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Einstige Attraktion wird immer kleiner

Jahrmarkt Wilhelmplatz Einstige Attraktion wird immer kleiner

Auf dem Wilhelmplatz herrscht noch bis Sonntag buntes Treiben: Der Jahrmarkt macht Station in der Landeshauptstadt. Doch über die Jahre ist die einstige Attraktion immer kleiner geworden. Konkurrenz bekommt der frühere Publikumsmagnet von zahlreichen Stadtteilfesten, Flohmärkten, dem Kieler Umschlag oder der Kieler Woche.

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Mit Softeis sind sie auf dem Kieler Jahrmarkt zu Gast: Vincent, Sabine und Klaus Numberger am Tresen ihres Verkaufswagen, der noch bis zum Sonntag auf dem Wilhelmsplatz steht.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Ist der Jahrmarkt überhaupt noch zeitgemäß? Wir verbrachten einen Abend mit einer Frau, die es wissen muss: Sabine Numberger (57) steht, seit sie denken kann, im bunten Verkaufswagen von Carls-Eis. Ihre Eltern hatten den Softeis-Stand einst von Otto Carls übernommen, der 1906 mit dem Gewerbe anfing.

 Ein Leben im Eisparadies – für Sabine Numberger der normale Alltag. Während hinter ihr drei Eismaschinen surren und die cremige Masse rühren, erinnert sie sich an die Anfänge. Schnell holt sie noch ein altes Fotoalbum unterm Tresen hervor. „Otto Carls war eigentlich ein Musikclown bei Zirkus Krone“, erzählt sie. „In den Pausen aber verkaufte er sein erstes Eis. Dafür hatte er sich ein Holzfass vor den Bauch gebunden, in dem er seine eigene Eiskreation hatte. Nach diesem Rezept stellen wir heute noch her.“ Später habe er sich dann einen Eiswagen angeschafft. Auf Schwarz-Weiß-Fotos stehen Menschenschlangen, um das beliebte Eis zu kaufen. „Damals gab es ja noch kein Fernsehen. Da war der Jahrmarkt eine echte Attraktion. Die Leute wollten unterhalten werden und ihren Alltag vergessen.“

 Da Carls keine eigenen Kinder hatte, kamen 1948 die Eltern von Sabine Numberger dazu. „Meine Mutter kam aus einer Schaustellerfamilie“, erzählt sie. 1953 kauften sie sich einen großen Wagen. Für Carls gab es einen Altenteil-Eisstand. Warum die Eltern nicht selbst ein Unternehmen gründeten? „Carls-Eis war damals schon eine Marke“, sagt Sabine Numberger lachend. „Das Rezept von Otto ist einfach toll.“ Zehn Pfennige kostete damals ein Softeis, 20 Pfennige mit Sahne. Inzwischen müssen Eisfans für die kleinste Waffel 1,50 Euro bezahlen. Doch reich werden kann man damit nicht, sagt Ehemann Klaus Numberger (57) und erzählt von einem Juristen, der mit einem ausgearbeiteten Franchise-Konzept ankam. „Der dachte wohl wunder, wie viel Eis wir verkaufen.“ An guten Tagen könnten das zwar mal 800 sein. „Aber in Flensburg hatte ich einen Platz in der Mittelreihe zwischen den Fahrgeschäften, da hab’ ich im ersten Jahr an einem Tag nur ein einziges Eis verkauft. Zwei Mark lagen am Abend in der Kasse.“ Trotzdem möchte der gebürtige Friedrichsorter nicht tauschen. „Die Freiheit ist schon einzigartig“, schwärmt der gelernte Koch.

 Sohn Vincent (30) nickt grinsend. Er steht in den Startlöchern und läuft sich mit zwei eigenen kleinen Softeis-Buden warm. Die Zukunft bei Familie Numberger sieht vielfältig aus. „Man muss sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen“, sagt der Senior. Vor ein paar Jahren kam eine Maschine mit Wassereis in Kirsch und Waldmeister dazu, bei den Streuselsorten gibt es jetzt auch eine achte – und zwar Lakritz. Und im Winter wird auf gebrannte Mandeln umgestellt. „Dann sind wir auf Weihnachtsmärkten“, sagt Sabine Numberger.

 Tochter Lea (36) wollte nicht im Famiienbetrieb bleiben. Sie studierte Meereswissenschaften beim Kieler Geomar und machte ihren Doktor als Geobiologin in Tübingen. Inzwischen lebt sie mit einem Geopaläontologenbei Luxemburg. „Schon meine Mutter hat sehr auf Schulbildung geachtet“, sagt Sabine Numberger und zeigt stolz ihr Enkelkind Liz (3) auf dem Handy. „Das ist inzwischen bei allen hier auf dem Platz so. Die Schule wird sehr ernst genommen.“

 Dass Schausteller ein fahrendes Volk sind, stimmt nur bedingt. Zwar besuchen die Numbergers im Jahr rund 40 Städte und Dörfer in Schleswig-Holstein und Hamburg, sind aber „Heimschläfer“, „so wie ganz viele andere auch“. In Neumünster steht ihr Einfamilienhaus, in Bornhöved eine Halle für Zugwagen, Anhänger und Wohnwagen. Der Haupteiswagen hat 1977 einmal 210000 D-Mark gekostet. 75000 Mark gingen für drei Eismaschinen der Firma Boku Kunzi drauf. „Heute wäre der Wagen unbezahlbar“, sagt er.

 Inzwischen ist es 20 Uhr. „Das war’s auch für heute“, sagen die drei. „In Kiel ist der Jahrmarkt nicht gerade das geliebte Kind der Stadt“, sagt Vincent Numberger nachdenklich. „Wir werden ziemlich hin- und hergeschubst. An der Hörn war kein guter Platz. Zwar haben wir hier eine ganz tolle Marktleiterin, aber in Orten wie Süderbrarup, Mölln oder Kaltenkirchen stecken die Verantwortlichen viel mehr Energie und finanzielle Mittel rein. Wir hätten auch gerne wieder zwei Wochenenden so wie früher.“ Trotzdem ist er sich sicher, dass der Jahrmarkt überleben wird – auch in Kiel. „Das ist deutsches Kulturgut und weckt Kindheitserinnerungen.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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