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Ein bisschen Jailhouse Rock

JVA Kiel Ein bisschen Jailhouse Rock

„Bad Moon Rising“ spielten am Freitagabend ein besonders Konzert: Die Band war zu Gast in der Kieler JVA.

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Die Multifunktionshalle der Kieler Justizvollzugsanstalt erfüllt viele Funktionen – vom Sport bis zum Gottesdienst. Das letzte Konzert erlebten Inhaftierte und Justizvollzugsbeamte dort im Jahr 2014.

Quelle: Oliver Stenzel

Kiel. Es ist ein frühlingsverheißender Freitagnachmittag. Daran ändert sich auch nichts, als sich die Tür zur Justizvollzugsanstalt schließt. Die Trakte des ehemaligen Gerichtsgefängnisses sind lichtdurchflutet und ruhig. Der Mann, der am Eingang Personalausweis und Handy in Verwahrung nimmt, hat eine Bitte: „Schreiben Sie nichts von Wärtern. Wir sind Justizvollzugsbeamte!“ Okay. Und wie soll man die nennen, die hier zeitweise hinter verschlossenen Türen leben? „Wenn Sie Inhaftierte sagen, machen Sie nichts falsch“, rät Ulf Henning und drückt dem Besucher ergänzend die aktuelle Infobroschüre der Kieler JVA in die Hand. Später wird der Sozialpädagoge noch ein kopiertes Spiegel-Interview mit dem Zeithainer Gefängnisdirektor Thomas Galli dazulegen, der dafür plädiert, die Gefängnisse abzuschaffen. Sollte es einmal so weit kommen, wird sich das auf Hennings Berufsleben nicht mehr auswirken. Er ist seit 25 Jahren Vollzugsabteilungsleiter in Kiel und geht Ende 2017 in den Ruhestand. „Insofern ist das heute auch eine Art Abschiedskonzert für mich“, sagt er.

 Denn durch die Stille wird in einer halben Stunde Holger Eberths E-Gitarre dröhnen. Eberth ist der Kopf der Kieler Band „Bad Moon Rising“, die sich auf Coverversionen der amerikanischen Southern-Rock-Legende Creedence Clearwater Revival spezialisiert hat. Auf Einladung von Henning und des bundesweit agierenden „Kunst- und Literaturvereins für Gefangene“ hat das Trio seine Instrumente an diesem Abend in der Multifunktionshalle der JVA aufgebaut. Anderthalb Stunden wird der Gig dauern, zu dem nun die ersten Gäste eintreffen. Sechzig haben sich für das Konzert angemeldet. Das wäre ein Drittel aller Insassen, von denen am Ende aber nur dreißig erscheinen. Warum? Henning zuckt die Achseln: „Viele Menschen geraten im Gefängnis in eine Art Energiesparmodus.“

 Die meisten tragen die grüne Anstaltskleidung, die fast wie ein ganz normaler Jogginganzug aussieht. Auf Gesuch dürfen die Inhaftierten heute aber auch ihre eigenen Sachen anziehen. Einer ist sogar im Led-Zeppelin-T-Shirt gekommen und hat sich zuvor als CCR-Fan geoutet, indem er einen ihrer Songs auf seiner Anlage in seiner Zelle gespielt hat, als die Coverband eintraf. Prompt widmet ihm Eberth nun die Kieler Version des Lieds und erntet zum Dank rhythmisches Kopfnicken. Während der Stücke ist das neben Beinwippen die häufigste Reaktion der Zuhörer auf die Musik. Dazwischen klatschen die meisten verlässlich Applaus. „Ich habe schon vor echten Rockern gespielt, die sich noch weniger haben anmerken lassen“, so Eberth. „Die Inhaftierten gehen aus Prinzip nicht so sehr aus sich heraus, um zu vermeiden, dass sie später dafür gehänselt werden“, sagt Fred Langschwager, ein erfahrener Justizvollzugsbeamter, der hier mit zwei Kollegen in der letzten Reihe sitzt und die Zuhörer im Auge behält. Auch Langschwagers Fuß wippt im Takt, auch er lässt sich sonst nicht viel anmerken. Doch der äußere Eindruck täuscht erneut: „Mir hat das Konzert viel Spaß gemacht. Außerdem ist es eine willkommene Abwechslung“, urteilt er, nachdem der letzte Song verklungen ist.

 Die Kommentare der anderen Besucher gleichen dem des Beamten. Die Band habe ihre Sache wirklich gut gemacht, sagt ein 40-Jähriger, der hier ist, weil er eine Geldstrafe nicht bezahlen konnte. Es sei schön gewesen, dass der Sänger so viele CCR-Anekdoten erzählt und so zusätzlich für Stimmung gesorgt habe, lobt ein 28-Jähriger, den seine Spielsucht zum Dieb hat werden lassen. Beide werden die JVA in den nächsten Monaten verlassen, die nun in der Dämmerung deutlich trister wirkt. „Hey Tonight“ war der letzte Song, den der Besuch von draußen spielte. In Kiel sitzt niemand lebenslänglich, sodass alle Konzertbesucher ihren Freitagabend eines Tages wieder selbst gestalten können werden. Für heute aber endet er um 20 Uhr mit dem Drehen des Schlüssels in der Zellentür.

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