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„Die Männer müssen sich ändern“

Interview mit Frauenrechtlerin „Die Männer müssen sich ändern“

Männer haben zu dritt eine junge Frau in Kiel auf der Straße angegriffen und später vergewaltigt, bei mindestens einer weiteren Frau haben ebenfalls drei Männer dies versucht. Ursula Schele vom Frauennotruf Kiel rät Männern zu mehr Zivilcourage. Frauen sollten sich nicht einschüchtern lassen, so die Pädagogin im KN-Interview.

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„Wir müssen die Debatte über sexuelle Gewalt sachlich führen. Die Fokussierung auf eine Täter-Gruppe führt nicht weiter“, sagt Ursula Schele. Die Pädagogin hat 1979 den Frauennotruf Kiel und 1993 die Petze gegründet. Dafür erhielt sie die Andreas-Gayk-Medaille.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Frage: Wie bewerten Sie solche Gruppentaten?

Das ist für uns in den Frauennotrufen kein „neues Phänomen“. Sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung hat es schon immer gegeben – auch durch Gruppen von Männern, auch in Kiel und Schleswig-Holstein. Insbesondere geschieht das unter massivem Alkohol- und Drogenkonsum, den Opfern werden zum Teil K.O.-Tropfen verabreicht. Den Terminus „Dreiergruppe südländisch aussehender Männer“ finde ich, wenn die Täter noch nicht ermittelt sind, allerdings hochproblematisch, stigmatisierend und fremdenfeindlich.

 Wie groß ist das Ausmaß von Sexualstraftaten Ihrer Erfahrung nach in Kiel?

 Jede siebte Frau erlebt irgendwann schwere sexualisierte Gewalt, in allen Schichten und meist durch Täter, die sie gut kennen. Das gilt bundesweit. In Kiel verzeichnete der Frauennotruf 2015 allein knapp 1000 Fälle, im Kreis Plön waren es mehr als 300. In den letzten Wochen haben wir aber keine auffällige Zunahme. Stattdessen steigt die Fallzahl seit Einrichtung der Notrufe kontinuierlich an. Studien zeigen aber: Solch ein Anstieg bedeutet nicht, dass es auch mehr Taten gibt, sondern dass immer mehr der Betroffenen Hilfe suchen. Trotzdem müssen wir weiter von einem großen Dunkelfeld ausgehen.

 Nach einer Erhebung des Kriminologischen Instituts Niedersachsen werden nur sechs Prozent aller sexuellen Gewalttaten angezeigt. Auch aktuell in Kiel sind offenkundig nicht alle Taten angezeigt worden. Wie ist das zu erklären?

 Viele Betroffene haben auch Wochen, Monate und Jahre nach den Taten Angst vor dem Täter und davor, dass die ihre Drohungen umsetzen. Hinzu kommen Scham und die Befürchtung, dass ihnen nicht geglaubt oder ihnen eine Mitschuld gegeben wird. Und: Wenn Opfer eine Tat anzeigen, bekommt das Geschehen noch einmal eine andere Dimension – sie haben dann selber keine Chance mehr, die erlittene Gewalt und Erniedrigung zu verdrängen. Außerdem ist die Chance, dass der Täter verurteilt wird, gering. Von 1000 Vergewaltigern werden 100 angezeigt, aber nicht mal neun verurteilt. Früher wurden zumindest 20 verurteilt. Das ist wenig ermutigend, die Betroffenen bleiben quasi in einer Gerechtigkeitslücke.

 Wieso dieser Rückgang?

 Wir nennen das den Kachelmann-Effekt. Die Justiz agiert in dubio pro reo und fürchtet, falschen Beschuldigungen aufzusitzen. Dabei trifft das bei 1000 Vergewaltigungen nur auf drei Fälle, also 0,3 Prozent, zu.

 Was hat sich durch die Übergriffe in Köln und Hamburg in der Silvesternacht geändert?

 Der Fokus liegt jetzt auf den Fremdtätern und den sogenannten Angsträumen. Psychologisch ist das verständlich: Die meisten Sexualstraftaten werden in der Familie und im sozialen Umfeld begangen, aber dieses statistisch und wissenschaftlich gesicherte Wissen ist schwer auszuhalten. Die Gesellschaft möchte gerne glauben, dass die Gefahr im „Außen lauert“. Deshalb lassen sich die Übergriffe auch relativ leicht für bestimmte politische Ziele instrumentalisieren. Auch viele Medien spielen da leider mit, gelegentlich ist eine gehörige Portion Skandalisierung und Voyeurismus dabei.

 Wie sollte denn auf die Übergriffe reagiert werden?

 Die längst überfälligen Reformen im Sexualstrafrecht müssen endlich umgesetzt werden. Seit Jahren fordern wir eine Beweislast-Umkehr im Vergewaltigungsparagraphen: Bisher muss die Frau nachweisen, dass sie den Verkehr nicht wollte und sich massiv gewehrt hat. Wir wollen, dass der Mann nachweisen muss, dass er das Einverständnis der Frau eingeholt hat. Länder wie England, die Schweiz und Schweden haben das so geregelt, bei uns blockiert das die CDU/CSU. Auch sogenannte leichtere sexuelle Übergriffe – nicht nur auf der Straße – müssen Folgen haben. Bisher ist das kein Straftatbestand, sondern allenfalls sexuelle Beleidigung. Dem Täter muss eine sexuelle Absicht nachgewiesen werden. Wenn er am Ende das Handy geklaut hat, wird das schon schwierig.

 1987 wurden drei junge Frauen in Kiel vergewaltigt und ermordet. Daraufhin startete der Frauennotruf eine stadtweite Hauswurfsendung, es wurden Frauennachttaxis und für die professionelle Opfer-Beratung fünf Stellen eingerichtet. Was ist heute notwendig?

 Den Standard von damals wiederherstellen! Wir zum Beispiel hatten damals acht bis neun Beratungsstunden für jedes Opfer von sexueller Gewalt – heute sind es 2,5 Stunden. Das ist in den allermeisten Fällen viel zu wenig und führt zum Drehtüreffekt. Zudem gibt es Gruppen, die absolut unterversorgt mit Beratung und Therapie sind: alle Schutzbefohlenen, Menschen mit Behinderung, Migrantinnen und ganz akut die Geflüchteten, die im Herkunftsland und auf der Flucht unvorstellbar Grausames und eben oft auch massive sexuelle Gewalt erlebt haben. Ich spreche hier nicht nur von Mädchen und Frauen, die von Schleppern vergewaltigt wurden, sondern von den Unbegleiteten und oft auch von Männern als Opfer.

 Was raten Sie jungen Frauen, die in Discos oder auf der Straße von Fremden belästigt, angefasst, körperlich bedrängt oder verfolgt werden?

 Der Intuition vertrauen und gehen, wenn es unangenehm wird! Nicht höflich, leise und bescheiden bleiben, wenn Grenzen überschritten werden, sondern laut werden und sich direkt Hilfe holen. Ob das Tresenpersonal oder Türsteher da grundsätzlich eine gute Wahl sind, möchte ich eher bezweifeln. Da ist die Zivilcourage aller Männer gefragt. Nicht die Frauen müssen sich ändern, sondern die Männer. Kein Mädchen, keine Frau sollte sich jetzt einschränken oder gar zu Hause bleiben.

  Wie können wir Männern, die aus anderen Ländern zu uns kommen, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung klarmachen?

 Ihnen müssen möglichst schnell unsere Vorstellungen vermittelt werden. Junge Männer haben in den Heimatländern wenig Kontakt zu gleichaltrigen Frauen außerhalb der Familie. Wenn man als junge Frau freundlich zu ihnen ist, sie anlächelt, kann das als Beziehungsanbahnung missinterpretiert werden. Manche fragen dann: Willst du mich heiraten? Im Prinzip brauchen die jungen Männer soziale Trainingskurse, damit sie erst einmal den respektvollen Umgang mit Frauen üben. Auch in den Daz-Klassen sollte man das zum Thema machen. Aber es ist auch klar: Was sich in unserer Gesellschaft im Verhältnis zwischen Frau und Mann in drei Generationen geändert hat, werden Jungen und Männer nicht mal eben in einem Integrationskurs verinnerlichen.

 Interview: Heike Stüben

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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