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"Der glücklichste Moment meines Lebens"

Flüchtlingsfamilie vereint "Der glücklichste Moment meines Lebens"

Auf ihrer Flucht nach Europa wurde eine vierköpfige Familie aus dem Nordirak voneinander getrennt. Ohne ihre Eltern reisten die beiden Söhne nach Deutschland. In Kiel fand die Familie am Donnerstag mit Hilfe der Bundespolizei wieder zueinander.

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Sie sind endlich wieder zusammen: Nzar Kamal Arif (37), Aren (4), Ara (9), Ehefrau Hannah und ihre Nichte Lana Saeed (22). Zwei Wochen lang blieben die Eltern über das Schicksal ihrer Kinder im Ungewissen. Jetzt fanden sich alle in Kiel wieder.

Quelle: Sven Janssen

Kiel . Alles Hoffen, alle Tränen, alle Gebete der Eltern schienen vergebens. Zwei Wochen lang warteten Hannah und Nzar Kamal Arif auf Lebenszeichen ihrer verschollen geglaubten Kinder, verloren im Chaos der Flucht aus dem Nordirak. Am Donnerstag endete der Horror. Im Wohnzimmer einer kleinen Wohnung in Mettenhof schlossen die Eltern ihre Kinder in die Arme und hätten sie am liebsten wohl nie wieder losgelassen.

Die panische Angst dieser Tage hat tiefe Spuren in die Gesichter der Eltern und ihrer Söhne Aren (4) und Ara (9) gemeißelt. Sie sind von tiefer Erschöpfung gezeichnet. In ihren Köpfen und Herzen gibt es noch keinen Platz für unbändige Freude. Und das ist auch nicht verwunderlich angesichts dieser dramatischen Geschichte, die sie zum ersten Mal erzählen.

Bis nach Ungarn hatte es die Familie noch gemeinsam geschafft, nachdem sie drei Monate zuvor aus einem Dorf in der Nähe von Kirkuk im Nordirak heimlich in Richtung Deutschland aufgrochen waren – auf der Flucht vor den Schergen des IS, die offenbar kurz davor stehen, Kirkuk einzunehmen.

Ein kleiner Zettel hat geholfen

Der Erfahrung von Nzar Kamal Arif als Polizist ist es zu verdanken, dass er im Durcheinander von aufgewühlten Flüchtlingen und strengen Sicherheitsleuten in einem ungarischen Flüchtlingslager zu einer Vorsichtsmaßnahme griff: Der 37-Jährige steckte seinem älteren Sohn einen kleinen Zettel in die Jackentasche, darauf die Telefonnummer seiner Schwägerin, die seit 18 Jahren mit ihrer Familie in Kiel lebt.

Dann passierte es: Hunderte Flüchtlinge stürmten an dem ungarischen Bahnhof einen Zug Richtung Österreich. Aren und Ara wurden von der Masse mitgerissen, landeten irgendwo in diesem Zug. Hannah und Nzar Kamal Arif schafften es nicht hinein. Die Kinder waren weg. Wo, wussten die Eltern nicht. Neun Tage lang durchkämmte der Vater alle Lager in der Nähe, versuchte von anderen Flüchtlingen zu erfahren, wo seine kleinen Söhne geblieben sein könnten. Niemand wusste es.

Was dann geschah, können die Eltern nur vermuten. Eine andere Flüchtlingsfamilie muss sich der Kinder angenommen haben. In Frankfurt angekommen, meldeten sich die Beschützer von einer Telefonzelle aus vor zwölf Tagen – dank der Telefonnummer in Aras Tasche – bei Arifs Schwägerin in Kiel. Noch in der Nacht brach sie nach Frankfurt auf, um die Kinder zu holen. Aber wo waren ihre Eltern? Wieder wusste es niemand.

"Leben noch einmal geschenkt bekommen"

Am Donnerstagvormittag hatte sich das irakische Ehepaar bis nach Kiel durchgeschlagen und landete bei der Bundespolizei. Die fand nach einigen Telefonaten die Adresse der Schwägerin heraus, in deren Wohnung Kinder und Eltern ein paar Stunden später wieder zueinander fanden.

„Es war der schönste Moment meines Lebens“, beschreibt Hannah Kamal Arif den Augenblick, als sie ihre Kinder wieder in den Armen hielt: „Als hätte ich mein Leben noch einmal geschenkt bekommen.“ Ihr Ehemann ist offenbar noch immer von den physischen und psychischen Strapazen der vergangenen zwei Wochen gezeichnet. „Wir haben großes Glück gehabt“, murmelt er, gibt seinem kleinen Sohn einen langen Kuss auf die Wange und sagt etwas unvorstellbar Grausames: „Ich musste mit ansehen, wie andere Kinder auf der Flucht ertrunken sind.“

Erste Nacht ohne Kinder

Obwohl die Familie nun wieder zusammen ist, hat die Geschichte noch immer keinen wirklich gutes Ende. Denn das Ehepaar kann in dieser ersten Nacht mit ihren Kindern nicht das tun, was sich wohl alle Eltern in dieser Situation am meisten wünschen würden: zusammenbleiben. „Man hat es den Eltern nicht erlaubt, bei uns zu übernachten. Es sei gegen die Bestimmungen“, berichtet Lana Saeed, die Tochter von Arifs Schwägerin. So müssen die Eltern ihre erste Nacht in Kiel in der Erstaufnahmeeinrichtung am Nordmarksportfeld verbringen – ohne ihre Kinder, die nach Einschätzung von Lana Saeed vorerst nicht in diese Einrichtung gehören.

Trotz allem schöpfen die Neuankömmlinge nach der überstandenen Flucht jetzt neuen Lebensmut. So schnell wie möglich Deutsch lernen und arbeiten, will der Familienvater und nach 20 Jahren voller Angst und Gewalt endlich Ruhe finden in Kiel. Und er träumt vor allem von einer echten Zukunft für seine Kinder, die er jetzt endlich wiederhat. Zur Schule gehen sollen sie hier, einen ordentlichen Beruf lernen, vielleicht sogar studieren. „Inschallah“, sagt er leise, so Gott will. Dann zieht er seine Kinder wieder an sich. Sein Gesicht kann man nicht sehen, soll es wohl auch nicht.

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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