviertel ausmachen. „Wenn es um die Ausbildung von Szenen geht, spielen Freiräume eine große Rolle“, sagt der Uni-Experte Helten. „Die findet man auch hier – beispielsweise die leerstehende Lessinghalle, die häufig  für unterschiedliche Veranstaltungen genutzt wurde, oder den Schrevenpark mit seinen Sommerfestivals. Aber das kann sich spontan wieder verlagern, wenn sich woanders neue Freiräume auftun.“

Foto: „Auf sein Frühstück kann man schon mal eine Stunde warten, aber dafür ist es mit Liebe zum Detail gemacht“, sagt Marietta Hausmann (li.) und verschwindet im Keller des Resonanz.

Zu den besagten Festivals im Schrevenpark versammeln sich seit einigen Jahren mehrere Tausend Kieler auf der großen Wiese neben dem Teich, um gemeinsam zu feiern. Die Organisatoren dieser Outdoor-Party  finden sich unter hohen Bäumen am Eingang der Parkanlage in einem rund zehn Quadratmeter großen Holzhäuschen: Das „Castello“ ist seit 14 Jahren eine Institution. Neben dem Verkauf von Erfrischungen an heißen Tagen veranstaltet der Besitzer Christian Neumann gemeinsam mit weiteren Akteuren das jährliche Sommerfest inklusive Elektro-Party. Die gefällt nicht jedem. „Wir haben mit den Alteingesessenen aus dem Viertel immer wieder Probleme, aber man kann es nicht immer allen recht machen“, sagt Kilian Holst, der seit rund drei Jahren im Kiosk mit anpackt.

Zwischen all den neuen Geschäften am Knooper Weg gibt es auch eines mit Tradition: Das Kräuterfachgeschäft „Kräuter-Pflug“, das Rita-Katharina Ebbert seit 15 Jahren betreibt, hat seinen Standort in der Straße bereits seit 1919. Es duftet nach einer Mischung aus Kamille, Minze, Thymian und Kümmel. Das 95 Jahre alte und robuste Holzregal beherbergt rund 400 europäische Kräuter – jede Sorte hat ihre eigene Schublade. In der Kiste, die Pfefferminze enthält, wird seit 1919 nur dieses Kraut einsortiert. Und das trifft aufs gesamte Sortiment zu. Vermischt werden darf hier nichts.

Foto: Zufrieden zwischen Kräutern: Inhaberin Rita-Katharina Ebbert (rechts) und Antje Dekena stehen hinter der Theke von „Kräuter-Pflug“. (Michael Kaniecki)

Trotz der urigen Einrichtung läuft das Geschäft gut, manches kommt eben niemals aus der Mode.  „Mittlerweile haben wir auch viele junge Kunden, die nach biologischen Alternativen zu Medikamenten suchen. Besonders junge Mütter kommen gerne zu uns“, sagt die 63-Jährige. Auch sie bemerkt, dass viele neue kleine Läden um den Knooper Weg herum eröffnet haben. „Das hängt bestimmt auch mit der Muthesius zusammen.“

  

Foto: Bei „Mmhio“, direkt gegenüber von der Muthesius Kunsthochschule,  gibt es vegane und vegetarische Leckereien: Für Besitzer Bastian Ohrtmann ist das Konzept aufgegangen.(Michael Kaniecki)

Der Umzug der Muthesius-Kunsthochschule im Jahr 2012 vom Lorentzendamm 6-8 auf den Campus an der Legienstraße 35 hat das Geschäft im „Mmhio“-Café von Bastian Ohrtmann (32) spürbar angekurbelt. Im Jahr des Umzugs startete das „Mmhio“ als vegane und vegetarische Kantine, das Café kam 2014 dazu. Auch hier finden sich Angebote für eine ganz besondere Zielgruppe: „Alle unsere Speisen sind regional und bio. Außerdem bieten wir vegetarisches, veganes und laktosefreies Essen an – unsere veganen Kuchen sind eine Spezialität“, sagt der Gastronom, der an einem der schweren Holztische Platz genommen hat. Eine Lounge mit Lederkissen, unverputzten Betonträgern und Stühlen, die irgendwie an alte Schulzeiten erinnern: Das Ambiente im „Mmhio“ vermittelt einen Hauch von Großstadt und scheint bei jungen Leuten gut anzukommen. Hatte Ohrtmann anfangs noch am Standort Knooper Weg gezweifelt, ist er davon mittlerweile überzeugt. „Die Innenstadt ist relativ tot. Hier profitieren wir von der Nähe zur Muthesius und zur Holtenauer Straße, bezahlen aber weniger Miete als in der Einkaufsmeile.“

Diese Nähe zur Holtenauer Straße wollen auch die sechs Designerinnen von „LadenGut“ nutzen  – es ist das neuste Geschäft am Knooper Weg. Erst im Mai zogen die Kunsthandwerkerinnen vom Schülperbaum hierher. Im hellen und freundlichen Raum, von dem eine Treppe nach oben führt, sitzt Karin Klu hinter der Kasse. Sie selbst kreiert Kunsthandwerk aus Pappe – kleine bunte Schächtelchen und Schmuckdöschen. „Am Knooper Weg tut sich etwas. Ich habe das Gefühl, hier wächst etwas Neues, und wir freuen uns, ein Teil davon zu sein.“

Foto: Kunst steht hier im Mittelpunkt: Karin Klu, Ute Diederichsen und Carola Ahrens-Lück haben erst im Mai gemeinsam mit drei weiteren Frauen ihr Geschäft „LadenGut“ am Knooper Weg eröffnet. (Michael Kaniecki)

Mit der Holtenauer Straße sind der Knooper Weg und seine Umgebung nicht zu vergleichen. Noch wohnen überwiegend Studenten in der Umgebung, und die Mieten sind im Vergleich zu denen in anderen Großstädten bezahlbar. Jonas Schönemann hofft, dass das so bleibt. „Wenn es hier zu hip wird,  steigen mit Sicherheit die Mieten. Und das kenne ich schon aus Berlin“, sagt der 26-Jährige. Dann trinkt er den letzten Schluck Kaffee aus einem Plastikbecher. Ganz unhip.

Gentrifizierung

Der Begriff Gentrifizierung stammt aus den 1960er-Jahren. Damals beschrieb der Ausdruck Veränderungsprozesse im Londoner Stadtteil Islington, die von der britischen Soziologin Ruth Glass untersucht wurden. Ursprünglich geht die Gentrifizierung aus dem englischen Wort „gentry“ (= niederer Adel) hervor, steht charakteristisch für Veränderungsprozesse im Stadtviertel und beschreibt dessen sozioökonomischen Wandel. Dieser vollzieht sich in der Regel von einer statusniedrigeren zu einer finanzkräftigeren Bewohnerschaft und geht oft mit einer baulichen Aufwertung, mit Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen einher. Im Vorfeld findet meist ein Imagewechsel statt: Ein zunächst von Leerstand geprägter Stadtteil wird durch den Zuzug von Kreativen wieder modern und zum Szeneviertel. Dadurch werden häufig Alteingesessene, Geringverdiener oder langansässige Geschäfte verdrängt. Es entsteht eine neue Nachfrage, an die sich das Angebot in der Umgebung anpasst.

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