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„Jetzt beginnt die Zeit des Lieferns“

Ulf Kämpfer im Interview „Jetzt beginnt die Zeit des Lieferns“

Als Jurist Ulf Kämpfer (43) vor einem Jahr sein Amt als Kieler Oberbürgermeister antrat, fand er eine schwierige Gemengelage im Rathaus vor. Monatelang hatte die Steueraffäre politische Turbulenzen ausgelöst, die zum Rücktritt von Susanne Gaschke als Verwaltungschefin führten. Trotz aller vorgefundenen und neuen Baustellen findet es der Sozialdemokrat „immer noch klasse“, Oberbürgermeister zu sein.

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Ein Oberbürgermeister im Glück: Ins zweite Amtsjahr als Verwaltungschef kann Ulf Kämpfer beflügelt vom Erfolg der Olympia-Bewerbung starten.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Trotz aller vorgefundenen und neuen Baustellen findet es der Sozialdemokrat „immer noch klasse“, Oberbürgermeister zu sein. Ein Jahr im Amt als Kieler OB: Ulf Kämpfer ist optimistisch, die Steueraffäre bald abschließen zu können. Ob Wohnungsboom oder Olympia – Kiel sei im Aufbruch.

Kieler Nachrichten: Zwölf Monate OB in Kiel: Fühlen Sie sich jetzt gut im Amt angekommen?

 Ganz klar: Ja. Das Jahr 2014 war davon geprägt, dass ich viele Menschen kennenlernen, mich in viele kleine und große Kiel-Themen einarbeiten und Vertrauen aufbauen musste. Jetzt beginnt die Zeit des Lieferns. Viele wichtige Dinge müssen zur Entscheidungsreife gebracht werden. Ganz konkret: Der Kleine-Kiel-Kanal, der B-Plan Schlossquartier und der Bau des Sport- und Freizeitbades, den wir am 9. Mai offiziell starten. Der Masterplan Wohnen ist gerade beschlossen, das ist schon ein großer Erfolg.

 Sie haben sich auf die Fahnen geschrieben, den Wohnungsbau in Kiel voranzutreiben. Was erhoffen Sie sich vom Masterplan Wohnen?

 Von Haus&Grund bis zum Mieterverein alle im Geist der Zusammenarbeit an einen Tisch zu kriegen, das kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Gemeinsam müssen wir den Anforderungen der Boom-Phase der Stadt, die ja in den nächsten zehn Jahren um etwa 10000 Einwohner anwachsen soll, gerecht werden. Der Masterplan gab den Startschuss, jetzt gehen wir in die Präzisierung. Auch auf dem Gelände des Universitätsklinikums sollen noch in diesem Jahr die Bagger anrollen. Dazu kommt die riesige Herausforderung der Unterbringung von Flüchtlingen.

 Die Unterbringung der Flüchtlinge greift ja auch in die städtische Wohnungspolitik ein. Wie fühlen Sie sich dabei vom Land unterstützt?

 Wir sind in guten Gesprächen mit dem Land. Wir müssen und werden es schaffen, die notwendige Unterbringung mit den Zielen unserer Stadtentwicklung zu vereinbaren. Wir werden jetzt gemeinsam alle Register ziehen, um den Menschen zu helfen, die bei uns Zuflucht suchen.

 Kurz nach Ihrem Amtsantritt erwiesen sich die Stadtwerke und der überraschende Ausstieg des Mehrheitseigners MVV aus den Plänen für das dringend notwendige Gaskraftwerks als weitere Großbaustelle. Wie beurteilen Sie derzeit den Verhandlungsstand?

 Es ist ein echt hartes Stück Arbeit, aber wir werden eine Lösung finden. Immerhin geht es um 290 Millionen Euro – die wichtigste industriepolitische Investition im Land in den nächsten Jahren. Die energiepolitische Szene blickt gespannt auf Kiel. Wir haben im Juli die nächste Aufsichtsratssitzung. Mein Ziel ist es, dass dann der Knoten durchgeschlagen werden kann.

 Was sind für Sie im kommenden Amtsjahr die größten Probleme für Kiel angesichts der schwierigen Haushaltslage?

 Den Ausbau der Kitas und weitere Zukunftsinvestitionen – von der Modernisierung der Schulen über Olympia bis zur Entwicklung des MFG 5-Geländes – stemmen zu können. Wir haben teilweise überlastetes Personal, das Budget ist knapp. Die dringend notwendige Entlastung durch den Bund wird allein nicht reichen. Wir haben viele Dinge in der Verwaltung, bei denen wir effizienter und moderner werden könnten.

 Was meinen Sie konkret?

 Ein Beispiel von vielen: Unser Forderungsmanagement muss besser werden. Wir haben hohe Außenstände im deutlich zweistelligen Millionenbereich. Dazu zählen fünf Millionen Euro Kitagebühren, aber auch Schulkostenbeiträge der Kreise bis hin zu Abschleppgebühren, die erst anderthalb Jahre später eingefordert werden. Es gibt noch keine langfristige Haushalts- und Modernisierungsstrategie der Stadt. Daran arbeiten wir intensiv – auch, weil wir uns auf den demografischen Wandel vorbereiten müssen. Wir haben einen überdurchschnittlich hohen Krankenstand. Zudem werden viele Mitarbeiter in den nächsten Jahren aus Altersgründen ausscheiden. Wir bekommen aber nur dann gute neue Leute, wenn wir als moderne, bürgerfreundliche und attraktive Verwaltung gelten und nicht ständig wegen des Gewerbesteuerfalls in den Negativ-Schlagzeilen stehen.

 Auch den Gewerbesteuerfall haben Sie geerbt. Gegen Kämmerer Wolfgang Röttgers läuft ein Disziplinarverfahren. Was hat die Stadtverwaltung unternommen, um die Affäre aufzuarbeiten und daraus zu lernen?

 Dem Bericht im Finanzausschuss werde ich nicht vorgreifen, da muss ich noch um etwas Geduld bitten. Nur so viel: Ich gehe davon aus, dass der Gewerbesteuerfall in diesem Jahr umfassend abgeschlossen werden kann, sowohl das Insolvenzverfahren als auch die interne Aufarbeitung. Dazu gehören auch Fragen, warum die Stadt so lange nicht vollstreckt hat und wie man künftig ähnliche Fälle verhindern kann.

 Ihre Vorgängerin trat wegen des Falls zurück. In ihrem Buch hält Susanne Gaschke der Stadt vor, dass sie noch nicht einmal zu Ihrer Amtseinführung eingeladen worden war. Haben Sie zu ihr Kontakt?

 Frau Gaschke und ich kennen uns nicht persönlich und hatten, seit ich Oberbürgermeister bin, keinen direkten Kontakt. Durch ein schlichtes Büroversehen ist sie nicht schriftlich zu meiner Amtseinführung eingeladen worden. Als ich das gemerkt habe, ist die Einladung durch ihren damaligen Büroleiter mündlich nachgeholt worden. Auch dieses Thema eignet sich nicht für Verschwörungstheorien.

  Eine weitere Baustelle scheint sich in Ihrer Position als Wirtschaftsdezernent aufzutun, nachdem das Rathaus in einer Umfrage von Unternehmen nur mäßige Noten erhielt. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie sich durch die Doppelfunktion verzetteln?

 Die Umfrage ist im vergangenen August gestartet worden, als ich erst kurz im Amt war. Wirtschaft ist Chefsache. Meine Vorgänger haben die Positionen ebenfalls vereint. Viele Dinge kommen erst jetzt in die Entscheidungsphase. Ich kann die Ungeduld verstehen, halte aber nichts davon, übereilt zu reagieren. Ich habe ja angekündigt, die Kieler Wirtschaftsförderungs GmbH neu aufzustellen und die Wirtschaftsthemen noch näher an mich heranzuziehen.

 Eigentlich wollten Sie Aufbruchstimmung verbreiten. Haben Sie es angesichts all der schwierigen Themen und Probleme nicht manchmal bereut, Oberbürgermeister geworden zu sein?

 Nein, keine Sekunde. Neben all der Anstrengung freue ich mich jeden Tag über die großen Gestaltungsmöglichkeiten, die ich als Oberbürgermeister habe. Mir wird so bald nicht langweilig werden. Und Aufbruchstimmung haben wir doch schon an vielen Stellen: Das fängt beim Wohnungsboom an und hört bei Olympia noch nicht auf.

 Wie vereinbaren Sie das Amt mit der Familie?

 Das Amt hat das Familienleben weniger belastet, als ich befürchtet habe. Morgens, abends und am Wochenende versuche ich, so viel Zeit wie möglich für das Familienleben und gerade auch für meinen Sohn Johann zu haben. Ich muss allerdings aufpassen, dass ich meine Akkus rechtzeitig auflade. Aber ich finde es immer noch klasse, Kiels Oberbürgermeister zu sein.

 Und worauf freuen Sie sich am meisten im zweiten Amtsjahr?

 Auf noch mehr Baukräne in der Stadt, auf Fortschritte bei Betreuung und Bildung, auf eine tolle Olympia-Kampagne – und auf Holstein Kiel in der 2. Liga.

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Ein Artikel von
Martina Drexler
Lokalredaktion Kiel/SH

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